„Sag einmal, Chef, stört’s dich eigentlich gar nicht, dass du mit deinen fünfzig Jahren als eine Art Diener arbeitest?“ spottete Lukas vom Rücksitz, Florian sah ihn ruhig im Rückspiegel an

Zärtlich verlogen, diese vertraute, traurige Stadt.
Geschichten

— Sag einmal, Chef, stört’s dich eigentlich gar nicht, dass du mit deinen fünfzig Jahren als eine Art Diener arbeitest?

Die Stimme vom Rücksitz war absichtlich laut. Viel zu laut für den engen Innenraum des Wagens. Darin lag weder echte Neugier noch diese gewöhnliche, unbeholfene Taktlosigkeit, die Menschen manchmal an den Tag legen. Es klang nach einstudierter Frechheit, nach einer Pose, als hätte jemand den Satz vorher daheim vor dem Spiegel geübt.

Florian hob den Blick zum Rückspiegel.

Der Fahrgast, den er vor kaum fünf Minuten bei einem angesagten Loftviertel in seinen Camry einsteigen hatte lassen, wirkte wie direkt aus einem Magazin für urbane Streetwear herausgeschnitten. Ein viel zu weiter Hoodie in grellem Neongrün, die Kapuze tief über den Kopf gezogen, klobige Sneakers an den Füßen, die er gleich einmal gegen die Lehne des Beifahrersitzes gestemmt hatte. Älter als zweiundzwanzig sah der Bursche nicht aus.

In der App stand sein Name: Lukas.

Florian bremste sanft vor der Ampel ab. Die Scheibenwischer zogen in gleichmäßigem Takt schwere Tropfen des nächtlichen Oktoberregens von der Windschutzscheibe. Draußen verschwamm Wien in den Lichtern von Scheinwerfern, Auslagen und nassen Straßen.

— Nein, stört mich nicht, — antwortete Florian ruhig, während er auf das rote Licht schaute. — Arbeit ist Arbeit. Irgendwer muss die Leute ja auch fahren.

Er rechnete damit, dass der junge Mann das Interesse verlieren würde. In der Kategorie „Komfort plus“ saßen die meisten Fahrgäste entweder schweigend da und starrten ins Handy, oder sie telefonierten geschäftlich. Die wenigen, die plaudern wollten, fingen meistens mit dem Wetter oder dem Verkehr an.

Lukas hatte aber ganz offensichtlich nicht vor, es dabei zu belassen.

— Na komm, jetzt ernsthaft, — sagte er und beugte sich nach vorn, den Kopf zwischen die beiden Vordersitze geschoben. Ein klebrig-süßer Geruch breitete sich aus, eine Mischung aus teurem Parfum und Vape mit Kaugummiaroma. — Was wolltest du früher einmal werden? Astronaut? Unternehmer? Und jetzt sitzt du da und drehst für ein paar Euro am Lenkrad. Da muss man sein Leben schon ordentlich versemmelt haben, oder? Ist es nicht bitter, wenn erfolgreiche Typen mit zwanzig schon Millionen Euro machen, und du kutschierst sie herum?

Florian atmete tief ein. Er spürte, wie sich irgendwo in ihm ein dumpfer Ärger zu regen begann.

Vor zwanzig Jahren war er stellvertretender Direktor an einer großen Schule gewesen, später war er in Bildungsprojekte gewechselt und hatte eine ganze Abteilung geleitet. Vor einem halben Jahr war das Projekt wegen Finanzierungsproblemen eingestellt worden. Seine Tochter studierte kostenpflichtig Medizin, seine Frau erholte sich nach einer schweren Operation. Sie brauchten rasch verfügbares Geld. Die Kredite warteten nicht. Florian fand nichts Beschämendes daran, sich hinter das Steuer eines guten Autos zu setzen und etwas zu verdienen. Peinlich war für ihn eher, anderen auf der Tasche zu liegen.

Doch all das einem vorlauten Jüngling zu erklären, hatte er nicht vor.

— Jeder hat seinen Weg, Lukas, — sagte Florian und fuhr los, als die Ampel auf Grün sprang. — Bitte schnallen Sie sich an.

— Geh, entspann dich doch! — Lukas ließ sich wieder nach hinten fallen, ignorierte den Sicherheitsgurt aber weiterhin. — Warum bist du so verkrampft? Ich unterhalte mich nur. Ich versuch halt, die Psychologie eines Verlierers zu verstehen. Nicht böse gemeint, rein soziologisches Interesse.

Florian warf erneut einen Blick in den Rückspiegel.

Da fiel ihm etwas auf. Lukas hielt zwar sein Handy in der Hand, sah aber gar nicht auf den Bildschirm. Die Kameralinse zeigte genau auf Florian. Und auf der Brust, an den dicken Stoff des Hoodies geheftet, schimmerte matt ein winziger schwarzer Punkt. Ein Ansteckmikrofon. Oder eine kleine versteckte Actionkamera.

Plötzlich ergab alles Sinn.

Das war kein bloß schlecht erzogener Kunde. Das war eine Vorstellung für die Kamera.

Florian kannte dieses Format. Seine Tochter hatte ihm irgendwann solche Videos im Internet gezeigt. Junge Prankster, Provokationsblogger. Sie setzten sich in Taxis, gingen in Geschäfte oder Cafés und reizten Angestellte absichtlich so lange, bis diese die Beherrschung verloren. Das Ziel war immer dasselbe: eine heftige Reaktion. Der Fahrer sollte zu schreien beginnen, fluchen, den Fahrgast aus dem Auto werfen wollen oder im schlimmsten Fall handgreiflich werden. Danach wurde das Ganze geschnitten, mit lustiger Musik unterlegt, und der Clip sammelte Millionen Aufrufe. „Taxler dreht komplett durch“, „Opa bis zur Hysterie gebracht“.

Sie suchten sich Menschen aus, die gerade im Dienst waren. Leute, die an Serviceregeln gebunden waren und Angst hatten, ihre Arbeit zu verlieren. Perfekte Opfer für Spott ohne Konsequenzen.

„Aha“, dachte Florian. „Heute bin also ich der Content.“

Der Ärger verschwand schlagartig. An seine Stelle trat eine kalte, berufliche Klarheit. In all den Jahren an der Schule hatte er so viele schwierige, aggressive Jugendliche erlebt, die den Unterricht sprengen oder sich auf Kosten einer Lehrkraft wichtigmachen wollten, dass ihm dieser Bub wie ein aufgeschlagenes Buch vorkam.

Florian beschloss, ihm genau das nicht zu geben, worauf er aus war. Kein Geschrei. Keine Wut. Keine Aggression.

— Ich bin nicht beleidigt, — sagte Florian mit gleichmäßiger Stimme.

Hedis Stube