Ich habe nur den Kopf geschüttelt.
„Nein, Mama. Nicht dieses Mal.“
Anna schaute mich an, als hätte ich sie vor allen Leuten bloßgestellt.
„Ich wollte doch nur, dass hier ein bisserl Ordnung herrscht und alles seinen Gang geht.“
„Das hier ist auch mein Zuhause“, sagte ich ruhig, obwohl mir das Herz bis zum Hals geklopft hat. „Und meine Mutter ist gekommen, weil sie uns unterstützen wollte. Nicht, weil sie als Dienstbotin behandelt werden soll.“
Anna zog den Mund zu einem schmalen Strich zusammen.
„Markus wird sicher seine Freude haben, wenn er hört, in welchem Ton du mit mir sprichst.“
„Gut“, antwortete ich. „Dann rufen wir ihn eben an.“
Keine zehn Minuten später wurde die Haustür aufgesperrt.
Markus trat ein, blieb aber gleich im Vorraum stehen, als er mich gesehen hat.
„Du bist schon wieder da?“
„Ja.“
Er beugte sich zu mir, gab mir einen Kuss auf die Wange und merkte im selben Augenblick, dass etwas ganz und gar nicht stimmte.
„Was ist los?“
Anna war schneller als ich.
„Nichts Besonderes. Nur ein kleines Missverständnis, mehr nicht.“
Aber ich ließ es nicht dabei bewenden. Ich erzählte Markus Wort für Wort, was ich draußen vor der Tür mitangehört hatte.
Zuerst sah er mich an.
Dann wandte er sich seiner Mutter zu.
„Mama, hast du das wirklich gesagt?“
Anna atmete hörbar aus.
„Man wird ja wohl noch etwas anmerken dürfen. Ich habe nur gesagt, dass sie nicht davon ausgehen kann, dass sich hier plötzlich alle nur um sie kümmern.“
Markus’ Gesicht wurde ernst.
„Aber genau das hat sie doch nie verlangt.“
„Natürlich“, erwiderte Anna bitter. „Du hältst ja sowieso immer zu ihr.“
Markus sagte zunächst gar nichts.
Langsam setzte er sich auf einen Sessel, als müsste er seine Gedanken erst ordnen. Dann hob er den Blick und sah seine Mutter direkt an.
„Warum bist du in Wahrheit hier, Mama?“
Anna schwieg.
Nicht nur einen Augenblick.
So lange, dass selbst das Ticken der Uhr plötzlich laut geklungen hat.
Schließlich sagte sie ganz leise: „Weil ich allein bin.“
Zum ersten Mal an diesem Tag war nichts Scharfes mehr in ihrer Stimme. Kein Angriff, kein Vorwurf, keine Fassade.
Nach und nach kam heraus, was wirklich passiert war.
Anna hatte vor ein paar Wochen ihre Stelle verloren. Dazu war in ihrer Wohnung ein massiver Wasserschaden entstanden, und die Handwerker hatten ihr klargemacht, dass die Reparaturarbeiten länger dauern würden.
Sie hatte gehofft, vorübergehend bei uns unterzukommen.
Markus hatte mir davon allerdings noch kein Wort gesagt.
„Markus hat gemeint, vielleicht wärst du einverstanden“, sagte Anna. „Aber ich wollte nicht, dass alle glauben, ich komme mit meinem eigenen Leben nicht mehr zurecht.“
Ich blieb still.
Auf einmal habe ich begriffen, woher diese Härte in ihr gekommen ist.
Es war Angst.
Die Angst, auf andere angewiesen zu sein.
Die Angst, dem eigenen Sohn zur Last zu fallen.
Und weil sie sich das nicht eingestehen wollte, hatte sie versucht, wenigstens alle anderen unter Kontrolle zu bringen.
Trotzdem bedeutete Verständnis nicht, dass ihr Verhalten dadurch in Ordnung war.
„Ich verstehe, dass du gerade eine schwere Zeit durchmachst“, sagte ich. „Aber das gibt dir nicht das Recht, meine Mutter so zu behandeln.“
Annas Augen glänzten feucht.
„Ich wollte ihr nicht wehtun.“
Meine Mutter sah sie lange und still an.
