– Was ist denn, bist du jetzt beleidigt? War doch nur ein Schmäh! – Florian grinste breit. Mir war aber längst nicht mehr zum Lachen.
Wenn Späße zu Waffen werden und ein Lächeln nur noch als Schutzschild dient, begreift eine Frau irgendwann, welchen Preis ihre Ehe wirklich hat. Manchmal kommt diese Einsicht nicht leise, sondern durch Schmerz.
Jubiläum
Die Torte mit den fünfzig Kerzen funkelte im gedämpften Licht des Restaurants, und in mir zog sich alles zu einem harten, engen Knoten zusammen. Florian hob sein Glas. In diesem Moment wusste ich: Jetzt geht es gleich wieder los.
– Auf meine wunderschöne Frau! – rief er so laut, dass sich alle Köpfe zu uns drehten. – Johanna, du bist wie ein guter Wein: Mit den Jahren wirst du nur kräftiger! Auch wenn die Flasche halt nimmer ganz dieselbe ist!

Gelächter brach los, als hätte jemand ein Zeichen gegeben. Meine Schwester Katharina schaute mich besorgt an. Ich lächelte trotzdem. Aus Gewohnheit. Dreißig Jahre Ehe bringen einem einiges bei – sogar zu lächeln, wenn man eigentlich weinen möchte.
– Und eines muss ich noch erzählen! – machte Florian weiter, angefeuert vom Applaus. – Meine Frau fragt mich: „Schatz, hab ich zugenommen?“ Und ich sag: „Nein, Liebling, du bist nur überzeugender geworden!“
Die Gäste krümmten sich vor Lachen. Unser Sohn Lukas starrte auf seinen Teller. Ich hielt mein Lächeln fest, während mir kalter Schweiß den Rücken hinunterlief.
Daheim bin ich wortlos ins Schlafzimmer gegangen. Florian holte mich noch im Vorzimmer ein.
– Jetzt bist du wirklich eingeschnappt? Geh bitte, das war ein Witz! Stell dich nicht so an, Johanna.
– Ich bin nicht eingeschnappt – sagte ich leise und zog mir die Schuhe aus.
– Na also. Ich hab eh gewusst, dass du Spaß verstehst. Nicht so wie diese hysterischen Frauen heutzutage, die aus jedem Satz ein Drama machen.
Ich legte mich ins Bett und starrte lange in die Dunkelheit. Irgendwann nahm ich mein Handy und tippte in die Suche: „Wenn die Witze des Mannes demütigen.“ Was ich in dieser Nacht gelesen habe, hat mein Leben verändert.
Die Archäologie einer Ehe
Am nächsten Morgen ist Florian zur Arbeit gegangen, ohne sich zu verabschieden. Das war nichts Neues. Nach Feiern war er immer gereizt, als wäre ich schuld an seinem schweren Kopf. Ich kochte mir einen Kaffee, setzte mich an den Küchentisch und holte die alten Fotoalben hervor.
Da waren wir noch jung. Schön. Ich zwanzig, er dreiundzwanzig. Universität, Studentenheim, Abende mit Gitarre und viel zu großen Träumen. Wann hatte es angefangen? Wie eine Ermittlerin blätterte ich durch meine eigene Vergangenheit und suchte nach den ersten Spuren.
Der erste „Spaß“ war schon bei unserer Hochzeit gefallen.
„Jetzt kann ich mich entspannen – sie hat unterschrieben, jetzt läuft sie mir nimmer davon!“, hatte Florian zu seinen Freunden gesagt. Alle hatten laut gelacht. Ich auch. Obwohl damals schon etwas in mir zusammengezuckt ist.
Dann kam Lukas zur Welt. Florian machte Bemerkungen über meinen Bauch, über meine ausgeleierten Kleider, über meine ständige Müdigkeit.
„Meine Frau ist jetzt zur Mama mutiert – Spitzen, Windeln, aus ist’s mit der Romantik“, scherzte er einmal am festlich gedeckten Tisch.
Ich rechtfertigte ihn damals vor mir selbst: Das ist nur eine Phase. Bald wird alles wieder so sein wie früher.
Das Läuten des Handys riss mich aus dieser Ausgrabung meiner Ehe. Es war Katharina.
– Johanna, nach gestern kann ich nicht mehr schweigen. Wie hältst du das nur aus?
– Ach, Katharina, er meint es ja nicht böse. So ist eben sein Humor.
– Johanna, wach endlich auf! Das ist kein Humor. Das ist Demütigung. Er macht das seit Jahren, und du bist dabei…
– Dabei was? – fragte ich schärfer, als ich wollte.
– Du bist zu einem Schatten geworden. Weißt du überhaupt noch, wie du früher gewesen bist?
