Zehn Minuten danach kamen auch Katharina und ihr Mann dazu.
Gekocht hatte ich.
Die ersten dreißig Minuten wirkten beinahe gewöhnlich. Es wurde gegessen, ein wenig geredet, niemand sprach das Thema an, das in Wahrheit längst zwischen uns auf dem Tisch lag.
Dann legte Barbara ihre Gabel zur Seite.
„Gut. Vielleicht könnten wir jetzt endlich über das Haus reden.“
Tobias’ Schultern spannten sich sofort an.
Ich nahm einen Schluck Wasser.
„Einverstanden.“
Barbara richtete sich auf, als hätte sie diesen Satz schon daheim einstudiert.
„Dein Schwiegervater hat nun die endgültigen Kostenvoranschläge bekommen. Die Arbeiten kommen auf 37.800 Euro.“
Sie sagte es in einem Ton, als wäre die Entscheidung bereits gefallen.
„Und?“, fragte ich ruhig.
„Wir finden, es wäre am vernünftigsten, wenn du und Tobias diese Summe übernehmt.“
Ich sah sie an.
„Warum nicht Katharina?“
Meine Schwägerin senkte den Blick auf ihren Teller.
Barbara zog die Augenbrauen zusammen.
„Katharina hat zwei Kinder.“
„Und weiter?“
„Sie hat einfach mehr Ausgaben.“
„Das heißt, wir sollen zahlen, weil wir keine Kinder haben?“
„So habe ich das nicht gesagt.“
„Doch. Genau darauf läuft es hinaus.“
Tobias’ Vater mischte sich ein.
„Anna, niemand will dich ausnutzen.“
„Das habe ich auch nicht behauptet.“
Barbara verlor sichtlich die Geduld.
„Warum machst du es dann so kompliziert? Ihr könnt es euch leisten.“
„Das ist kein Argument.“
„Das Geld bleibt ja schließlich in der Familie.“
Ich lächelte schwach.
„In Ordnung. Dann überschreibt uns den entsprechenden Anteil am Haus.“
Auf einmal war es still.
Barbara starrte mich an, als hätte ich sie persönlich beleidigt.
„Wie bitte?“
„Wenn wir die gesamte Sanierung bezahlen sollen, dann übertragt ihr uns im Gegenzug einen passenden Eigentumsanteil an der Liegenschaft.“
„Das kommt überhaupt nicht infrage!“
„Warum nicht?“
„Weil dieses Haus meinem Mann und mir gehört!“
Ich ließ zwei Sekunden verstreichen.
„Eben.“
Zu spät merkte sie, dass sie mein Argument soeben selbst ausgesprochen hatte.
Katharina wandte den Kopf ab, offenbar um ein Lächeln zu verbergen.
Barbara wurde rot im Gesicht.
„Du verdrehst mir die Worte!“
„Nein. Ich spreche nur von Eigentum.“
„Du verstehst wirklich gar nichts von Familie.“
„Mag sein.“
Und dann sagte sie diesen einen Satz.
Den Satz, von dem sie glaubte, er würde mich endgültig an meinen Platz verweisen.
„Du bist niemand in dieser Familie, also hast du auch kein Recht, hier deine Meinung kundzutun!“
Für einen Moment schien niemand am Tisch zu atmen.
Tobias riss den Kopf hoch.
„Mama!“
Ich hob nur die Hand.
„Nein. Lass.“
Barbara sah mich herausfordernd an.
Ganz ruhig stand ich auf, ging zur Anrichte und zog die Lade auf.
Ich nahm das Kuvert heraus.
Dann kehrte ich zum Tisch zurück.
„Weißt du, Barbara, ich glaube, mit diesem Satz hast du unser Problem gerade gelöst.“
„Welches Problem?“
Ich legte ihr die Unterlagen hin.
„Wenn ich in dieser Familie niemand bin, wäre es tatsächlich völlig absurd, dass mein Geld eure Immobilie finanziert.“
Sie sagte nichts.
Also nahm ich ein zweites Dokument aus dem Kuvert.
„Und weil es dir offenbar so wichtig ist, dass jeder seinen Platz ganz genau kennt, sollten wir vielleicht noch etwas anderes klären.“
Tobias blickte mich entgeistert an.
„Anna, was ist das?“
Ich drehte das Blatt in seine Richtung.
„Der Grundbuchauszug von diesem Haus.“
Barbara lachte kurz und nervös auf.
„Und was soll das jetzt?“
„Dieses Haus gehört mir.“
„Das wissen wir.“
„Nein“, sagte ich leise. „Ich glaube nicht, dass ihr das wirklich wisst.“
Ich sah ihr direkt in die Augen.
„Seit Jahren kommt ihr unangemeldet hierher. Ihr ladet Leute ein. Ihr räumt meine Sachen um. Ihr entscheidet, wo Weihnachten gefeiert wird. Und heute sitzt du in meinem Haus und erklärst mir, ich sei niemand.“
Barbara öffnete den Mund.
Aber ich ließ sie nicht dazwischenreden.
„Also werden wir ab jetzt genau nach deiner Logik handeln.“
Ich nahm mein Handy vom Tisch, legte es aber nur neben die Unterlagen.
„Wer nicht zu diesem Haushalt gehört, braucht auch keinen Schlüssel zu diesem Haus.“
Barbaras Gesichtsausdruck veränderte sich.
„Welchen Schlüssel?“
„Den Schlüssel zu meinem Haus.“
Sie erstarrte.
Drei Jahre zuvor hatte Tobias ihr einen Ersatzschlüssel gegeben, angeblich nur „für Notfälle“.
Für Barbara war dieser Schlüssel seitdem zu einer dauerhaften Eintrittskarte geworden.
„Das meinst du nicht ernst“, flüsterte sie.
„Doch.“
„Tobias!“
Sie fuhr zu ihrem Sohn herum.
„Jetzt sag doch etwas!“
An diesem Abend senkte Tobias zum ersten Mal nicht den Blick.
„Mama … gib den Schlüssel zurück.“
Barbara wurde blass.
„Wie bitte?“
„Den Schlüssel. Gib ihn zurück.“
Ich glaube, genau in diesem Augenblick begriff sie, dass ihr dieser Abend endgültig entglitten war.
Sie sprang auf.
„Du entscheidest dich also für deine Frau und gegen deine Mutter?“
Tobias schüttelte langsam den Kopf.
„Nein. Ich entscheide mich dafür, meiner Mutter nicht länger zu erlauben, mich und meine Frau zu kontrollieren.“
