Hannah hat schon in der Früh gewusst, dass dieser Tag anstrengend werden würde. Kaum war sie aufgestanden, ist Lukas nervös durch die Wohnung getigert, hat Sessel verrückt, Teller gezählt und geprüft, ob das Geschirr für alle reicht. Wenn seine Verwandtschaft gekommen ist, dann nie einzeln, sondern im Rudel – die Schwester Julia mit ihrem Mann Paul, Tante Barbara und auch der Cousin Felix samt Gattin. Und jedes Mal ist sich Hannah vorgekommen wie eine geduldete Untermieterin in den eigenen vier Wänden, nicht wie die Hausherrin, sondern wie jemand, den man aus Höflichkeit erträgt.
„Könnten wir sie nicht diesmal ausladen?“, hat sie vorsichtig gefragt, während sie das Gemüse für den Salat geschnitten hat. „Vielleicht feiern wir zu dritt, ganz ruhig und gemütlich.“
Lukas hat nicht einmal von der Zeitung aufgeschaut. „Ach Hannah, bitte. Wir feiern doch immer gemeinsam. Das ist halt Familie.“
Familie, hat sie bitter gedacht. Für ihn vielleicht. Für sie war es eher eine eingeschworene Gruppe, die ihre Wohnung als Selbstverständlichkeit betrachtet hat, den Kühlschrank wie Allgemeingut und sie selbst wie Servicepersonal.
Punkt zwei Uhr hat es an der Tür geläutet. Wie üblich ist Julia als Erste hereingestürmt – laut, forsch und ohne jede Zurückhaltung. Mit ihren frisch gefärbten Haaren und der Angewohnheit, grundsätzlich eine Spur zu laut zu reden, ist sie direkt in die Küche marschiert und hat den Kühlschrank aufgerissen.

„Lukas, hallo!“, hat sie gerufen, ihm einen Kuss auf die Wange gedrückt und gleich hineingeschaut. „Na geh, warum ist denn da so wenig drin? Hannah, wo ist die Torte? Ich hab gedacht, du backst etwas Besonderes.“
„Sie steht eh in der Schachtel am Tisch“, hat Hannah beherrscht geantwortet und weiter den Salat auf die Teller verteilt.
„Gekauft?“ Julia hat das Gesicht verzogen. „Na hör einmal, du hättest doch selber was machen können. Hände hast ja.“
Kurz darauf ist Paul hereingekommen – klein, mit lichter werdendem Haar und einem Gesichtsausdruck, als würde ihn alles stören. Wortlos ist er ins Wohnzimmer gegangen, hat die Einrichtung gemustert und sich schwer in den Sessel fallen lassen.
„Lukas! Wann tauscht ihr endlich das Sofa aus?“, hat er von drinnen gerufen. „Das hängt ja schon durch. Da sitzt man wie auf Brettern.“
Als Letzte ist Tante Barbara erschienen – hager, mit spitzem Kinn und ebenso spitzen Bemerkungen. Sie hatte stets den Blick einer Frau, die überzeugt war, Ordnung in fremde Leben bringen zu müssen.
„Ach Hannah, meine Liebe“, hat sie gesagt und die Küche kritisch betrachtet, „warum glänzt denn das Waschbecken nicht? Und die Geschirrtücher schauen auch grau aus. Eine Frau muss doch auf ihren Haushalt achten, das ist schließlich ihr Aushängeschild.“
Hannah hat die Fäuste geballt und geschwiegen. Lukas ist hinter sie getreten und hat ihr die Hand auf die Schulter gelegt – eine Geste, die beruhigend wirken sollte, sie aber nur noch mehr aufgebracht hat.
„Mama, Tante Barbara, setzt euch doch“, hat er beschwichtigend gemeint. „Hannah hat sich wirklich Mühe gegeben und so viel vorbereitet.“
Doch kaum saßen alle am Tisch, begann das, was Hannah innerlich längst nur noch „das Familiengericht“ nannte. Julia hat den Salat gekostet und sofort das Gesicht verzogen.
„Ein bissl fad, findest nicht?“, hat sie gemeint. „Mit Salz darfst ruhig großzügiger sein, die Männer mögen’s würziger. Und Mayonnaise ist auch zu wenig drin – das wirkt ja richtig trocken.“
„Ich hab gestern schon zu Lukas gesagt“, hat sie angesetzt und Luft geholt, um weiterzureden.
