„In diesem Zuhause bist du niemand. Merk dir das ein für alle Mal.“ sagte Valentina und ließ Anna stumm, verletzt und klein in ihrer eigenen Wohnung stehen

Diese schamlose Selbstherrlichkeit ist unerträglich und herzlos.
Geschichten

— Also hör gut zu, meine Liebe, — sagte Valentina in einem Ton, in dem man nicht mit der Schwiegertochter spricht, sondern mit einer Putzfrau, die man gleich hinauswerfen will. — In diesem Zuhause bist du niemand. Merk dir das ein für alle Mal.

Anna schwieg. Sie stand mitten im Wohnzimmer ihrer neuen Wohnung — jener Wohnung, in die sie und Lukas erst vor drei Wochen eingezogen waren — und sah ihre Schwiegermutter an. Auf das gefärbte Haar in einem künstlichen Mahagoniton. Auf den Morgenmantel mit Pfauenmuster, den Valentina schon in aller Früh übergeworfen hatte, bevor sie ohne jede Vorwarnung aufgetaucht war. Auf die schweren Finger, vollgesteckt mit Ringen. Valentina stand in einer fremden Küche und musterte alles rundherum mit dem Gesichtsausdruck einer Hausherrin, die nach langer Abwesenheit endlich wieder zurückgekehrt war.

— Lukas! — rief die Schwiegermutter. Nicht laut, sondern genau so, fordernd und müde zugleich, wie man nach einem Hund ruft. — Lukas, komm her!

Lukas kam. Auf diesen Ruf kam er immer: rasch, ein bisserl schuldbewusst, mit leicht eingezogenen Schultern. Zweiunddreißig Jahre alt war der Mann, und doch trat er in ein Zimmer, in dem seine Mutter stand, als müsse er zum Direktor in die Kanzlei.

— Mama ist da, — teilte er Anna mit, als hätte sie es nicht längst selbst gesehen.

— Seh ich, — antwortete Anna.

So hatte also alles begonnen.

Die Wohnung hatten sie gemeinsam gekauft — Annas Erspartes, Lukas’ Versprechungen. Drei Jahre lang hatte Anna von ihrem Gehalt als Projektmanagerin bei einem Bauträger etwas auf die Seite gelegt und sich dabei fast alles versagt: neue Kleidung, Reisen, ordentliche Mahlzeiten, kleine Freuden. Sie hatte gespart, wie man eben spart, wenn es um etwas Wichtiges geht, um etwas Echtes, Eigenes. Lukas hatte sich auf seine Weise beteiligt: Er hatte unbedingt in genau diesem Grätzl wohnen wollen, in genau diesem Stockwerk, mit genau diesem Grundriss. Eine Meinung ist ja schließlich auch ein wertvoller Beitrag, nicht wahr?

Der Schwiegervater Florian war beim Termin in der Notariatskanzlei aufgetaucht. Im Anzug, mit einer Mappe unter dem Arm und mit dem Lächeln eines Mannes, der etwas weiß, wovon die anderen keine Ahnung haben. Er hatte Annas Hand ein wenig länger gedrückt, als nötig gewesen wäre.

— Brav machst du das, — hatte er gesagt. — Gescheit, wenn man in die Familie investiert.

Damals hatte Anna nicht verstanden, warum ihr bei diesem Satz unbehaglich geworden war. Später verstand sie es.

Der Sommer in jenem Jahr war stickig und klebrig gewesen. Der Juli hatte sich wie eine schwere Decke über die Stadt gelegt, und in der kleinen Wohnung im fünften Stock, ohne Klimaanlage, war kaum Luft zum Atmen geblieben. Nachts riss Anna die Fenster auf, hörte unten irgendwo Autos hupen und dachte: Jetzt also. Jetzt beginnt das Leben. Das richtige. Das eigene.

Valentina kam von da an oft vorbei. Ohne Anruf, ohne Nachricht, ohne irgendeine Absprache — einfach ein Läuten an der Tür, und schon stand sie im Vorzimmer, zog die Schuhe aus und schaute sich mit diesem prüfenden Blick um, als suche sie nur danach, woran sie sich als Nächstes stoßen könnte.

— Da liegt Staub, — sagte sie dann und fuhr mit dem Finger über ein Regal. — Anna, siehst du das nicht?

— Doch, — erwiderte Anna. — Am Wochenende mach ich sauber.

— Am Wochenende! — Valentina lachte kurz und unangenehm. — Na geh, wirklich?

Selbst rührte sie dabei keinen Finger. Sie setzte sich aufs Sofa, drehte den Fernseher auf, verlangte Tee und beobachtete Anna, während diese durch die Wohnung ging — mit der Miene einer Aufseherin, die kontrolliert, ob die Arbeit ordentlich erledigt wird. Lukas verschwand in solchen Momenten jedes Mal irgendwohin. Einmal musste er plötzlich dringend einkaufen, ein anderes Mal rief angeblich jemand aus der Arbeit an, oder er ging einfach ins andere Zimmer und setzte sich Kopfhörer auf.

— Lukas, — sagte Anna eines Abends, nachdem seine Mutter endlich gefahren war. — Können wir reden?

— Ja, sag halt, — murmelte er, ohne den Blick vom Handy zu heben.

— Schau mich bitte an.

Er schaute auf. Seine Augen wirkten müde, ein wenig schuldbewusst — und hinter diesem schlechten Gewissen lag eine so eingeübte Unterwürfigkeit, dass Anna plötzlich beinahe Mitleid empfand. Er war kein böser Mensch. Er war nur … aus einem anderen Teig gemacht. Aus einem Teig, den seine Mutter sein Leben lang geknetet hatte.

— Sie kann nicht alle zwei Tage hier auftauchen, — sagte Anna.

— Sie vermisst mich halt.

— Lukas.

— Anna, sie meint es ja nicht böse.

Anna widersprach nicht weiter. Sie begann bereits zu begreifen: Mit Lukas konnte man reden, so lange man wollte. Es war, als spräche man mit einer Wand, die zwar Ohren hatte und sogar ein mitfühlendes Gesicht machte — aber am Ende trotzdem eine Wand blieb.

Das wirkliche Ausmaß der Sache wurde ihr durch Zufall klar.

An einem Abend kam Florian „einfach so“ vorbei — ein seltener Gast, der sich sonst lieber im Hintergrund hielt. Er setzte sich an den Tisch, trank Kaffee und sprach über Immobilienpreise. Ruhig redete er, ausführlich, mit langen Pausen dazwischen — wie jemand, der warten kann.

— Du hast das schon richtig gemacht, Anna, dass du es auf Lukas hast eintragen lassen, — sagte er plötzlich. — Familie bedeutet Vertrauen.

— Die Wohnung ist auf uns beide eingetragen, — sagte Anna.

Hedis Stube