Florian lächelte nur.
— Ja, freilich. Eh klar.
Aber in diesem Lächeln lag etwas — etwas Leises, Zufriedenes, beinahe Selbstverständliches — und genau das hat Anna in der Nacht dazu gebracht, sämtliche Unterlagen hervorzuholen und sie auf dem Küchentisch auszubreiten. Blatt für Blatt ist sie durchgegangen, langsam, Zeile für Zeile, dann noch einmal von vorn. Schließlich öffnete sie die Seite für den Grundbuchauszug und blieb lange vor dem Bildschirm sitzen, ohne sich zu rühren.
Alles war rechtlich sauber. Alles war ordentlich eingetragen. Gerade deshalb, gerade weil es so akkurat und unangreifbar wirkte, begriff Anna plötzlich: Es gab einen Plan. Und dieser Plan war nicht erst gestern entstanden. Er war von Anfang an da gewesen. Florians Lächeln war nicht bloß das Lächeln eines Schwiegervaters, der sich über seinen Sohn freute.
Es war das Lächeln eines Menschen, der bereits gerechnet hatte.
Am nächsten Tag vereinbarte sie einen Termin bei einem Rechtsanwalt. Nicht bei einer Freundin, nicht bei irgendeinem Bekannten, sondern bei einem völlig fremden Mann, den sie im Internet gefunden hatte — mit guten Bewertungen und einer Kanzleiadresse in einem Bürohaus am anderen Ende der Stadt.
Sie wollte einfach nur wissen, wovor genau sie sich fürchten musste.
Während der Bus sie durch die flimmernde Hitze quer durch die Stadt brachte, schaute Anna hinaus und dachte daran, dass Valentina an diesem Morgen wieder angerufen hatte. Sie hatte angekündigt, am Samstag vorbeizukommen, sie wolle „beim Putzen helfen“. Und Lukas hatte geantwortet: Natürlich, Mama, komm nur.
Ohne Anna auch nur anzuschauen.
Wie immer.
Der Rechtsanwalt war jünger, als sie erwartet hatte — vielleicht Mitte dreißig, mit Brille, gepflegtem Bart und einer Art zu sprechen, die knapp, ruhig und sachlich war. Er hieß Tobias. Sein Büro war klein, aber es wirkte seriös: Aktenordner bis unter die Decke, auf dem Schreibtisch nur ein Laptop und ein Glas Wasser.
Anna legte die Kopien der Unterlagen vor ihn hin.
Er blätterte schweigend darin, machte ab und zu mit dem Bleistift eine Notiz auf einem separaten Blatt. Dann nahm er die Brille ab und rieb sich über den Nasenrücken.
— Das Geld war also Ihr persönliches Vermögen? Vor der Ehe angespart?
— Ja. Drei Jahre lang.
— Gibt es Nachweise? Kontoauszüge, Überweisungen?
— Alles vorhanden.
Er nickte langsam, und in diesem Nicken lag Zustimmung.
— Dann ist Ihre Ausgangslage gut. Aber Sie sollten jetzt handeln, nicht irgendwann später. Später wird es komplizierter.
Anna ging auf dem Heimweg eine andere Strecke. Durch den Park, zu Fuß, obwohl die Hitze schwer auf der Stadt lag. Sie musste gehen, sich bewegen, die Gedanken ordnen. Die Linden entlang der Allee rochen süß und dicht, irgendwo schrien Kinder, jede Bank war besetzt. Ein ganz normaler Sommertag, eine ganz normale Stadt — und in ihr drinnen verschob sich etwas, so wie Möbel in einem Zimmer, das man endlich vernünftig einrichten will.
Sie war nicht wütend. Genau das wunderte sie selbst: Sie war nicht wütend. Sie dachte nach.
Der Samstag kam gemeinsam mit Valentina. Um halb elf stand sie vor der Tür, mit einem Sackerl in der Hand, aus dem ein Wischmopp herausragte. Tatsächlich ein eigener Wischmopp. Von daheim mitgebracht. Als wäre Annas nicht gut genug.
— Ich bin zum Helfen da, — verkündete sie schon im Vorzimmer und ging an Anna vorbei, als wäre diese bloß ein Kleiderständer.
Lukas empfing seine Mutter im Gang, strahlte sofort und nahm ihr das Sackerl ab.
— Mama, warum schleppst du denn extra einen Wischmopp mit?
— Was ihr da habt, ist kein Wischmopp, das ist höchstens Dekoration, — schnitt Valentina ihm das Wort ab und marschierte in die Küche.
Anna betrachtete diese kleine Aufführung vom Wohnzimmer aus. Ruhig. Sie bemühte sich jetzt überhaupt, ruhig zu bleiben, weil sie eine einfache Sache verstanden hatte: Wenn du gelassen bleibst, werden sie nervös. Sie brauchen deine Reaktion. Ohne Reaktion stehen sie da wie Schauspieler auf einer leeren Bühne.
Valentinas Putzaktion sah ungefähr so aus: Sie ging durch die Wohnung und kommentierte laut alles, was ihr unterkam — die Vorhänge seien unpassend, das Geschirr stehe falsch, im Kühlschrank herrsche gähnende Leere. Den mitgebrachten Wischmopp nahm sie genau ein einziges Mal in die Hand, und das für genau drei Minuten. Danach war sie erschöpft und legte sich aufs Sofa, um eine Serie zu schauen.
— Anna, du könntest wenigstens staubsaugen, — sagte sie aus der Waagrechten.
— Das hatte ich für Sonntag vor, — antwortete Anna.
— Na wunderbar, — seufzte Valentina zur Zimmerdecke hinauf. — Lukas, siehst du, wie sie mit eurem Zuhause umgeht?
Lukas saß in diesem Moment neben seiner Mutter und schaute dieselbe Serie.
— Mama, es passt schon.
— Es passt schon! — Valentina stützte sich auf den Ellbogen. — Mein Sohn, du merkst das nur nicht, weil du dich daran gewöhnt hast. Männer sehen so etwas nie. Ich würde in so einem Staub keine Minute sitzen bleiben.
Anna ging auf den Balkon hinaus. Eine Weile stand sie dort und schaute über die Dächer. In der Ferne fuhr eine Straßenbahn vorbei und klingelte in der Kurve. Der Himmel war milchig und heiß, ein Julihimmel ohne eine einzige Wolke, glatt wie ein frisch gebügeltes Leintuch.
Noch ein bisschen, sagte sie sich. Nur noch ein kleines bisschen.
Florian tauchte am Sonntagabend auf — leise, ohne vorher anzurufen, wie immer. Er brachte eine Wassermelone mit. Dann setzte er sich an den Tisch.
