— Katharina, musst du wirklich gleich damit anfangen? — Florian fuhr sich mit der Hand über die Stirn. — Mama macht sich halt Sorgen um Anna. Die Hochzeit steht auf der Kippe, Tobias ist schon völlig durch den Wind.
— Und was genau hat meine Wohnung damit zu tun?
— Wir sind doch eine Familie! — Florian hob endlich den Blick. — Wir verkaufen die Garçonnière in der Baumeistergasse. Einen Teil geben wir meiner Schwester fürs Lokal und die Anzahlung, den Rest stecken wir in unseren Kredit. Dann haben wir es selber auch leichter mit den Raten. Was soll daran schlecht sein?
Katharina sah ihn lange an.
— Du schlägst also ernsthaft vor, dass ich meine eigene Wohnung verkaufe, die ich schon vor unserer Ehe geerbt habe, damit deine Schwester im Restaurant feiern kann?
— Es geht doch nicht nur um meine Schwester, — wand sich Florian heraus. — Ich hab dir ja gesagt: Auch unsere gemeinsame Bankschuld wird kleiner. Vier Jahre sind wir verheiratet, Katharina. Mein Gehalt landet genauso in unserem gemeinsamen Topf.
— Den Wohnungskredit zahlen wir halbe-halbe, — erinnerte sie ihn kühl. — Und Großmutters Erbe hat mit dir überhaupt nichts zu tun.
— Immer dieses „deins“ und „meins“! — Florian sprang vom Sofa auf. — Kaum geht es um etwas Ernstes, ziehst du sofort eine Grenze! Einmal wie eine Familie handeln, ist das so schwer? Deiner Schwägerin helfen? An diesen paar Mauern klammerst du dich fest, als wär’s dein Leben, aber echte Menschen sind dir wurscht!
— Wie eine Familie handeln heißt, nicht über die Verhältnisse zu leben, — sagte Katharina scharf. — Ich verkaufe die Wohnung nicht.
Florian machte eine wegwerfende Handbewegung, stapfte auf den Balkon hinaus und schob die Glastür so heftig zu, dass der Rahmen klirrte.
Am Samstag, kurz nach Mittag, läutete Katharinas Handy. Die Nummer kannte sie nicht.
— Spreche ich mit Frau Katharina? — erklang eine muntere Männerstimme. — Immobilienbüro, Sebastian hier. Wir stehen gerade bei Ihrer Wohnung in der Baumeistergasse. Frau Theresa hat uns hineingelassen, aber für den Vorvertrag bräuchten wir noch die Eigentumsunterlagen. Bringen Sie den Grundbuchauszug bald vorbei?
Katharina blieb neben der Küchenzeile wie angewurzelt stehen.
— Welches Immobilienbüro?
— Sofortankauf, — erklärte der Makler hastig. — Ihre Schwiegermutter hat uns gesagt, dass die Sache beim Familienrat bereits beschlossen worden ist. Die Käufer mit Bargeld schauen sich gerade das Zimmer an. Fahren Sie am besten gleich los, die Anzahlung ist vorhanden.
— Verlassen Sie augenblicklich die Wohnung, — sagte Katharina mit gepresster Stimme. — Ich verkaufe gar nichts. Die Unterlagen sind bei mir, und ich bin die alleinige Eigentümerin. Sie befinden sich ohne meine Zustimmung in einer fremden Wohnung.
Am anderen Ende entstand betretenes Schweigen.
— So ist das also … Uns wurde das völlig anders dargestellt. Entschuldigen Sie bitte, wir stornieren den Termin.
Katharina beendete das Gespräch. Sie zog ihre Jacke zu, nahm den Autoschlüssel und ging zur Tür.
Über den nassen Asphalt brauchte sie eine halbe Stunde. Im Haus angekommen, stieg sie in den dritten Stock hinauf, trat vor die vertraute Wohnungstür und steckte den Schlüssel ins Schloss.
Der Schlüssel stieß gegen Metall und ließ sich keinen Millimeter drehen. Der Zylinder war neu, blank glänzend, ohne den kleinsten Kratzer.
Katharina drückte auf die Klingel. Drinnen schlurften Schritte über den Boden.
Die Tür öffnete sich gerade so weit, wie es die Sicherheitskette zuließ. Im Spalt erschien das Gesicht ihrer Schwiegermutter.
— Warum läutest du am Samstag hier Sturm? — fragte Theresa feindselig.
— Warum ist das Schloss ausgetauscht worden? — fragte Katharina zurück.
— Weil ich es so wollte! — stieß Theresa hervor. — Das alte hat geklemmt. Oder soll ich vor der Tür sitzen bleiben?
— Nehmen Sie die Kette herunter und geben Sie mir die Schlüssel. Das ist mein Eigentum.
— War einmal deins, jetzt ist es Familiensache! — Theresa zuckte nicht einmal mit der Wimper. — Ich wohne seit zwei Jahren hier. De facto bin ich hier gemeldet. Mein Sohn hat gesagt, das regelt sich alles. Solange du die Verkaufspapiere nicht unterschreibst, kommst du mir nicht über die Schwelle.
Aus dem Vorraum tauchte Anna auf und feilte sich mit einer Kartonfeile den Fingernagel.
— Katharina, mach jetzt keine Szene im Stiegenhaus. Bis Montag müssen wir die Anzahlung fürs Restaurant abliefern. Du unterschreibst die Vollmacht, dann bekommst du deine Schlüssel zurück.
Das Türblatt ruckte auf Katharina zu.
