„Das war doch nur ein Schmäh!“ sagte Markus spöttisch, während Anna das Lächeln als Schutzschild aufs Gesicht presst

Diese Ehe ist erniedrigend, Würde bleibt meine Pflicht.
Geschichten

Lebendig. Mutig. Schlagfertig. Und jetzt zuckst du schon zusammen, bevor du überhaupt den Mund aufmachst, nur damit du nicht wieder zur Zielscheibe seiner „Witze“ wirst.

Ich habe aufgelegt. Danach bin ich vor den Spiegel gegangen und dort sitzen geblieben, lange, viel zu lange. Fünfzig Jahre. Fältchen um die Augen. Müdes, stumpfes Haar. Aber am schlimmsten ist dieser Blick gewesen: leer, wie ausgeblasen. Wann genau hatte ich mich eigentlich verloren?

Eine Ehefrau beginnt nachzuforschen

Die nächsten Tage sind in einem eigenartigen Zustand vergangen. Es war, als würde ich meine eigene Ehe nach dreißig Jahren zum ersten Mal von außen betrachten. Ich habe ein Notizheft genommen und angefangen, Markus’ „Scherze“ aufzuschreiben.

Montag: „Meine Frau kocht so gut, dass sogar die Schaben zu den Nachbarn übersiedelt sind!“ Das hat er vor meiner Mutter gesagt.

Dienstag: „Anna gibt im Geschäft ein Vermögen für lauter Blödsinn aus. Ein Glück, dass ich bei uns das Geld im Griff habe!“ Vor unseren Freunden.

Mittwoch: „Wenn ich meine Frau anschaue, denk ich mir: Zum Glück kann ihr Charakter nicht mehr schlechter werden. Da ist eh kein Spielraum mehr!“ Das hat er vor Kollegen gesagt, die nur auf einen Tee vorbeigeschaut haben.

Der Donnerstag hat dann alles verändert.

Lukas ist mit seiner Freundin gekommen, Sophie, einem freundlichen, klugen jungen Mädchen mit wachen Augen. Beim Abendessen ist Markus wieder richtig in Fahrt gewesen.

– Lukas, schau dir deine Mutter gut an und lern daraus! Wenn du heiratest, ist dein Leben vorbei. Freiheit, Geld, Ruhe – alles kannst du vergessen!

Sophie ist kreidebleich geworden. Lukas hat die Hände zu Fäusten geballt.

– Papa, jetzt reicht’s.

– Geh bitte, Bub! Deine Mutter ist doch nicht so empfindlich. Gell, Anna?

Plötzlich haben alle zu mir geschaut. Und auf einmal habe ich es ausgesprochen.

– Nein. Diese Witze tun mir weh. Sie haben mir immer wehgetan. Ich hab nur nie etwas gesagt.

Es ist still geworden. Markus hat mich angestarrt, als hätte ich in einer fremden Sprache geredet.

– Was redest du da?

– Ich rede davon, dass du mich kleinmachst. Seit dreißig Jahren. Ich bin zu dick, zu dumm, zu nutzlos, zu verschwenderisch, ich koche schlecht, ich sehe schlecht aus. Und ich soll darüber auch noch lachen.

– Mein Gott, diese Frauen! Kein bisschen Humor! – Er ist aufgesprungen. – Lukas, siehst du? Genau das passiert mit Frauen über fünfzig. Wechseljahre, Hysterie!

Das ist sein entscheidender Fehler gewesen.

Das Geheimnis des alten Handys

Lukas ist aufgestanden. Seine Stimme war leise, aber so fest, dass mir der Atem gestockt ist.

– Papa, wenn du dich jetzt nicht bei Mama entschuldigst, gehe ich. Und dann komme ich nie wieder her.

Markus ist wie versteinert dagestanden. Sophie hat unter dem Tisch meine Hand gedrückt. Zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich gespürt, dass jemand auf meiner Seite steht.

– Du stellst dich auch gegen mich? – hat Markus seinen Sohn fassungslos gefragt.

– Nicht gegen dich. Für Mama. Weißt du, wie oft ich mich wegen deiner „Witze“ geschämt habe? Als Kind hab ich geglaubt, das sei normal, so zeigt ein Mann eben Stärke. Später hab ich verstanden: Du trittst nur auf den Menschen ein, der dich liebt.

Markus ist wütend hinausgestürmt. Lukas und Sophie sind über Nacht geblieben. Wir haben Tee getrunken, geredet, und zum ersten Mal habe ich meinem Sohn erzählt, wie mein Leben wirklich ausgeschaut hat.

Am nächsten Morgen ist Markus nicht heimgekommen. Ich habe ihn angerufen, er hat weggedrückt. Ich habe ihm geschrieben, er hat nicht geantwortet. Gegen Mittag ist eine Nachricht gekommen:

„Ich bin bei Tobias. Denk über dein Verhalten nach.“

Ich habe gelächelt. Zum ersten Mal seit dreißig Jahren ehrlich.

Später habe ich im Kasten Ordnung gemacht, weil ich endlich den ganzen unnötigen Kram loswerden wollte. Dabei ist mir eine Schachtel mit seinen alten Handys in die Hände gefallen. Markus hatte fast jedes Jahr ein neues gekauft und die alten aufgehoben – „man weiß ja nie, wofür man’s noch braucht“. Aus reiner Neugier habe ich eines davon angesteckt und aufgeladen.

Das Handy ist tatsächlich angesprungen.

Und was ich darauf gesehen habe, hat mein Herz schneller schlagen lassen.

Nachrichten von vor drei Jahren. Von einer Frau, die als Lena gespeichert war. Fotos. Und Worte, die eindeutig nach Liebeserklärungen geklungen haben.

Hedis Stube