„Ihr sollt euch um gar nichts kümmern müssen“ sagte Claudia – doch bei unserer Rückkehr saßen bereits acht Erwachsene am Esstisch

Diese Heimkehr fühlte sich schmerzhaft verraten an.
Geschichten

Als wir vor unserem Wohnhaus stehen geblieben sind, hatte ich nur einen einzigen Gedanken: unser Sofa.

Ich habe an die Polster gedacht, weich und nachgiebig, die ich mir endlich in den Rücken stopfen wollte.

An etwas Warmes zu essen. An Ruhe. An diese tiefe, ungestörte Stille, nach der ich mich auf der Entbindungsstation im Spital beinahe körperlich gesehnt hatte.

Vor fünf Tagen waren unsere Zwillinge zur Welt gekommen: Hannah und Tobias.

Seit diesem Moment hat mein Alltag nur noch aus winzigen Schlafstückerln, vergeblichen Stillversuchen und jeder Menge vorsichtiger Bewegungen bestanden. Bei jeder davon habe ich gehofft, dass die Narbe vom Kaiserschnitt nicht wieder so grauslich zu ziehen beginnt.

Schon das Einsteigen ins Auto hatte mir den Rest gegeben.

Florian, mein Mann, drehte den Motor ab und schaute zu mir herüber.

„Die Taschen lassen wir fürs Erste unten. Ich bring dich und die Kleinen hinauf, und dann legst du dich sofort nieder.“

Ich nickte nur. Zum Reden war ich viel zu müde.

Erst da fielen mir die Autos auf.

Der silberne Wagen seiner Tante stand direkt vor dem Hauseingang. Dahinter war der Geländewagen seines Cousins abgestellt.

„Hast du irgendwem gesagt, wann wir heimkommen?“

Florian zog die Stirn kraus.

„Nur meiner Mutter.“

Am Abend davor hatte Claudia unseren Reserveschlüssel geholt. Sie hatte gemeint, sie würde die Blumen gießen und ein bissl zusammenräumen.

„Ihr sollt euch um gar nichts kümmern müssen“, hatte sie am Telefon gesagt.

Damals hatte ich mich wirklich darüber gefreut. Vielleicht, hatte ich mir still ausgemalt, würden die Enkelkinder endlich etwas zwischen uns verändern.

Bis dahin hatte Claudia mich nämlich hauptsächlich dann gelobt, wenn ich ihr irgendeinen Gefallen getan hatte.

Schon im Stiegenhaus waren Stimmen zu hören.

Vor unserer Wohnungstür blieb Florian stehen. Dahinter klirrte Glas, gleich darauf lachte jemand laut auf.

Er sperrte auf.

Unser Esstisch war bis auf den letzten Platz besetzt.

Acht Erwachsene saßen zwischen unseren Hochzeitstellern und den feinen Weingläsern. Claudia hatte es sich ausgerechnet auf Florians Platz bequem gemacht.

Neben ihr saßen ihre Schwester Barbara und deren Mann Markus.

Die anderen Gesichter kannte ich vage von Familienfeiern; eine der Frauen hatte ich überhaupt noch nie gesehen.

Mitten auf dem Tisch stand jene Weinflasche, die wir eigentlich für unseren nächsten Hochzeitstag aufgehoben hatten.

Niemand erhob sich.

„Na endlich seid ihr da!“, rief Claudia. „Wir haben schon geglaubt, ihr seid unterwegs noch einkaufen gefahren.“

Ich blieb im Türrahmen stehen. Hannah schlief friedlich in ihrer Babyschale, Tobias strampelte unter seiner Decke mit den Füßchen.

Claudia warf den Kindern nur einen flüchtigen Blick zu.

„Die könnt ihr vorerst ins Schlafzimmer stellen. Theresa, das Hendl liegt im Kühlschrank. Die Erdäpfel sind noch im Sackerl neben der Abwasch.“

Ich starrte sie an.

„Welche Erdäpfel?“

„Na fürs Essen natürlich. Wir wollen doch auf die zwei Kleinen anstoßen.“

Barbara schob ihr leeres Glas ein Stück nach vorne.

„Etwas Deftiges wäre jetzt nicht schlecht. Ich hab extra kein Frühstück gegessen.“

Meine Jacke hatte ich noch nicht einmal ausgezogen.

Das Spitalsband klebte noch an meinem Handgelenk. Über meiner Schulter hing die Wickeltasche, deren Riemen sich inzwischen schmerzhaft in meine Haut schnitt.

Florian stellte Tobias vorsichtig ab und sah seine Mutter an.

„Mama, Theresa kommt gerade aus dem Spital.“

Hedis Stube