„Halt den Mund und mach, was man dir sagt!“ schrie meine Schwiegermutter in meiner Küche, ich stand wie angewurzelt mit einem noch feuchten Teller in der Hand

Unverschämte Machtspiele, meine Würde liegt am Boden.
Geschichten

— Halt den Mund und mach, was man dir sagt! Die Stimme meiner Schwiegermutter ist so scharf durch meine Küche gefahren, dass sogar mein Mann mitten im Kauen innegehalten hat.

Ich bin wie angewurzelt vor der Abwasch gestanden, einen noch feuchten Teller in der Hand. Rund um den großen Tisch saßen zwölf Leute aus Lukas’ Familie: seine Schwester Katharina mit ihrem Mann, zwei Tanten, drei Cousins, ein Onkel und ein paar enge Freunde meiner Schwiegermutter.

Und mitten in dieser Runde stand Theresa mit verschränkten Armen, als hätte sie gerade eine freche Haushälterin zurechtgewiesen. Nur war diese „Haushälterin“ eben ich.

Und das Haus, in dem sie mich soeben angeschrien hatte, gehörte mir.

— Wie bitte? — fragte ich langsam.

Theresa verdrehte die Augen.

— Ach, Anna, fang nicht schon wieder mit deinem kleinen Theater an. Du hast ganz genau verstanden, was ich gesagt habe.

Ich stellte den Teller ab.

— Ja. Habe ich. Ich wollte nur sicher sein, dass du tatsächlich den Mut hattest, so mit mir zu reden.

Lukas legte seine Gabel hin.

— Anna, bitte …

Ich drehte den Kopf zu ihm.

Natürlich.

„Anna, bitte.“

Nie sagte er: „Mama, hör auf.“

Nie sagte er: „Sprich nicht so mit meiner Frau.“

Seit acht Jahren waren wir verheiratet, und immer, wenn seine Mutter eine Grenze überschritt, kam von Lukas derselbe Satz.

Anna, bitte.

Als wäre niemals das Problem, was Theresa tat, sondern immer nur, wie ich darauf reagierte.

Angefangen hatte alles drei Stunden zuvor.

Für diesen Sonntag hatte ich eigentlich ein ruhiges Mittagessen geplant.

Zwei Tage davor hatte Theresa angerufen.

— Am Sonntag kommen wir gegen Mittag zu euch.

— Wer ist „wir“?

— Die Familie.

Ich hätte genauer nachfragen sollen.

Um Viertel nach zwölf hielten drei Autos vor meinem Haus.

Zwölf Menschen stiegen aus.

Niemand hatte mich vorher gewarnt.

Theresa spazierte einfach durch die Tür, eine riesige Schüssel in den Händen.

— Wir haben beschlossen, hier zu essen. Bei dir ist mehr Platz.

Bei mir.

Sie wusste also sehr genau, wessen Haus das war.

Die nächsten zwei Stunden bin ich ununterbrochen zwischen Küche und Esszimmer hin und her gelaufen.

Ich schleppte zusätzliche Sessel herbei.

Ich richtete zwei Salate her.

Ich schob die Erdäpfel ins Rohr.

Ich öffnete mehrere Flaschen Getränke.

Ich suchte zusätzliche Teller und Besteck zusammen.

Und als ich mich endlich setzen wollte, um selbst wenigstens einen Bissen zu essen, hielt Theresa mir ihren Teller entgegen.

— Anna, das Fleisch ist kalt.

Ich sah sie an.

— Die Mikrowelle steht hinter dir.

Ihre Stirn zog sich zusammen.

— Kannst du es nicht aufwärmen?

— Ich bediene seit zwei Stunden alle hier. Jetzt möchte ich auch essen.

Einige Gäste schlugen die Augen nieder.

Katharina dagegen lächelte.

— Mama isst ihr Essen gern warm. Das weißt du doch.

— Dann weiß Mama sicher auch, wie man eine Mikrowelle bedient.

Katharinas Lächeln erlosch.

Theresa richtete sich steif auf.

— Was ist denn das für eine Art, Familie zu empfangen …

Ich holte tief Luft.

— Theresa, ihr seid mit zwölf Leuten hier aufgetaucht, ohne dass mir irgendwer vorher Bescheid gesagt hat.

— Wir sind Lukas’ Familie.

— Und?

— Und du könntest dich wirklich ein bissl mehr bemühen.

Ich antwortete nicht.

Ich wollte den Streit vermeiden.

Hedis Stube