„Wenn die Wohnung jetzt dir gehört, dann hat unsere ganze Familie einen Glücksgriff gemacht! Also halt den Mund und richt dich gefälligst nach unseren Regeln!“ zischte ihre Schwiegermutter, während Anna die Papiere aus der Notariatskanzlei sortierte

Diese aufgesetzte Wärme ist widerlich und berechnend.
Geschichten

Rund eine Stunde später begann ihr Handy zu läuten. Es war Lukas. Anna starrte auf den Namen am Display, rührte sich aber nicht. Der Anruf verstummte, nur um kurz darauf von Nachrichten abgelöst zu werden. Zuerst schrieb Lukas, sie solle endlich zur Vernunft kommen und aufhören, sich so aufzuführen. Danach meldete sich Theresa: erst mit Vorwürfen, dann mit Drohungen und schließlich mit Beleidigungen, die Anna kaum noch zu Ende las.

Sie schaltete das Handy aus und ging ins Schlafzimmer. Auf dem Nachtkastl stand ihr Hochzeitsfoto. Zwei junge Menschen blickten ihr entgegen, lächelnd, verliebt, voller Zuversicht. Anna nahm den Rahmen in die Hand, betrachtete das Bild einen langen Moment und legte es dann mit der Vorderseite nach unten zurück.

Die nächsten Tage vergingen wie hinter einer Glasscheibe. Lukas kam nicht heim; er blieb bei seiner Mutter. Theresa rief in Annas Arbeit an und beklagte sich bei gemeinsamen Bekannten, die Schwiegertochter habe ihren Sohn vor die Tür gesetzt. Katharina wiederum verfasste wütende Nachrichten in den sozialen Netzwerken und tat so, als wäre ihr schweres Unrecht widerfahren.

Anna aber spürte zum ersten Mal seit Langem etwas Festes in sich. Michaels Erbe hatte wie ein Prüfstein gewirkt. Es hatte gezeigt, wer die Familie ihres Mannes wirklich war. Und es hatte ihr auch gezeigt, wer Lukas war, sobald es nicht nach seinem Willen ging.

Nach einer Woche stand er plötzlich vor der Tür. Zerknittert, unrasiert, mit geröteten Augen.

„Anna, bitte. Reden wir“, sagte er leise vom Gang aus.

Sie trat wortlos zur Seite und ließ ihn herein. Lukas ging sofort in die Küche, als gehöre ihm der Platz noch immer, und setzte sich auf seinen gewohnten Sessel.

„Ich hab mich hinreißen lassen“, begann er nach einer Weile. „Aber du hast es auch nicht besser gemacht. Ein bissl entgegenkommen hättest du schon können.“

Anna blieb ruhig stehen.

„Wobei, Lukas?“, fragte sie. „Dass ich deiner Schwester die Wohnung überlasse?“

„Nicht überlasse“, widersprach er rasch. „Nur, dass sie dort wohnen kann. Wir sind doch Familie. Man hilft einander.“

Anna schüttelte langsam den Kopf.

„Familie bedeutet nicht nur nehmen. Familie bedeutet auch geben. Sag mir, was mir deine Familie in all den Jahren gegeben hat – außer Forderungen, Erwartungen und dem Gefühl, nie genug zu sein.“

Lukas schwieg. Seine Finger trommelten unruhig auf der Tischplatte. Dann hob er den Blick.

„Wenn du nicht bereit bist, meinen Leuten zu helfen“, sagte er hart, „dann ist eine Scheidung vielleicht wirklich das Beste.“

Anna sah ihn lange an. Es tat weh, aber der Schmerz war nicht mehr lähmend.

„Vielleicht“, antwortete sie schließlich. „Vielleicht ist es genau das.“

Am Abend, nachdem Lukas wieder zu seiner Mutter gegangen war, saß Anna mit einem Häferl Tee beim Fenster. Draußen gingen nach und nach die Lichter der Stadt an. Irgendwo, in einem anderen Bezirk, stand Michaels Wohnung. Eine Wohnung, die nicht nur ein Erbe gewesen war, sondern auch eine Prüfung.

Anna dachte an das, was nun kommen würde: an die Scheidung, an die Stille in der Wohnung, an das Alleinsein. Aber auch an Möglichkeiten, die sie vorher nie ernsthaft gesehen hatte. Angst empfand sie keine. Im Gegenteil – zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, ihr eigenes Leben wieder in der Hand zu haben.

Da läutete das Handy erneut. Theresa. Anna drückte den Anruf weg und sperrte die Nummer. Danach klappte sie den Laptop auf und begann, Informationen zur Vermietung der Wohnung zu suchen.

Das Leben ging weiter. Und Anna nahm sich fest vor, es von nun an nach ihren eigenen Regeln zu leben.

Hedis Stube