„Ich hab mich nicht auf zwei Hacken zerrissen, nur damit ich mir dieses Häuschen leisten kann und deine Mutter es dann in eine Herberge für ihren ganzen Anhang verwandelt! Die Schlüssel auf den Tisch, Lukas. Und sorg dafür, dass bis zum Abend keiner von denen mehr da ist“ sagte Anna in einem dunklen, ruhigen Ton am Tor, die Hand auf der Motorhaube

Widerlich respektlos, egoistisch und zutiefst verletzend.
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„Ich hab mich nicht auf zwei Hacken zerrissen, nur damit ich mir dieses Häuschen leisten kann und deine Mutter es dann in eine Herberge für ihren ganzen Anhang verwandelt! Die Schlüssel auf den Tisch, Lukas. Und sorg dafür, dass bis zum Abend keiner von denen mehr da ist.“

Anna hat nicht geschrien. Sie hat in diesem dunklen, ruhigen Ton gesprochen, den ihre Mitarbeiter nur allzu gut gekannt haben – jener Klang, bei dem einem innerlich kalt wird und jede Lust auf Widerspruch von selbst vergeht.

Sie ist am weit geöffneten Tor gestanden, eine Hand auf der Motorhaube ihres Wagens. Das Blech ist heiß gewesen, doch gegen das Brodeln in ihrer Brust war das nichts. Vor ihr hat sich ein Bild geboten wie aus einem schlechten Traum. Ihr kleines Refugium, ihr Rückzugsort – bezahlt mit zwei Jahren ohne Urlaub, ohne freie Wochenenden – hat ausgesehen wie ein Bahnhofsvorplatz an einem Markttag.

Lukas ist vor ihr herumgetreten, von einem Fuß auf den anderen. In der einen Hand hat er ein angebissenes Stück Semmel gehalten, mit der anderen vergeblich versucht, einen Ketchupfleck auf seinem T‑Shirt zu verdecken. Er hat gewirkt wie ein Bub, den man beim Rauchen im Stiegenhaus erwischt – ertappt, fahrig, mit unstetem Blick.

„Anna, jetzt übertreib halt nicht gleich“, hat er beschwichtigend begonnen und sich zu einem schiefen Lächeln gezwungen. „Das sind doch keine Fremden. Das ist Onkel Tobias mit seiner Familie, die Tante Claudia… Mama hat nur gemeint, bei dem Wetter wär’s eine Sünde, daheim zu sitzen. Wir sind doch eine Familie. Man muss ja nicht immer so eigensinnig sein.“

Ohne ein Wort hat Anna über seine Schulter hinweggeblickt. Auf ihrem penibel gepflegten Rasen – den sie nach der Arbeit mit beinahe fanatischer Genauigkeit gehegt hat – ist ein schmutziger, rostiger Wagen gestanden. Mitten auf dem Gras. Aus den offenen Fenstern hat irgendeine primitive Schlagermusik gedröhnt, die Bässe haben die Scheiben des Hauses vibrieren lassen.

Ein paar Meter weiter, nahe der Veranda, hat ein billiger, zusammenklappbarer Grill gequalmt. Der Rauch ist schwarz und beißend aufgestiegen – offenbar hat jemand großzügig Grillanzünder darübergeleert. Ein schwerer Mann im ausgeleierten Unterleiberl hat schwitzend über der Glut gewedelt, so heftig, dass Funken auf das frisch gestrichene Geländer geflogen sind.

„Familie?“, hat Anna wiederholt, und in ihrer Stimme ist Stahl mitgeschwungen. „Lukas, ich hab diese Leute einmal gesehen. Vor fünf Jahren. Auf unserer Hochzeit, als sie dem Kellner an die Gurgel gegangen sind, weil sie irgendeinen Hochzeitsscherz übertrieben haben. Das ist keine Familie, das ist eine Naturkatastrophe. Du hast dir den Schlüssel geholt, um den Rasen zu mähen und den Zaun zu reparieren. Gratuliere. Der Rasen ist plattgefahren, und den Zaun stützt jetzt offenbar der Kohlesack.“

Sie ist aufs Grundstück gegangen, ohne Einladung. Ihre Absätze haben sich in den Kies gebohrt. Lukas ist hinterhergetrabt, hat versucht, sie aufzuhalten, aber sich nicht getraut, sie anzufassen.

„Anna, bitte. Es ist doch unangenehm. Die Leute sind da, haben sich eingerichtet. Mama hat seit gestern das Fleisch mariniert. Sie konnten ja nicht wissen, dass du kommst. Ich hab gedacht, wir sitzen gemütlich beisammen, ganz ruhig…“

„Ruhig? Zehn Personen auf sechshundert Quadratmetern?“ Sie ist abrupt stehen geblieben – direkt vor ihrem Stolz: dem kleinen Alpengarten.

Was sie gesehen hat, hat ihr für einen Moment den Atem genommen. Zwischen den sorgsam gesetzten Steinen, den niedrigen Nadelgehölzen und den seltenen Pflanzen aus einer Spezialgärtnerei ist eine halbvolle Fünf-Liter-Flasche Wasser gestanden. Daneben ein Haufen Plastikbecher. Offenbar hat jemand beschlossen, dass diese Steinlandschaft ein perfektes Buffet sei. Ein fettiger Pappteller mit einem angebissenen Stück Paradeiser ist am Wacholder geklebt.

„Das wird sofort entfernt“, hat Anna leise gesagt und auf den Steingarten gezeigt. „Sofort.“

„Ja, ja, räumen wir eh weg“, hat Lukas abgewunken, ohne sich zu rühren. „Geh lieber rüber und sag Grüß Gott. Mama winkt schon.“

Auf der Veranda, in Annas geflochtenem Lieblingssessel – jenem Platz, an dem sie sich mit einem Buch und einem Häferl Kaffee gesehen hat – ist Maria gesessen. Wie eine Feldherrin bei einer Parade. Bunter Hausmantel, Weinglas in der Hand. Als sie ihre Schwiegertochter bemerkt hat, ist sie nicht einmal aufgestanden, sondern hat nur das Glas gehoben und etwas über die Musik hinweggerufen.

In Anna ist etwas umgesprungen. Das letzte Fünkchen Mitleid mit ihrem Mann ist verpufft. Übrig geblieben ist nur Abscheu. Lukas ist ihr plötzlich vorgekommen wie ein Teil dieses Jahrmarkts – fehl am Platz auf ihrem Grund, genauso störend wie die Plastikbecher zwischen den Pflanzen.

„Ich werde niemanden begrüßen“, hat sie ruhig gesagt. „Ich bin nicht zu Besuch. Ich bin zu Hause. In meinem Haus. Es läuft auf meinen Namen, und ich zahle den Kredit dafür. Du gehst jetzt zu deiner Mutter und erklärst ihr, dass das Fest vorbei ist. Eine Stunde habt ihr. Packt eure Sachen, nehmt euren Müll mit und stellt das Auto von meinem Rasen.“

„Bist du wahnsinnig?“ hat Lukas gezischt, und zum ersten Mal ist echte Angst in seinen Augen aufgeblitzt. „Wie soll ich das sagen? Die fühlen sich beleidigt! Onkel Tobias ist extra aus der Gegend von Linz hergefahren. Mama macht einen Riesenskandal, du kennst sie doch. Zieh dich um, setz dich zu uns, eine Stunde – am Abend fahren sie eh heim. Sei doch nicht so…“

„So was? Eine Hexe?“ Anna hat bitter gelacht. „Als ich monatelang durchgearbeitet hab, damit wir die Anzahlung stemmen können, war ich gut genug. Und jetzt, wo ich nicht will, dass mein Haus in eine Spelunke verwandelt wird, bin ich die Böse?“

Ein schmutziger Bub ist kreischend an ihnen vorbeigelaufen und hat einen aufblasbaren Ball getreten. Mit voller Wucht ist er gegen die frisch gesetzte Thuja geknallt – die Spitze ist abgebrochen. Anna ist zusammengezuckt, als hätte man sie selbst getroffen. Lukas hat betreten weggesehen.

„Eine Stunde, Lukas. Ab jetzt. Wenn in sechzig Minuten noch irgendwer hier ist außer mir, ruf ich den Abschleppdienst für diese Rostlaube. Und die Habseligkeiten deiner Verwandtschaft fliegen eigenhändig über den Zaun. Mir ist egal, ob sie im Gatsch oder in den Brennnesseln landen.“

Sie hat sich umgedreht und ist Richtung Haus gegangen, zwischen fremden Gesichtern hindurch, die sie neugierig oder misstrauisch gemustert haben. Manche sind verstummt, andere haben unbeirrt weitergegessen. Die Luft ist schwer gewesen vom Gestank billiger Kohle, Alkohol und aufdringlichem Parfum.

Anna ist die Stufen zur Veranda hinaufgestiegen und hat dabei im Rücken den ratlosen Blick ihres Mannes gespürt – verloren, hilflos und vollkommen nutzlos. Der Krieg um die Stille hatte eben erst begonnen, und Gefangene würde er keine machen.

Hedis Stube