„Könnten wir sie nicht diesmal ausladen?“ bat Hannah vorsichtig, während sie den Salat schnitt

Diese herzlose Selbstverständlichkeit verletzt zutiefst.
Geschichten

…und Luft geholt, um weiterzureden.

„…dass es euch wirklich guttun würd, endlich einmal die Wohnung herzurichten“, fiel Barbara ein und verschränkte die Hände vor sich. „Die Tapeten sind ja schon ganz ausgeblichen. Und überhaupt – als junges Paar solltet ihr langsam an morgen denken und nicht nur in den Tag hineinleben.“

Hannah kaute schweigend weiter, beinahe mechanisch. Sie bemühte sich, jedes Wort an sich abperlen zu lassen. Doch als sie danach ihr Hauptgericht servierte – ihr berühmtes Hendl in einer cremigen Oberssauce –, war es wieder Barbara, die als Erste kostete. Ein kurzer prüfender Blick, dann ein missbilligtes Schnauben.

„Also ehrlich“, meinte sie unverblümt, „es wundert mich fast, dass dich überhaupt wer geheiratet hat bei solchen Kochkünsten. Das Hendl ist fad, und die Sauce viel zu dünn. Zu unserer Zeit hat man den Mädchen von klein auf beigebracht, wie man ordentlich kocht.“

Julia kicherte spitz.

„Ach geh, Tant’ Barbara, dafür ist die Hannah wenigstens schlank. Wobei – vielleicht ein bissl zu schlank“, setzte sie nach und musterte sie von oben bis unten. „Du schaust richtig kränklich aus. Fünf, sechs Kilo mehr würden dir nicht schaden. Man könnte fast meinen, ihr spart’s beim Essen, weil das Geld nicht reicht.“

Paul legte seine Gabel beiseite und räusperte sich wichtig. „Ich war vorher im Bad. Zwischen den Fliesen ist schon Schimmel in den Fugen. So was gehört sofort gemacht. Das ist ja unhygienisch. Als Hausherrin sollte man so etwas im Blick haben.“

In Hannah spannte sich etwas an, wie eine Saite, die zu lange überdehnt worden war. Ganz langsam stand sie vom Tisch auf. In ihr wuchs eine Welle hoch – all die Jahre geschluckter Ärger, jedes abfällige Wort, jede kleine Demütigung. Lukas sah sie irritiert an.

„Hannah? Wo gehst denn hin?“

Sie ließ den Blick über die Runde gleiten: Julias überhebliches Lächeln, Pauls selbstzufriedenes Nicken, Barbaras ewigen Tadel im Gesicht.

„Wisst ihr was“, sagte sie leise, aber mit einer Klarheit, die den Raum durchschnitt. „Es reicht. Mir reicht’s endgültig.“

Mit festen Schritten ging sie zur Wohnungstür und riss sie weit auf.

„Ich will euch hier nie wieder sehen. Setzt keinen Fuß mehr in meine Wohnung. Für mich seid’s keine Familie!“

Im Raum herrschte plötzlich Grabesstille. Man hörte nur das leise Ticken der Wanduhr. Julia war die Erste, die ihre Fassung wiederfand.

„Hannah, spinnst du jetzt komplett? Wir sind doch deine Familie!“

„Familie?“ Hannah lachte kurz auf, doch es klang bitter. „Familie heißt Respekt. Ihr kommt seit Jahren hierher, esst mein Essen, sucht nach Fehlern in jeder Ecke und glaubt ernsthaft, das sei normal.“

Lukas erhob sich unsicher. „Hannah, beruhig dich doch. Sie meinen’s ja nicht böse …“

„Nicht böse?“ Sie drehte sich zu ihm um. In ihren Augen lag etwas Neues – nicht nur Schmerz, sondern Entschlossenheit. „Wenn du jetzt noch ein einziges Wort zu ihrer Verteidigung sagst, kannst du gleich mitgehen. Das ist mein Zuhause. Und ich lasse mich hier nicht länger behandeln wie eine unfähige Dienstmagd.“

Lukas öffnete den Mund, doch als sich ihre Blicke trafen, brachte er kein Wort heraus.

Barbara schnaubte empört. „So eine Unverschämtheit! Wir sind älter, wir haben Erfahrung! Die Jugend von heute kennt ja gar keinen Anstand mehr!“

„Raus“, sagte Hannah ruhig, standhaft in der offenen Tür. „Sofort. Alle miteinander.“

Julia sprang auf, das Gesicht gerötet. „Lukas, du wirst doch nicht zulassen…“

Hedis Stube