Langsam habe ich den Blick gehoben. Mein Mann Markus hat aufgehört, das Fleisch auf seinem Teller zu schneiden. Seine Schwester Anna ist wie erstarrt dagesessen, die Gabel auf halbem Weg zum Mund in der Luft stehen geblieben.
Florian, Annas Mann, hat zuerst zu Theresa geschaut und dann zu mir. Es war Sonntag.
Wir sind alle rund um den Esstisch gesessen und haben versucht, dieses Familienessen zu genießen, das noch ungefähr eine halbe Minute zuvor erstaunlich friedlich gewesen ist. Ich hatte ein Brathendl mit Erdäpfeln gemacht, dazu eine große Schüssel Salat und Gemüse.
Theresa hatte Kuchen mitgebracht. Anna und Florian waren mit einer Flasche Wein gekommen.
Und ich hatte den schrecklichen Fehler begangen, einen Kassazettel auf der Küchenarbeitsfläche liegen zu lassen.

Theresa hat ihn gefunden.
Und selbstverständlich auch gelesen.
„Wie bitte?“, habe ich gefragt.
Theresa tippte mit dem Finger auf den Zettel.
„Hundertsechsundachtzig Euro.“
Ich warf einen Blick auf das Papier.
„Ja.“
„Ja? Mehr fällt dir dazu nicht ein?“
„Ich weiß nicht, was du jetzt von mir hören willst.“
„Hundertsechsundachtzig Euro für Kleidung!“
Markus ließ hörbar die Luft aus.
„Mama …“
„Nein, Markus. Irgendwer muss es ihr ja endlich einmal sagen.“
Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück.
Diesen Satz kannte ich viel zu gut.
„Irgendwer muss es ihr ja endlich einmal sagen.“
Theresa sagte so etwas immer genau dann, wenn sie kurz davor war, sich in Dinge einzumischen, die sie schlicht nichts angingen.
„Ich habe mir Gewand gekauft“, sagte ich ruhig. „Ich habe keine Bank ausgeraubt.“
Anna senkte den Kopf, um ihr Grinsen zu verstecken.
Theresa fand daran allerdings überhaupt nichts lustig.
„Drei Blusen, eine Hose, ein Paar Schuhe und ein Mantel.“
Überrascht sah ich sie an.
„Du hast den Kassazettel offenbar sehr gründlich studiert.“
„Er ist da gelegen.“
„In meiner Küche. Auf meiner Arbeitsfläche.“
„Na und?“
„Du hättest ihn einfach liegen lassen können.“
Theresa verschränkte die Arme vor der Brust.
„Lenk nicht vom Thema ab.“
„Das tu ich nicht. Ich versuche nur zu verstehen, warum du meine Einkäufe kontrollierst.“
„Weil sich endlich einmal jemand um Markus kümmern muss.“
Diesmal war ich es, die seufzte.
Seit fast zwölf Jahren war ich mit ihrem Sohn verheiratet.
Und in diesen zwölf Jahren hatte Theresa Hunderte Gründe gefunden, sich um ihn zu „sorgen“.
Wenn wir einen Fernseher gekauft haben, war er zu teuer.
Haben wir das Sofa ausgetauscht, hätte das alte ihrer Meinung nach locker noch fünf Jahre gehalten.
Sind wir essen gegangen, haben wir angeblich das Geld beim Fenster hinausgeworfen.
Sind wir auf Urlaub gefahren, waren wir verantwortungslos.
Hat Markus mir Blumen mitgebracht, war das eine vollkommen unnötige Ausgabe.
Und wenn ich mit einer neuen Tasche aufgetaucht bin, konnte Theresa sie eine halbe Stunde lang anstarren, als würde sie im Kopf ausrechnen, wie viel Geld ihres Sohnes darin verschwunden war.
Das Seltsamste daran war, dass sie fast nie gefragt hat, wer diese Dinge tatsächlich bezahlt hatte.
Sie ging einfach automatisch davon aus, dass es Markus gewesen sein musste.
„Mama, Katharina arbeitet“, sagte Markus.
„Ich weiß, dass sie arbeitet.“
„Was ist dann das Problem?“
Theresa deutete auf mich.
„Das Problem ist, dass du, seit du mit ihr zusammen bist, viel mehr Geld ausgibst.“
Ich lachte kurz auf.
„Jetzt bin ich also auch noch dafür verantwortlich, was Markus kauft?“
„Tu nicht so unschuldig.“
„Ich tu gar nichts.“
„Früher hat mein Sohn sparen können.“
Markus legte sein Besteck zur Seite.
„Das kann ich immer noch.“
„Danach schaut es aber nicht aus.“
„Mama …“
„Schau dich doch nur in diesem Haus um! Ständig steht irgendetwas Neues da.“
Ich ließ den Blick durch den Raum wandern.
„Was genau ist denn hier neu?“
Theresa zeigte in Richtung Wohnzimmer.
„Diese Lampe.“
„Die haben wir seit acht Monaten.“
„Die Kaffeemaschine.“
„Die haben wir zu Weihnachten geschenkt bekommen.“
„Die Vorhänge.“
„Die sind drei Jahre alt.“
Anna konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.
Theresa funkelte sie verärgert an.
„Das ist nicht komisch.“
„Ein bisserl schon“, murmelte Anna.
Spätestens an diesem Punkt hätte ich das Gespräch beenden sollen.
Wirklich.
Aber Theresa schaute wieder auf den Kassazettel hinunter.
„Hundertsechsundachtzig Euro für Kleidung … In deinem Alter hätte ich niemals so viel Geld für mich selbst ausgegeben, wenn ich eine Familie gehabt hätte.“
„Ich schon.“
„Das sehe ich.“
„Weil ich es mir leisten kann.“
