„Das war doch nur ein Schmäh!“ sagte Markus spöttisch, während Anna das Lächeln als Schutzschild aufs Gesicht presst

Diese Ehe ist erniedrigend, Würde bleibt meine Pflicht.
Geschichten

– Was ist denn, bist jetzt beleidigt? Das war doch nur ein Schmäh! – Markus grinste breit. Mir war längst nicht mehr nach Lachen.

Wenn aus Witzen Waffen werden und das Lächeln nur noch als Schutzschild dient, begreift eine Frau irgendwann, welchen Preis ihre Ehe wirklich hat. Manchmal kommt diese Erkenntnis nicht leise, sondern mitten durch den Schmerz.

Der runde Geburtstag

Die Torte mit den fünfzig Kerzen schimmerte geheimnisvoll im gedämpften Licht des Restaurants. In mir zog sich etwas zusammen, hart und eng, als hätte jemand einen Knoten festgezurrt. Markus hob sein Glas, und ich wusste sofort: Gleich geht es wieder los.

– Auf meine wunderschöne Frau! – rief er so laut, dass alle am Tisch zu ihm schauten. – Anna, du bist wie ein guter Wein: Mit den Jahren wirst du immer kräftiger! Auch wenn die Flasche halt nimmer ganz so ausschaut wie früher!

Der ganze Saal brach in Gelächter aus. Meine Schwester Katharina sah mich besorgt an. Ich aber lächelte, wie ich es seit Jahren tat. Dreißig Jahre Ehe schaffen eine erstaunliche Routine: Man lernt zu lächeln, obwohl einem eigentlich zum Weinen ist.

– Und eins muss ich euch noch erzählen! – Markus war nun richtig in Fahrt. – Meine Frau fragt mich: „Schatz, hab ich zugenommen?“ Und ich sag: „Nein, Liebling, du bist nur überzeugender geworden!“

Die Gäste lachten, manche verschluckten sich fast. Unser Sohn Lukas starrte auf seinen Teller. Ich hielt mein Lächeln fest, während mir kalter Schweiß den Rücken hinunterlief.

Daheim bin ich wortlos ins Schlafzimmer gegangen. Markus holte mich im Vorzimmer ein.

– Sag bloß, du bist jetzt wirklich eingeschnappt? Das war doch nur ein Spaß! Stell dich nicht so an, Anna.

– Ich bin nicht eingeschnappt – sagte ich leise und zog mir die Schuhe aus.

– Na also. Ich hab gewusst, dass du Humor verstehst. Nicht so wie diese hysterischen Frauen heutzutage, die aus jedem Satz gleich ein Drama machen.

Ich legte mich ins Bett und starrte lange in die Dunkelheit. Irgendwann nahm ich mein Handy und tippte in die Suchleiste: „Wenn die Witze des Mannes demütigen“. Was ich in dieser Nacht gelesen habe, hat mein Leben verändert.

Archäologie einer Ehe

Am nächsten Morgen ist Markus zur Arbeit gegangen, ohne sich zu verabschieden. Nichts Ungewöhnliches. Nach Feiern war er immer gereizt, als wäre ich schuld an seinem schweren Kopf. Ich machte mir einen Kaffee, setzte mich an den Küchentisch und holte die alten Fotoalben hervor.

Auf den ersten Bildern waren wir noch jung, fast strahlend. Ich zwanzig, er dreiundzwanzig. Studium, Studentenheim, Abende mit Gitarre und viel zu großen Träumen. Wann hatte es angefangen? Wie eine Ermittlerin blätterte ich durch die Schichten unserer Vergangenheit und suchte nach dem ersten Beweis.

Der erste „Scherz“ war bei unserer Hochzeit gefallen.

„Jetzt kann ich mich entspannen – sie hat unterschrieben, jetzt läuft sie mir nimmer davon!“, hatte Markus zu seinen Freunden gesagt. Alle hatten laut gelacht. Ich hatte mitgelacht, obwohl mich damals schon etwas innerlich gekratzt hatte.

Dann kam Lukas zur Welt. Markus machte Witze über meinen Bauch, über meine ausgeleierten Kleider, über meine ständige Müdigkeit.

„Meine Frau ist jetzt zur Mama mutiert – Spitzen, Windeln, Schlafmangel. Die Romantik ist offiziell tot“, scherzte er bei einem Familienessen.

Ich erklärte mir alles schön: Das sei nur eine Phase. Bald würde wieder alles werden wie früher.

Das Klingeln des Telefons riss mich aus dieser Ausgrabung meiner Ehe. Es war Katharina.

– Anna, ich kann nach gestern nicht einfach so tun, als wäre nichts gewesen. Wie hältst du das aus?

– Ach, Katharina, er meint es ja nicht böse. Das ist eben sein Humor.

– Anna, wach auf. Das ist kein Humor. Das ist Erniedrigung. Er macht das seit Jahren, und du bist inzwischen …

– Was bin ich? – fragte ich schärfer, als ich wollte.

– Ein Schatten. Weißt du noch, wie du früher gewesen bist?

Hedis Stube