„Ich hab mich nicht auf zwei Hacken zerrissen, nur damit ich mir dieses Häuschen leisten kann und deine Mutter es dann in eine Herberge für ihren ganzen Anhang verwandelt! Die Schlüssel auf den Tisch, Lukas. Und sorg dafür, dass bis zum Abend keiner von denen mehr da ist“ sagte Anna in einem dunklen, ruhigen Ton am Tor, die Hand auf der Motorhaube

Widerlich respektlos, egoistisch und zutiefst verletzend.
Geschichten

Heute allerdings würde er sich nicht mehr in irgendeine Ecke drücken und alles aussitzen können.

Die zwanzig Minuten verstrichen so unauffällig wie Eiswürfel in einem Glas mit lauwarmem Schnaps dahinschmelzen. Niemand rührte sich. Im Gegenteil – die Runde schien plötzlich neuen Auftrieb zu bekommen. Tobias, bereits hochrot im Gesicht und mit Schweißperlen auf der Stirn, nestelte an einer alten Gitarre herum, der eine Saite fehlte, und versuchte dennoch, ihr irgendeinen Klang zu entlocken. Claudia warf den Kopf in den Nacken, lachte schallend und schlug die Beine übereinander, völlig ungeniert, als wäre sie allein im Raum.

Lukas blieb. Er hatte sich neben seine Mutter gesetzt, die Schultern hochgezogen wie ein ertappter Bub, und stocherte verbissen mit der Gabel in einem ausgetrockneten Gurkenrest herum. Seine Entscheidung war gefallen – oder besser gesagt: Er hatte beschlossen, keine zu treffen. Vielleicht, so hoffte er, würde sich alles von selbst beruhigen wie ein blauer Fleck, der irgendwann verblasst.

Maria bemerkte, dass Anna noch immer im Sessel saß, und verzog den Mund zu einem selbstzufriedenen Lächeln. Triumphierend hob sie ihr Stamperl.

„Na also!“, rief sie laut. „Hat sich wieder eingekriegt. Eine Frau ist wie das Wetter – in der Früh ein Gewitter, am Abend Sonnenschein. Lukas, schenk deiner Frau ein, steh nicht da wie ein Marterpfahl! Trinken wir darauf, dass die Vernunft gesiegt hat!“

Anna erhob sich langsam. Keine Träne glänzte in ihren Augen, kein Zittern lag auf ihren Lippen. In ihr herrschte diese eigentümliche, metallisch klingende Leere, die eintritt, wenn etwas endgültig vorbei ist – wie nach einer Operation, solange die Betäubung noch wirkt und der Schmerz sich noch nicht gemeldet hat. Man weiß nur: Es gibt kein Zurück.

Sie griff nach ihrer Handtasche, kontrollierte mit ruhigen, präzisen Bewegungen ihr Handy und die Autoschlüssel. Alles an ihr wirkte gesammelt, beinahe sachlich.

„Die Vernunft hat tatsächlich gewonnen, Maria“, sagte sie ruhig, als würde sie über den Einkauf fürs Wochenende sprechen. „Nur feiern Sie ein bissl zu früh.“

Dann trat sie an Lukas heran. Er hob den Blick zu ihr – trüb, verunsichert, mit einem Rest Hoffnung darin. Vielleicht setzte sie sich ja doch wieder neben ihn, nahm einen Plastikbecher in die Hand und spielte die Versöhnliche.

„Die Schlüssel zur Wohnung“, sagte Anna und hielt die Hand auf.

„Was?“ Lukas blinzelte verständnislos. Die Gabel entglitt ihm und klirrte auf den Teller.

„Die Schlüssel zu meiner Stadtwohnung. Leg sie her. Jetzt.“

„Anna, bitte, fang nicht schon wieder an“, jammerte er und suchte mit einem Seitenblick den Rückhalt seiner Mutter. „Es war doch eh alles halbwegs in Ordnung … Wozu brauchst du die? Morgen fahren wir doch gemeinsam—“

„Wir fahren nirgends gemeinsam hin. Du bleibst hier. Bei deiner Mutter. Bei Tobias, bei Claudia, bei dem Salat auf der Tischdecke und dem Dreck, den ihr hinterlasst. Das ist deine Welt, Lukas. Hier fühlst du dich wohl. In meine Wohnung kommst du nicht mehr.“

Maria knallte ihr Glas auf den Tisch, Schnaps schwappte über die klebrige Wachstuchdecke.

„Spinnst du jetzt völlig?!“, kreischte sie. „Willst du deinen Mann vor die Tür setzen? Wer glaubst du, dass du bist? Er ist dort gemeldet!“

„Ist er nicht“, entgegnete Anna kühl, ohne sie auch nur anzusehen. „Gemeldet ist er bei Ihnen. In der Zweizimmerwohnung in Linz – gemeinsam mit Ihnen, Ihrer Schwester und den Neffen. Bei mir hat er nur gewohnt. Solange er mein Mann war. Aber ein Mann, der zusieht, wie seine Familie seine Frau demütigt, ist keiner mehr.“

Sie beugte sich zu Lukas hinunter. Er wich instinktiv zurück; die Kälte, die von ihr ausging, war fast greifbar.

„Ich habe dir eine Wahl gelassen. Du hast dich für deine Mutter entschieden. Gut so. Bleib bei ihr. Aber die Schlüssel bleiben hier. Andernfalls tausche ich heute noch die Schlösser aus und stelle deine Sachen im Stiegenhaus ab – in Müllsackerln. Und du weißt genau, dass ich das durchziehe.“

Mit zitternden Fingern zog Lukas den Schlüsselbund aus der Hosentasche. Das Metall schlug hart auf die Glasplatte des Tisches. Das Geräusch durchschnitt die plötzlich eingetretene Stille. Tobias ließ die Gitarre sinken, Claudia hörte auf zu kauen. Alle starrten Anna an, als wäre sie ein Wesen von einem anderen Stern.

Sie nahm die Schlüssel an sich und richtete sich auf.

„Und jetzt hört gut zu“, sagte sie und ließ den Blick über die bunte Runde schweifen. „Ich werde weder die Polizei holen noch mit euch raufen. Dazu bin ich mir zu schade. Trinkt euren Schnaps aus. Esst meinen Käse. Schlaft meinetwegen in meinem Bett – wenn euch das Gewissen nicht plagt. Aber morgen um zehn kommt eine Firma, die den Zaun erneuert und eine Alarmanlage installiert. Mit ihnen kommen Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes. Wenn bis dahin auch nur eine einzige Socke von euch hier herumliegt, wird’s unangenehm.“

„Willst uns einschüchtern?!“, brüllte Tobias und versuchte aufzustehen. Doch der Alkohol ließ ihn schwanken, und er fiel wieder auf die Bank zurück. „Wir sind Familie! Wir haben ein Recht!“

„Ihr habt genau ein Recht – nämlich jetzt zu verschwinden, solange ich noch höflich bin“, erwiderte Anna knapp. „Lukas, leb wohl. Den Scheidungsantrag bringe ich online ein. Du musst nicht einmal zum Gericht gehen. Praktisch, nicht? Du magst es ja bequem.“

Ohne sich noch einmal umzudrehen, ging sie zum Auto. Ihr Rücken war kerzengerade.

„Anna! Bleib stehen!“, schrie Lukas plötzlich und sprang auf. „Das kannst du nicht machen! Das ist doch verrückt! Mama, sag ihr was!“

Maria packte ihn am Arm und riss ihn zurück auf die Bank.

„Setz dich!“, zischte sie giftig. „Lass sie fahren, die Hysterische! Die kommt schon wieder angekrochen. Mit ihrer Hypothek am Bein findet sie keinen Besseren. Sie wird noch froh sein, wenn wir Bedingungen stellen!“

Anna ließ sich hinter das Steuer ihres Crossovers sinken. Im Innenraum roch es nach Leder und ihrem Parfum – kühl, klar, beinahe wie frische Bergluft. Sie startete den Motor, das tiefe Brummen übertönte die betrunkenen Zurufe von der Veranda. Im Rückspiegel sah sie, wie Lukas noch einen Schritt auf das Tor zu machte, während seine Mutter ihn festhielt und auf ihn einredete.

Sie drückte aufs Gas. Der Kies knirschte unter den Reifen. Langsam rollte sie vom Grundstück, ließ den zertrampelten Rasen, den rauchenden Griller und die fremden Gestalten hinter sich, die sich ungefragt in ihr Leben gedrängt hatten.

Morgen würden neue Schlösser eingebaut werden. Morgen käme eine Reinigungsfirma. Und heute fuhr sie in eine stille, leere Wohnung, in der niemand es wagen würde, ihr Lieblingshäferl auch nur anzurühren.

Ihr Herz schlug ruhig. Keine Tränen. Nur ein klares Bewusstsein: Soeben hatte sie den Ballast abgeworfen, der sie seit drei Jahren nach unten gezogen hatte. Und dieser Ballast saß nun auf der Veranda, hörte auf Marias Stimme und kippte warmen Schnaps hinunter – während er endgültig Familie gegen Erdäpfelsalat eingetauscht hatte.

Hedis Stube