„Weil ich weggehe“ sagte sie ruhig und griff nach ihren Schlüsseln, während Florian fassungslos im Vorzimmer stehenblieb

Dieses Weggehen ist überfällig und befreiend.
Geschichten

— Wo willst du denn schon wieder hin? Mama kann jeden Moment da sein! — Florian stand mitten im Vorzimmer und schaute mich an, als hätte ich ihm gerade eröffnet, ich würde das Land verlassen.

Ich zog in aller Ruhe den Reißverschluss meiner Handtasche zu.
— Ich weiß.

— Du weißt es? — wiederholte er fassungslos. — Und warum ziehst du dann deine Jacke an?

Ich warf einen Blick auf die Wanduhr.

16:42 Uhr. Seine Mutter sollte um fünf kommen. So wie fast jeden Sonntag in den vergangenen vier Jahren.

— Weil ich weggehe.

Florian blinzelte.
— Jetzt?

— Ja.

— Katharina, Mama ist in weniger als zwanzig Minuten da!

Ich nahm meine Schlüssel von der kleinen Kommode neben der Tür.

— Dann hast du ja noch reichlich Zeit, Kaffee zu machen.

Er starrte mich mit offenem Mund an. Bei seinem Gesichtsausdruck hätte ich beinahe gelacht.

Beinahe. Aber nach vier Jahren, in denen ich meine Wochenenden nach den Besuchen meiner Schwiegermutter ausgerichtet hatte, war mir das Lachen gründlich vergangen.

Als Florian und ich geheiratet hatten, war seine Mutter Theresa ein-, vielleicht zweimal im Monat zum Abendessen gekommen.

Am Anfang hat mich das überhaupt nicht gestört.

Ich habe gern gekocht.

Ich habe Kuchen gebacken. Eine schöne Tischdecke aufgelegt.

Sogar Theresas Lieblingsblumen habe ich besorgt. Doch aus zwei Sonntagen im Monat wurden irgendwann drei.

Dann vier.

Und nach einer Weile fragte Theresa nicht einmal mehr, ob es uns recht wäre. Sie verkündete es einfach:

— Am Sonntag komme ich zu euch.

Und auf merkwürdige Weise galt für alle ganz selbstverständlich: Wenn sie das sagte, hatte ich daheim zu sein.

Theresa kam außerdem nie nur „kurz vorbei“.

Sie erschien gegen fünf am Nachmittag und ging selten vor zehn Uhr abends wieder.

Sie setzte sich ins Wohnzimmer, während ich das Essen vorbereitete.

Sie verlangte Kaffee.

Dann noch einen.

Und irgendetwas fand sie immer, woran sie herumnörgeln konnte.

Die Suppe war zu salzig. Das Hendl zu trocken.

Die Erdäpfel waren nicht knusprig genug. Die Vorhänge hätten längst gewaschen gehört.

Auch die Polster lagen ihrer Meinung nach nie ordentlich.

Und Florian?

Florian lächelte nur.

— Du kennst Mama doch. Sie will halt, dass alles perfekt ist.

Nur beruhte Theresas Vorstellung von Perfektion vollständig auf meiner Arbeit.

An einem Sonntag hatte ich fast fünf Stunden lang das Abendessen vorbereitet. Theresa ließ den Blick über den gedeckten Tisch wandern und fragte dann:

— Gibt es keine Vorspeise?

Florian drehte sich zu mir um.

— Katharina, eine kleine leichte Vorspeise hättest du schon noch machen können.

Daran erinnere ich mich bis heute.

Nicht, weil dieser Satz besonders grausam gewesen wäre.

Sondern weil an diesem Tag etwas in mir gekippt ist.

Ich sah meinen Mann an.

Er saß am Tisch.

Seine Mutter ebenfalls.

Und ich stand in der Küche, in einer befleckten Schürze, die Haare hastig zusammengebunden, die Füße schwer und schmerzhaft vom stundenlangen Stehen.

In diesem Augenblick begriff ich etwas ganz Einfaches.

Für die beiden war das kein gemeinsames Familienessen.

Ich war zur Bedienung geworden.

Und das Schlimmste daran war: Ich selbst hatte mitgemacht, bis es zur Gewohnheit geworden war.

Als Florian mir also an jenem Sonntag beim Frühstück mitteilte:

— Mama kommt um fünf. Sie hätte gern deinen Gemüsebraten.

antwortete ich nur:

— In Ordnung.

Er bemerkte meinen Ton nicht.

Zu Mittag legte er sich schlafen.

Um zwei setzte er sich vor den Fernseher.

Um halb vier fragte er:

— Hast du noch gar nicht zu kochen begonnen?

— Nein.

— Vielleicht solltest du langsam anfangen.

Ich lächelte.

— Vielleicht.

Um halb fünf zog ich mich um.

Hedis Stube