In mir ist etwas gerissen.
Ohne länger zu zögern, habe ich die Tür aufgedrückt.
Im Wohnzimmer ist meine Mutter ganz vorne auf der Sofakante gesessen, als würde sie jeden Moment aufspringen. Zwischen ihren Fingern knetete sie ein ordentlich zusammengelegtes Geschirrtuch.
Ihr gegenüber stand meine Schwiegermutter Anna, kerzengerade, die Arme fest vor der Brust verschränkt.
Kaum haben die beiden mich bemerkt, ist jedes Wort im Raum erstickt.
„Mama!“
Meine Mutter ist sofort hochgefahren.
„Mein Liebling!“
Im nächsten Augenblick haben wir einander fest umarmt.
„Was machst du denn schon da?“, fragte sie, und ihre Stimme hat gezittert. In ihren Augen standen Tränen.
„Die Reise ist früher vorbei gewesen“, sagte ich. „Ich wollte euch überraschen.“
Aber während ich sie anschaute, ist mir etwas aufgefallen, das nicht zu übersehen war.
Das Leuchten in ihren Augen war keine reine Freude.
Es war Erleichterung.
Und in diesem Moment habe ich begriffen, dass hier irgendetwas vorgefallen sein musste.
„Was ist passiert?“, fragte ich.
„Gar nichts“, sagte meine Mutter viel zu hastig.
Anna hingegen machte nur eine wegwerfende Handbewegung.
„Ach bitte, nichts der Rede wert. Ich habe ihr bloß erklärt, dass sie ruhig ein bisserl mehr mithelfen könnte, wenn sie schon bei uns wohnt.“
Ich sah sie lange an.
„Meine Mutter ist seit drei Tagen da. Sie hat gekocht, Wäsche gemacht, eingekauft und auf die Kinder geschaut.“
„Na und?“, gab Anna zurück. „Das ist doch selbstverständlich. Man kommt ja nicht in ein fremdes Haus, um den ganzen Tag am Sofa zu sitzen.“
Ich holte langsam Luft, damit meine Stimme ruhig blieb.
„Ich war der Meinung, sie ist hier, damit jemand bei den Kindern ist.“
„Das läuft doch aufs Gleiche hinaus.“
„Nein“, sagte ich leise, aber deutlich. „Das tut es nicht.“
Genau in diesem Augenblick haben die Kinder meine Stimme gehört.
„Mama!“
Theresa, meine Sechsjährige, ist aus ihrem Zimmer herausgeschossen, und Lukas, ihr neunjähriger Bruder, war gleich hinter ihr.
Beide sind direkt auf mich zugelaufen.
Ich bin in die Hocke gegangen und habe sie an mich gedrückt.
Für ein paar Minuten ist alles andere in den Hintergrund gerückt.
Ich habe den Duft ihrer Haare eingeatmet, ihre Stimmen durcheinanderreden hören und gespürt, wie die Anspannung der letzten Tage langsam von mir abgefallen ist.
„Ich hab euch etwas mitgebracht“, sagte ich.
Sofort wurden ihre Augen groß.
Lukas bekam das ferngesteuerte Auto, Theresa das kleine Armband.
Hinter meinem Rücken bewegte sich Anna bereits Richtung Küche.
„Das Essen ist gleich fertig!“, rief sie hinüber. „Jetzt, wo du endlich wieder daheim bist, kann deine Mutter ja schön langsam alles wieder an dich übergeben.“
Ich richtete mich auf und drehte mich zu ihr um.
„Wie bitte? Was hast du gerade gesagt?“
Anna blieb stehen.
„Ich habe nur gemeint, dass du jetzt wieder zu Hause bist.“
„Richtig“, antwortete ich. „Und gerade deshalb kann sich meine Mutter jetzt endlich ausruhen.“
Annas Gesicht wurde mit einem Schlag hart.
„Mach bitte kein Theater daraus.“
„Ich mache kein Theater“, erwiderte ich. „Du hast ihr gerade zu verstehen gegeben, dass sie hier nicht zum Ausrasten ist, sondern zum Arbeiten.“
Auf einmal war es vollkommen still.
Meine Mutter trat an meine Seite und sagte leise: „Bitte, lass es gut sein.“
