— Damit mich etwas kränkt, müsste mir die Meinung meines Gegenübers etwas bedeuten. Wir zwei sehen einander heute zum ersten und zum letzten Mal.
Lukas verzog sofort das Gesicht. Diese Antwort gefiel ihm ganz offensichtlich nicht. Da war kein Zündfunke drinnen, nichts, woraus sich ein brauchbarer Clip schneiden ließ. Er schnaubte nur.
— Na servas, ein Philosoph! Ein Philosoph am Steuer. Sag, kannst du nicht irgendwas Normales aufdrehen? Dein Pensionistenradio macht mich fertig.
Ohne auch nur auf eine Reaktion zu warten, beugte Lukas sich wieder nach vorn. Seine Hand landete ungeniert auf dem Armaturenbrett, die Finger glitten bereits über den Bildschirm des Multimediasystems.
— Bitte vorsichtig. Lenken Sie mich nicht vom Fahren ab, — sagte Florian ruhig, aber mit Nachdruck, und schob den Arm des Burschen mit dem Ellbogen sanft zur Seite.
In diesem Augenblick fiel Lukas die kleine Figur am Armaturenbrett auf. Es war ein aus Perlen geflochtener Engel, ein Geburtstagsgeschenk seiner jüngeren Nichte. Florian hatte ihn mit doppelseitigem Klebeband neben der Lüftungsdüse befestigt.
— Oha, was ist denn das für ein peinliches Ding? — Lukas packte den Engel zwischen zwei Finger und riss daran. Das Klebeband gab mit einem trockenen Knacken nach, und die Figur lag in der Hand des Bloggers. — Ein Schutzengel gegen Armut? Funktioniert offenbar nicht, Chef.
In Florian zog sich etwas zusammen. Da war die Grenze. Worte waren das eine. Persönliche Dinge etwas ganz anderes.
— Leg ihn wieder hin, — sagte Florian, und seine Stimme sank um einen halben Ton.
— Geh bitte, warum drehst du gleich so auf? Ich schau ihn mir ja nur an. — Lukas hielt die kleine Figur vor sein Gesicht, offensichtlich so, dass seine versteckte Kamera sie gut einfangen konnte. — Da hast deine Puppe.
Er warf den Engel achtlos zurück aufs Armaturenbrett. Die Figur rutschte ab und verschwand irgendwo unter dem Beifahrersitz.
Florian umklammerte das Lenkrad so fest, dass seine Fingerknöchel hell hervortraten. Er wusste genau, was der Bursche da tat: Er suchte nach wunden Punkten. Würde Florian jetzt anhalten und nach dem Engel greifen, würde Lukas jede Bewegung höhnisch kommentieren. Würde er zu schimpfen beginnen, hätte der Bub genau das Material, auf das er aus war.
— Ich habe gesagt, leg ihn hin. Nicht, schmeiß ihn herum, — sagte Florian beherrscht.
— Mei, sind wir empfindlich! — Lukas lachte auf. In diesem Lachen lag bereits Triumph. Er spürte, dass sein Gegenüber langsam „warm“ wurde. — Schreibst du jetzt eine Beschwerde an den Kundendienst? Nur zu. Weißt du überhaupt, wie viel Geld ich in diesem Fahrdienst lasse? Wenn ich dir einen Stern gebe und reinschreibe, dass du mich angepöbelt hast, bist du morgen weg vom Fenster.
Florian schwieg. Der Wagen glitt über den Wiener Gürtel, während der Regen dichter wurde.
Lukas deutete das Schweigen offenbar als Kapitulation und ging zur nächsten Szene seines kleinen Drehbuchs über. Ein metallisches Zischen war zu hören: Eine Aludose wurde geöffnet. Gleich darauf breitete sich im Innenraum der scharfe, künstliche Geruch eines Energydrinks aus.
— Laut den Regeln des Fahrdienstes sind Essen und Getränke im Auto nicht erlaubt, — sagte Florian, ohne sich umzudrehen.
— Deine Regeln sind mir wurscht, — erwiderte Lukas schmatzend. — Ich zahl, also bestimme ich auch die Musik.
Dann geschah genau das, was wohl als Höhepunkt des Videos gedacht gewesen war.
Lukas stieß ein übertriebenes Keuchen aus, und Florian hörte, wie Flüssigkeit irgendwo hinunterlief.
— Oje, Chef, sorry! Da war grad so ein Schlagloch, hat voll gerüttelt! — In der Stimme des Burschen lag ein schlecht gespielter Schreck.
Florian warf einen Blick in den Rückspiegel. Knallrote Flüssigkeit breitete sich über das helle, perforierte Leder der Rückbank aus und tropfte auf die Fußmatte. Lukas hielt die Dose schräg, ganz bewusst, und ließ den Rest auslaufen. Dabei schaute er nicht auf den Fleck, sondern Florian direkt über den Spiegel an. Er wartete.
Er wartete auf die Explosion. Darauf, dass der Fahrer in die Eisen steigen, aus dem Auto springen, ihn am Kragen packen, fluchen und mit den Händen fuchteln würde. Das wäre der perfekte Schluss für seinen Clip gewesen. „IRRER TAXLER GREIFT MICH WEGEN EIN PAAR TROPFEN SAFT AN!!! BIS ZUM ENDE ANSCHAUEN.“
Florian richtete den Blick wieder nach vorn.
Eine Sekunde verging. Dann eine zweite. Eine dritte.
Er bremste nicht abrupt. Er wurde nicht laut.
Stattdessen atmete er tief ein, ließ die Luft langsam wieder entweichen und ordnete sich ruhig auf der rechten Spur ein. Dann setzte er den Blinker und bog vom hell beleuchteten Gürtel in eine schmale, dunkle Seitengasse ab, die in Richtung alter Gewerbehöfe und Lagerhallen beim Donaukanal führte.
Die Türen klickten leise, aber unüberhörbar.
Florian hatte die Zentralverriegelung betätigt.
Lukas, der sich innerlich schon auf den Skandal eingestellt hatte, erstarrte für einen Augenblick. Das Einrasten der Schlösser klang in der Stille des Wagens wie ein Schuss.
— He, wohin fahren wir? — Zum ersten Mal mischte sich in seine Stimme etwas Echtes, nichts Gespieltes mehr. — Das Navi hat doch geradeaus angezeigt.
Florian griff wortlos zum Armaturenbrett. Er schaltete das Tablet mit der Navigation aus. Der Bildschirm wurde schwarz. Danach drehte er auch das Radio ab. Im Auto blieben nur noch das Trommeln des Regens auf dem Dach und das leise Rauschen der Reifen auf dem nassen Asphalt.
Der Wagen fuhr immer tiefer in die finsteren Gassen hinein. Die Straßenlaternen brannten hier nur jede zweite.
