Maria hat auf der Veranda nicht einfach Platz genommen – sie hat dort regiert. Ihr üppiger Körper in dem grellgelben Sommerkleid mit riesigen Sonnenblumen hat die schmale Terrasse beinahe vollständig ausgefüllt. Sie hat gewirkt wie eine überfütterte Kaufmannsfrau aus einem alten Gemälde, nur dass vor ihr kein Samowar gestanden ist, sondern eine ganze Phalanx von Flaschen mit bunten Etiketten und Schüsseln, Tellern und Platten, die sich übereinandergestapelt haben.
Anna ist die paar Stufen hinaufgegangen, unter ihren Füßen hat das Holz leicht gebebt, weil aus dem Auto unten dröhnende Bässe heraufgewummert haben. Ihr Blick hat den der Schwiegermutter getroffen – kein Hauch von Verlegenheit ist darin gelegen. Im Gegenteil: Maria hat theatralisch die Hände zusammengeschlagen und dabei fast eine Salatschüssel umgeworfen.
„Na schau, auch schon da! Ka Staub aufg’wühlt unterwegs?“ hat sie laut gerufen, mühelos lauter als Musik und Stimmengewirr. „Anna, steh doch net herum wie a Denkmal. Setz dich her, wir schenken dir ein Stamperl ein. Du schaust ja kreidebleich aus – die Hackn in der Stadt macht dich noch fertig. Ein bissl frische Luft tät dir gut, statt immer nur im Büro zu hocken.“
Anna hat nicht geantwortet. Ihr Blick ist über den Tisch gewandert. Die helle Leinentischdecke, die sie von einer Dienstreise nach Italien mitgebracht hatte, war übersät mit Fettflecken und Weinflecken. Doch das war nicht das Schlimmste. Mitten auf dem Tisch stand ihre japanische Schale – handgefertigte, hauchdünne Keramik, die sie kaum zu berühren gewagt hatte. Jetzt war sie randvoll mit einem schweren Salat, dick in Mayonnaise ertränkt, und in der Mitte steckte wie eine Fahne auf erobertem Boden ein schmutziger Esslöffel.
„Das ist mein Geschirr“, hat Anna leise gesagt, und sie hat gespürt, wie sich ihr Hals zuschnürt. „Maria, ich habe Lukas ausdrücklich gebeten, nichts aus den Kästen zu nehmen. Für solche Feste liegt Plastikgeschirr im Sackerl bereit.“
Maria hat demonstrativ die Augen verdreht und sich mit einem Schnalzen der Zunge an die neben ihr sitzende Claudia gewandt, deren Dauerwelle im Sonnenlicht geglänzt hat.
„Hörst du das? Wir geben uns Mühe, decken den Tisch, und sie jammert wegen ein paar Tellern. Anna, du wohnst doch nicht im Museum. Sachen sind dazu da, dass man sie verwendet, nicht dass sie im Kasten verstauben. Wir sind doch Familie! Oder was soll das sein – so ein kleinbürgerliches Getue wegen einer Schüssel für die Verwandtschaft deines Mannes?“
„Das nennt man Respekt vor fremdem Eigentum“, hat Anna ruhig erwidert. Ihre Stimme war fest wie Glas. Sie ist näher an den Tisch herangetreten, und einige der Gäste sind unwillkürlich ein Stück zur Seite gerückt – als würde Kälte von ihr ausgehen. „Und wenn wir schon von Familie sprechen: Warum liegt in meiner Hängematte ein Mann mit Schuhen?“
Mit einer knappen Bewegung hat sie in den Garten gezeigt. Zwischen zwei Apfelbäumen spannte sich ihre weiße, kunstvoll geflochtene Hängematte. Darin lag ein schwerer Körper, die dreckigen Turnschuhe baumelten über dem Rand, das Gesicht war mit einem zerknitterten Hut bedeckt. Der Stoff hing gefährlich tief durch.
„Das ist Onkel Paul, der war lang unterwegs. Der Blutdruck macht ihm zu schaffen“, hat Maria abgewinkt und mit der Gabel einen eingelegten Schwammerl aufgespießt. „Lass ihn halt schlafen. Ist doch nur Stoff – den wäschst du eben. Anna, du bist in letzter Zeit furchtbar angespannt. Das kommt vom Alleinsein. Ein Haus darf doch nicht leer stehen. So ein Platzerl soll leben, atmen! Da gehört Kinderlachen her und der Duft von Gegrilltem, net diese Grabesstille. Lukas und ich haben uns das überlegt: Ab jetzt kommen wir jedes Wochenende, helfen dir beim Herrichten vom Garten.“
Für einen Moment ist Anna schwindlig geworden. „Lukas und ich haben uns das überlegt.“ Sie hat zu ihrem Mann hinübergeschaut. Er stand beim Griller, halb verborgen hinter den Rücken seiner Verwandten, und tat so, als wäre das Wenden der Spieße eine hochkomplizierte Wissenschaft.
„Ich geh kurz ins Haus“, hat sie knapp gesagt. Mehr wollte sie nicht hören.
Drinnen roch es nicht wie sonst nach Lavendel und Holz, sondern nach gebratenen Zwiebeln und Alkohol. In der Küche ist sie wie angewurzelt stehen geblieben. Es sah aus, als hätte eine Heuschreckenplage gewütet. Sämtliche Kastentüren standen offen. Auf der Arbeitsfläche lagen aufgerissene Packungen: ihr teurer Kaffee, den sie sich sonst nur am Sonntag gegönnt hatte, war verschüttet; ein Stück edler Käse lag zerfetzt neben einem schmierigen Messer. Und dann die leere Flasche ihres Olivenöls – jenes besondere, das sie für Salate aufgehoben hatte.
„Haben sie damit gebraten?“, hat sie kaum hörbar gemurmelt und mit dem Finger eine fettige Spur nachgezogen. „Haben sie Fleisch in Öl um dreitausend Euro angebraten?“
Im Spülbecken türmte sich schmutziges Geschirr – kein Einweggeschirr, nein. Sie hatten alles hervorgeholt: ihre Lieblingshäferln, die feinen Teller, die Weingläser. In einer Untertasse aus dem Kaffeeservice steckte sogar ein ausgedrückter Zigarettenstummel.
Im Wohnzimmer lag auf dem hellen Sofa eine Jeansjacke, daneben eine Tasche, aus der ein Bund verschmutzter Frühlingszwiebeln herausragte. Anna trat ans Fenster. Draußen gestikulierte Maria mit einer Hühnerkeule in der Hand und hielt offenbar eine kleine Ansprache, die anderen nickten und brummten zustimmend. Sie fühlte sich hier bereits wie die alleinige Hausherrin – innerlich hatte sie wohl schon die Möbel umgestellt, die Beete neu angelegt und die Besuchszeiten verteilt.
Da wurde Anna klar: Das war kein spontaner Besuch. Das war eine schleichende Übernahme. Wenn sie jetzt schwieg, wenn sie auch nur einen Zentimeter nachgab, würde ihr Traum vom stillen Rückzugsort zu einer Art Wohngemeinschaft verkommen – mit ständigem Zwiebelgeruch und angeheiterten Liedern am Freitagabend.
Sie ist wieder hinaus auf die Veranda gegangen. Das Stimmengewirr ist für einen Augenblick verstummt – sie muss ausgesehen haben, als stünde sie kurz davor, eine Zündschnur anzustecken.
„Maria“, hat Anna mit vollkommen ruhiger Stimme gesagt und der Schwiegermutter direkt in die Augen gesehen. „Sie haben gemeint, dieses Haus soll der Familie dienen. Da gebe ich Ihnen recht. Nur irren Sie sich, was meine Familie betrifft. Meine Familie – das bin ich. Und dieses Haus gehört mir. Sie haben vierzig Minuten Zeit. Wenn Sie nicht sofort anfangen zu packen, werfe ich Ihre Sachen eigenhändig über den Zaun. Und ich beginne mit dieser Schüssel.“
Sie ist an den Tisch getreten und hat die Hand an den Rand der japanischen Schale gelegt. Maria ist mit offenem Mund erstarrt, das Stück Huhn hat in der Luft verharrt. Die Spannung war so dicht wie der Rauch vom billigen Griller. Lukas hat endlich vom Rost aufgeblickt und in Richtung Veranda gestarrt – und in diesem Blick lag die Ahnung, dass der Sturm, vor dem er sich so gefürchtet hatte, nun endgültig losbrechen würde.
