Die Schwiegermutter hatte ihren Sohn und dessen Frau nur aus Spott zu ihrem runden Geburtstag eingeladen — nach elf Jahren ohne jedes Wiedersehen. Doch am Ende ist ihr selbst das Lachen vergangen …
— Mama, warum stehst du denn wie angewurzelt da? Die Gäste sitzen längst alle im Saal.
Theresa rückte die Perlenkette zurecht, die sie von Maximilian zu ihrem sechzigsten Geburtstag bekommen hatte, und zog die Lippen zu einem Lächeln.
— Ich überlege nur, ob Tobias wirklich kommt.
Maximilian schnaubte verächtlich.

— Wozu hast du ihn überhaupt eingeladen? Elf Jahre lang war Funkstille, und das war auch gut so.
Sie hob nur die Schultern. Genau genommen wusste sie selbst nicht, was sie dazu getrieben hatte. Vielleicht wollte sie sehen, wie tief er inzwischen gesunken war. Tobias. Der Älteste. Von Stefan. Aus jener Ehe, an die sie sich am liebsten gar nicht erinnerte. Ein missratener Vater, ein missratener Sohn. Fremdes Blut.
— Er soll einmal sehen, wie anständige Leute leben — sagte Theresa und ging Richtung Ausgang. — Vielleicht schämt er sich wenigstens ein bisserl.
Im Restaurant herrschte geschäftiges Stimmengewirr. Die Tische bogen sich unter kalten Vorspeisen, Kellner schenkten Sekt ein. Theresa nahm Glückwünsche entgegen, lächelte höflich, doch aus dem Augenwinkel beobachtete sie ununterbrochen die Tür. Tobias erschien nicht.
Feigling, dachte sie mit stiller Genugtuung. Er traut sich nicht herein.
Vor elf Jahren hatte sie ihn selbst hinausgeworfen. Damals hatte der Bub — nein, der erwachsene Sohn — Geld von ihr gewollt. Für eine Wohnung, für irgendeine Anzahlung. Sie hatte ihm eine klare Absage erteilt. Vor ihren anderen Söhnen. Vor seiner Katharina, diesem stillen Niemand vom Land. Alles hatte sie ihm an den Kopf geworfen: dass sie es satt habe, einen Versager durchzufüttern, dass Schluss sei und er sein Leben gefälligst allein in den Griff bekommen solle.
Tobias hatte damals kein Wort mehr gesagt. Er hatte sich nur umgedreht und war gegangen. Danach hatte er nie wieder angerufen. Er war einfach verschwunden.
Und nun hatte sie ihn eingeladen. Nur zum Spaß. Um Maximilian und Florian zu zeigen: Seht ihr, ich hatte recht, aus ihm ist nichts geworden.
Da öffnete sich die Tür des Restaurants.
Im selben Augenblick drehten sich alle Köpfe dorthin. Ein Mann trat in den Saal, in einem Anzug, von dem man den Blick kaum lösen konnte — nicht, weil er protzig gewesen wäre, sondern wegen des tadellosen Schnitts, des kostbaren Stoffes und der selbstverständlichen Haltung, mit der er getragen wurde.
Neben ihm ging eine Frau in einem cremefarbenen Kleid, die Frisur wie aus einem Hochglanzmagazin. An ihrer Hand hielt sie einen Buben von ungefähr acht Jahren, so elegant angezogen, als wäre er zu einem Empfang in einer Botschaft mitgenommen worden.
Theresa erstarrte. Sie erkannte sie nicht. Diese Menschen wirkten, als hätten sie sich in der Tür geirrt — zu vornehm, zu souverän, zu sehr nach einer Welt, die nicht zu ihrem Geburtstagsfest passte.
Maximilian stieß sie mit dem Ellbogen an.
— Wer ist das? Hast du irgendwelche Geschäftspartner eingeladen?
Der Mann kam direkt auf ihren Tisch zu. Sein Blick glitt ruhig und prüfend durch den Saal. An seinem Handgelenk blitzte eine Uhr auf, die mehr gekostet haben musste als Maximilians Auto.
Vor der Jubilarin blieb er stehen.
— Guten Abend, Mama. Ich bin Tobias.
Theresa hatte das Gefühl, als würde sich in ihr alles zusammenziehen. Maximilian, der gerade sein Glas zum Mund geführt hatte, verharrte mitten in der Bewegung. Florian ließ seine Gabel fallen.
Das war ihr ältester Sohn. Aber nicht mehr jener gebeugte, ständig schuldbewusste junge Mann von früher. Vor ihr stand ein Mann, von dem eine solche Sicherheit ausging, dass sich die Luft um ihn zu verändern schien.
Tobias wandte sich der Frau an seiner Seite zu.
— Das ist Katharina. Meine Frau. Und unser Sohn Paul.
Katharina nickte knapp — ohne Angst, ohne Entschuldigung, ohne dieses frühere Bemühen, niemandem zur Last zu fallen. Sie benahm sich wie jemand, der elegante Restaurants und neugierige Blicke gewohnt war.
Theresa öffnete den Mund, doch kein Laut kam heraus. Auch am Tisch wurde es plötzlich ganz still.
Maximilian hielt die Spannung nicht länger aus.
— Was machst du eigentlich? Wo arbeitest du?
Tobias sah seinen Bruder an. In seinem Blick lag weder Herausforderung noch Verachtung. Nur eine ruhige Gelassenheit.
— Katharina und ich haben ein eigenes Unternehmen. Wir entwickeln Zahlungssysteme für internationale Firmen.
Katharina setzte mit leiser Stimme an.
