„Wozu hast du ihn überhaupt eingeladen? Elf Jahre lang war Funkstille, und das war auch gut so.“ schnaubte Maximilian verächtlich

Sein Nichterscheinen war erbärmlich und schamlos.
Geschichten

— Tobias verantwortet die IT-Architektur, ich kümmere mich um das Produktmanagement. Im Vorjahr sind wir auf die europäischen Märkte gegangen.

Florian schnaubte unsicher, fast verächtlich.

— Na freilich, Start-ups … Heutzutage gründet ja jeder irgendein Start-up.

Katharina wandte sich ihm zu. Ihr Lächeln blieb höflich, beinahe zart, doch in ihren Augen blitzte etwas Hartes auf.

— Nicht jeder, Florian. Uns ist es gelungen.

Über dem Tisch legte sich eine schwere Stille. Theresa sah ihren Sohn an und begriff nicht, wie ausgerechnet er so geworden war. Woher kam diese Ruhe? Dieses Selbstvertrauen? Das Geld, der Anzug, diese Frau an seiner Seite, die längst nicht mehr das schüchterne, einfältige Mädel vom Land war?

Eine der Gäste, Theresas Nachbarin, beugte sich zu ihrer Freundin hinüber und flüsterte so laut, dass es ohnehin alle hören konnten:

— Na, das nenn ich eine Wendung. Dabei hat sie uns immer erzählt, ihr ältester Sohn bringe es zu gar nichts.

Theresa wurde kreidebleich.

Tobias ging vor seinem Neffen in die Hocke, vor Lukas, Maximilians zehnjährigem Sohn. Der Bub schaute seinen Onkel mit glänzenden Augen an.

— Servus, Lukas. Wie alt bist du jetzt eigentlich?

— Zehn, — sagte der Bub und nickte eifrig.

Tobias zog aus seiner Jackentasche eine geprägte Visitenkarte und reichte sie ihm.

— Wenn dich interessiert, wie Programme entstehen oder wie ein Unternehmen funktioniert, ruf mich an. Komm einmal bei uns im Büro vorbei, dann zeig ich dir alles.

Maximilian spannte sich sofort an.

— Tobias, lass das …

— Was soll ich lassen, Maximilian? Meinen Neffen einzuladen? — Tobias richtete sich langsam auf. — Keine Sorge, ich will ihn dir nicht wegnehmen. Ich möchte ihm nur zeigen, dass es auch noch eine andere Welt gibt.

Lukas hielt die Karte fest umklammert, als wäre sie ein kleiner Schatz. Maximilian presste die Kiefer aufeinander.

Tobias kehrte zum Platz der Jubilarin zurück. Erst jetzt fand Theresa ihre Stimme wieder.

— Tobias, ich … Ich hätte nie gedacht, dass du …

— Dass ich es schaffen kann? — nahm er ihr den Satz ab. — Ja, ich weiß. Vor elf Jahren hast du das auch vor allen gesagt. Dass ich ein Versager bin. Dass du es satt hast, mich wie Ballast mitzuschleppen. Dass aus mir nie etwas werden wird.

Ihr Gesicht verlor jede Farbe. Die Gäste verstummten endgültig und taten so, als wären die Teller vor ihnen plötzlich von größtem Interesse.

— Tobias, verzeih mir … Ich hab das nicht so gemeint …

— Doch, hast du, — unterbrach er sie, ohne laut zu werden. Es klang nicht grausam, nur nüchtern. — Und weißt du was? Danke dafür. Genau diese Demütigung haben Katharina und ich gebraucht, um eines zu begreifen: Wir können uns nur auf uns selbst verlassen.

Katharina legte ihm die Hand auf die Schulter. Nicht, um ihn aufzuhalten, sondern damit er spürte, dass sie da war.

Tobias holte tief Luft und sprach dann ruhiger weiter.

— Damals hatten wir gar nichts. Wir haben ein kleines Zimmer in einem Studentenheim gemietet. Katharina hat im Callcenter gearbeitet, ich habe in der Nacht programmiert. In den ersten zwei Jahren haben wir jeden Cent zweimal umgedreht. Dann ist Paul geboren worden, und alles ist noch schwieriger geworden. Aber wir haben niemanden um Hilfe gebeten. Wirklich niemanden.

Sein Blick glitt über den Tisch: über Maximilians teure Uhr, über Florians selbstzufriedenes Gesicht, über Theresas Perlenkette.

— Den ersten Auftrag haben wir nach drei Jahren bekommen. Er war klein. Danach kam der nächste. Dann sind Investoren auf uns aufmerksam geworden. Wir haben ein Produkt gebaut, das ein echtes Problem gelöst hat. Und von da an ist es gelaufen.

Florian verzog den Mund.

— Leicht redet sich’s, wenn man es schon geschafft hat.

Tobias drehte sich zu ihm. Zum ersten Mal lag in seiner Stimme eine schneidende Härte.

— Leicht? Florian, hast du jemals zwei Tage hintereinander gar nicht geschlafen? Hast du jemals nicht gewusst, ob am nächsten Tag noch Geld fürs Essen übrig ist? Hast du deine Frau schon einmal dabei gesehen, wie sie sich für gratis Kindergewand angestellt hat, während du in einer Besprechung den erfolgreichen Unternehmer spielen musstest? Nein. Weil Mama immer ein Netz unter euch gespannt hat. Maximilian hat eine Wohnung bekommen. Du hast Kontakte bekommen. Wir haben nichts bekommen. Und genau das war im Nachhinein das Beste, was sie tun konnte.

Theresa vergrub das Gesicht in den Händen.

Hedis Stube