„Wenn dein Gehalt ohnehin direkt bei deiner Mutter landet, dann kann sie dir ab jetzt auch das Essen hinstellen.“ Ich habe das so gefasst ausgesprochen, dass ich selbst kurz über meine eigene Ruhe erschrocken bin.
Mein Mann Andreas blieb wie angewurzelt in der Küchentür stehen.
Für ein paar Sekunden war es in unserer Wohnung vollkommen still. Meine Schwiegermutter Barbara saß am Küchentisch und schaute mich an, als hätte ich soeben eine Grenze überschritten, die niemand je antasten durfte.
„Was soll das heißen?“, fragte Andreas schließlich.
„Du hast mich sehr wohl verstanden.“

Ich band mir die Schürze ab und legte sie ordentlich auf die Arbeitsfläche.
„Wenn dein Lohn Monat für Monat auf das Konto deiner Mutter geht, dann darf sie sich von heute an auch um dein Nachtmahl kümmern.“
Barbara fuhr mit der flachen Hand auf den Tisch.
„Was bist du denn für eine Ehefrau?“
Ich hielt ihrem Blick stand.
„Eine erschöpfte.“
An diesem Abend habe ich zum ersten Mal seit Jahren kein Essen gekocht.
Und am nächsten Morgen habe ich die Scheidung eingereicht.
Damit man aber begreift, wie es überhaupt so weit kommen konnte, muss ich ein paar Jahre zurückerzählen.
Als Andreas und ich geheiratet haben, waren wir beide berufstätig. Ich habe als Buchhalterin in einer kleinen Kanzlei gearbeitet, er war bei einem Transportunternehmen angestellt.
Wir hatten eine einfache Wohnung, zahlten gemeinsam einen Kredit zurück und machten uns viele Gedanken darüber, wie unser Leben einmal ausschauen sollte.
Zu Beginn haben wir alles miteinander getragen.
Die laufenden Kosten.
Die Rechnungen.
Den Einkauf.
Das Saubermachen.
Das Kochen.
Wir waren sicher kein makelloses Paar, aber unser Alltag hat funktioniert.
Bis Barbara immer stärker in unser Leben hineingerutscht ist.
Andreas ist seiner Mutter immer schon eng verbunden gewesen.
Vielleicht sogar zu eng.
Am Anfang habe ich mir darüber keine großen Gedanken gemacht. Für mich war es normal, dass eine Mutter an ihrem Sohn hängt.
Dann kamen diese kleinen Sätze, beiläufig hingeworfen und doch immer mit einem Stachel.
„Andreas, iss das lieber nicht. Ich mach dir etwas Ordentliches.“
„Andreas, hast du eh noch genug Geld?“
„Andreas, wieso kauft deine Frau dauernd so viel ein?“
„Andreas, du musst mehr auf die Seite legen.“
Ich habe versucht, mich herauszuhalten.
Bis Andreas eines Abends heimgekommen ist und mir erklärt hat:
„Ich habe beschlossen, meiner Mutter einen Teil von meinem Gehalt zu überweisen.“
Ich sah ihn nur an.
„Wozu?“
„Sie sagt, sie kann besser mit Geld umgehen.“
„Und welchen Teil willst du ihr geben?“
„Fast alles.“
Einen Augenblick lang war ich überzeugt, mich verhört zu haben.
„Fast dein gesamtes Gehalt?“
„Ja. Sie zahlt ein paar Dinge für mich und den Rest spart sie.“
„Andreas, wir haben einen Kredit laufen.“
„Ich weiß.“
„Wir haben Fixkosten.“
„Ich weiß.“
„Warum kommt dein Geld dann nicht mehr in unseren gemeinsamen Haushalt?“
Er zog die Stirn zusammen.
„Sie ist meine Mutter. Ich will sie unterstützen.“
Genau ab diesem Zeitpunkt haben unsere wirklichen Schwierigkeiten angefangen.
Andreas ging weiterhin arbeiten.
Ich genauso.
Doch immer dann, wenn Rechnungen fällig wurden, war sein Geld auf einmal nicht mehr da.
„Diesen Monat übernehme ich das“, versprach er.
Dann kam das Monatsende.
„Ich hab nicht genug übrig.“
Also zahlte ich.
Am Anfang waren es hundert Euro.
Dann zweihundert.
Später vierhundert.
Auf meiner Liste standen plötzlich immer mehr Posten: Lebensmittel, Vorschreibungen und Putzmittel.
