„Ich hab mich nicht auf zwei Hacken zerrissen, nur damit ich mir dieses Häuschen leisten kann und deine Mutter es dann in eine Herberge für ihren ganzen Anhang verwandelt! Die Schlüssel auf den Tisch, Lukas. Und sorg dafür, dass bis zum Abend keiner von denen mehr da ist“ sagte Anna in einem dunklen, ruhigen Ton am Tor, die Hand auf der Motorhaube

Widerlich respektlos, egoistisch und zutiefst verletzend.
Geschichten

Lukas ist die Stufen zur Veranda hinaufgestürmt, dabei beinahe über eine leere Wodkaflasche gestolpert. Sein Gesicht war fleckig rot angelaufen, die Hände haben gezittert – ob aus Angst vor seiner Mutter oder vor seiner Frau, war schwer zu sagen. Hastig ist er zum Tisch geeilt und hat sich zwischen Anna und die umgekippte Salatschüssel gestellt, als könnte er mit seinem Körper noch irgendetwas retten.

„Anna, spinnst du?!“ Seine Stimme ist schrill geworden, fast ein Kreischen. „Was soll das? Die Leute sitzen beim Essen! Heb die Schüssel auf!“

Anna hat ihn lange angesehen, ohne zu blinzeln. In ihrem Blick war kein Zorn, keine Verletzung – nur eine kühle, beinahe angewiderte Neugier, als würde sie etwas Unappetitliches unter dem Mikroskop betrachten. Wortlos hat sie die Keramikschale weiter gekippt. Die schwere, mit Mayonnaise durchtränkte Masse ist schmatzend auf die ohnehin schon befleckte Tischdecke gerutscht und hat Marias Morgenmantel am Ärmel bespritzt.

Auf der Veranda ist es mucksmäuschenstill geworden. Nur eine fette Fliege hat über der Fleischplatte gebrummt.

„Bist du noch ganz dicht?“ hat Maria gezischt und Erdäpfelstücke von den Sonnenblumen auf ihrem Kleid geklopft. „Tobias, schau dir das an! Die ist ja komplett durchgedreht! Lebensmittel einfach so verschwenden! Wir behandeln sie wie einen Menschen, und sie? Undankbares Gfrast!“

„Mama, bitte!“ Lukas hat Anna am Ellbogen gepackt und sie zur Seite gezogen, hinter die Hausecke, weg von den gierigen Blicken der Verwandtschaft.

Anna hat sich nicht gewehrt, aber sie hat seinen Griff abgeschüttelt, als wäre er schmutzig. Neben dem Regenfallrohr sind sie stehen geblieben. Lukas hat schwer geatmet, aus seinem Mund ist eine Mischung aus billigem Bier und nackter Panik geströmt.

„Anna, das ist doch übertrieben“, hat er leise gesagt und nervös zur Veranda hinübergeschielt, wo das empörte Gemurmel bereits anschwoll. „So geht das nicht. Das ist meine Familie. Tobias hat was getrunken, der kann nicht mehr fahren. Wohin soll ich sie jetzt schicken? Es ist später Nachmittag. Lass sie doch einfach hier schlafen. Ganz ruhig, ich leg sie auf den Boden, wir nehmen nicht einmal deine Bettwäsche. Und morgen, ich schwör’s dir, sind sie weg. Bitte. Mach mich nicht lächerlich vor allen.“

Sie hat ihn angesehen – und nicht den Mann gesehen, den sie vor drei Jahren geheiratet hatte, sondern eine formlose, weiche Masse, die verzweifelt versuchte, für jeden passend zu sein.

„Lächerlich machst du dich selbst, Lukas“, hat sie ruhig erwidert. „Indem du ohne ein Wort diese ganze Horde in mein Haus schleppst. Indem du zulässt, dass deine Mutter in meiner Küche herumkommandiert. Und indem du jetzt hier stehst und jammerst, statt endlich Verantwortung zu übernehmen.“

„Welche Verantwortung denn?“ Er hat die Arme hochgerissen. „Was haben sie dir getan? Sie haben gegessen, ja. Und getrunken. Ist das ein Verbrechen? Du verdienst gut, fährst deinen Jeep, bist die große Chefin. Tut dir das Stück Käse so weh?“

„Es geht nicht um Käse“, hat Anna kühl gesagt. „Es geht darum, dass du Besatzer hereingelassen hast. Hörst du eigentlich, was sie reden?“

Von der Veranda dröhnten angeheiterte Stimmen herüber.

„Schau dir die feine Dame an!“, hat eine Tante mit Dauerwelle laut gerufen. „Kippt einfach den Salat um! Zu unserer Zeit hätt’s dafür eine Watschen gegeben, und aus wär’s gewesen! Unser Lukas ist halt ein Waschlappen, drum tanzt sie ihm auf der Nase herum. Eine Frau muss man kurzhalten, nicht ihr noch die Schlüssel vom Haus überlassen!“

„Genau!“, hat eine tiefe Männerstimme nachgelegt. „Vom vielen Geld wird man übermütig. Wer weiß, woher sie das hat – ehrlich verdient man so ein Anwesen nicht. Glaubt wohl, sie ist was Besseres. Macht nix, Maria, wir erziehen sie schon. Morgen darf sie einmal ordentlich im Garten hackeln, dann vergeht ihr der Hochmut.“

Anna hat spöttisch gelächelt und Lukas fixiert. Er ist noch röter geworden und hat den Blick gesenkt.

„Hast du das gehört?“, hat sie gefragt. „Sie planen schon meine Umerziehung. Heute der Rasen, morgen graben sie Erdäpfel ein, und übermorgen beschließt dein Onkel vielleicht, dass er hier lieber eine Sauna baut, weil ihm mein Abstellraum nicht passt.“

„Die sind betrunken“, hat Lukas gemurmelt. „Wenn sie ausgeschlafen haben, sind sie wieder normal. Bitte, halt einfach durch. Nur diesen einen Abend. Wenn du sie jetzt rausschmeißt, meine Mutter redet nie wieder mit mir. Sie wird mich verfluchen.“

„Und wenn ich sie nicht hinauswerfe, werde ich hier kein ruhiges Wochenende mehr erleben“, hat Anna knapp erwidert. „Ich komme hierher, um mich zu erholen – nicht um Animateurin für Unverschämte zu spielen.“

Sie ist einen Schritt nähergetreten. Ihre Stimme war trocken wie Herbstlaub.

„Pass gut auf, Lukas. Es ist jetzt vier Uhr nachmittags. Du und deine Familie habt exakt zwanzig Minuten Zeit, eure Sachen zu packen und in die Autos zu steigen. Ein Taxi in die Stadt kostet zweitausend Euro – wenn dein Onkel kein Geld hat, gibst du es ihm. Wenn du keines hast, borg dir welches von deiner Mutter.“

„Und wenn ich nein sage?“ Er hat versucht, die Schultern zu straffen, doch es wirkte eher kläglich. „Es ist auch mein Haus. Ich bin dein Mann!“

„Im Grundbuch stehe ausschließlich ich“, hat sie sachlich entgegnet. „Gekauft von meinem Ersparten, lange vor unserer Ehe. Du bist hier Gast – und benimmst dich entsprechend schlecht.“

Sie hat tief Luft geholt. Irgendetwas in ihr ist in diesem Moment endgültig gerissen.

„Entweder sie fahren jetzt. Oder du fährst mit ihnen. Du packst deine Sachen, setzt dich in Tobias’ rostigen Logan und ziehst wieder zu deiner Mutter. Und in unsere Stadtwohnung kommst du auch nicht mehr zurück. Die Schlüssel legst du auf den Tisch.“

Lukas ist wie versteinert dagestanden, den Mund halb offen. Mit Geschrei hatte er gerechnet, mit zerbrochenem Geschirr – aber nicht mit dieser eisigen Klarheit.

„Du wirfst mich raus? Wegen meiner Mutter? Wegen ein paar Grillwürsteln? Anna, bist du noch bei Trost? Wir sind seit fünf Jahren zusammen!“

„Nicht wegen der Würstel“, hat sie ruhig gesagt. „Sondern weil du entschieden hast, lieber ein bequemer Sohn zu sein als mein Partner. Du hast zugesehen, wie sie mich in meinem eigenen Haus herabsetzen. Jetzt triffst du deine Wahl. Die Zeit läuft.“

Ohne auf seine Reaktion zu warten, ist sie zur Veranda zurückgegangen. Als sie die Stufen hinaufgestiegen ist, ist das Stimmengewirr kurz verstummt. Maria hat sich gerade mit einer Serviette die Mayonnaisespuren vom Kleid gewischt und Luft geholt für die nächste Attacke.

„Na, habt’s euch ausgesprochen?“, hat sie höhnisch gefragt. „Hat dein Mann dir den Kopf gewaschen? Jetzt setz dich her, trink ein Stamperl zur Strafe, solange ich noch gut aufgelegt bin. Und bring mir eine saubere Gabel – mit der da mag ich nicht weiteressen.“

Anna hat kein Wort erwidert. Sie hat sich in den Korbsessel gesetzt, die Arme vor der Brust verschränkt und gewartet. Ihr Blick war auf Lukas gerichtet, der langsam die Stufen hinaufkam – wie jemand, der zum Schafott geführt wird. In diesem Augenblick entschied sich, wer er sein wollte, und nach dem hektischen Flackern in seinen Augen zu urteilen, war er bereit, alles zu opfern, nur um dem offenen Konflikt zu entgehen.

Hedis Stube