„Das ist uns schon klar.“
„Sie ist erst vor fünf Tagen operiert worden.“
Claudia verzog den Mund zu einem dünnen, ungeduldigen Lächeln.
„Sie soll ja kein mehrgängiges Menü hinstellen. Ein Blech Hendl, ein paar Erdäpfel dazu. Den Salat können wir nachher immer noch herrichten.“
In meinem Bauch zog es plötzlich so scharf, dass mir kurz die Luft wegblieb. Ich streckte die Hand aus und klammerte mich am Türstock fest.
„Ich muss mich hinsetzen.“
Markus hatte den Stuhl genommen, der mir am nächsten gewesen wäre. Für einen Moment hob er den Blick zu mir.
Dann nickte er nur in Richtung Wohnzimmer.
„Die Couch ist eh frei.“
Florians Gesichtsausdruck wurde hart.
Ohne ein Wort nahm er mir die Wickeltasche von der Schulter, legte mir behutsam einen Arm um den Rücken und führte mich ins Schlafzimmer.
Erst als ich dort angekommen bin, habe ich gemerkt, wie sehr mir die Knie zitterten.
„Ganz langsam“, sagte er leise und half mir, mich auf die Bettkante zu setzen.
Danach ging er die Kinder holen.
Hannah fing an zu weinen. Florian hob sie aus der Babyschale und legte sie mir in die Arme. Als ich ihr warmes kleines Gesicht an meiner Brust spürte, kamen mir selbst fast die Tränen.
„Es tut mir leid“, murmelte ich.
Er blieb vor mir stehen und sah mich an.
„Was denn?“
„Dass unser erster Tag daheim gleich so anfängt. Mit Streit.“
Florian ging vor mir in die Hocke.
„Du hast überhaupt nichts falsch gemacht.“
Aus dem Esszimmer drang Claudias Stimme zu uns herein.
„Florian! Frag Theresa einmal, wo sie die große Bratrein hingeräumt hat!“
Er warf einen kurzen Blick zur Tür.
„Ich hol dir ein Wasser. Bleib bitte sitzen, ja?“
Als er hinausging, zog er die Tür fast ganz zu. Durch den schmalen Spalt hörte ich trotzdem jedes Wort.
„Wer hat euch eigentlich eingeladen?“
„Ich“, sagte Claudia. „Wer denn sonst?“
„Und warum hast du uns nicht vorher gefragt?“
„Weil es eine Überraschung werden sollte.“
„Das ist dir gelungen.“
Jemand stieß ein kurzes Lachen aus. Danach wurde es still.
„Jetzt stell dich nicht so an“, meinte Claudia. „Wir sind immerhin deine Familie.“
„Dann müsste ich euch eigentlich nicht erklären, warum meine Frau heute niemanden bewirten wird.“
„Du tust ja gerade so, als hätten wir verlangt, dass sie die ganze Wohnung renoviert.“
Ich machte die Augen zu.
Diesen Ton kannte ich nur zu gut. Alles, was mich überforderte, wurde bei ihr zu einer Kleinigkeit erklärt.
Noch ein zusätzliches Essen. Noch ein Besuch mehr. Noch ein Blech Kuchen, das sich doch angeblich ganz nebenbei machen ließ.
Bei Familienfeiern war es oft so gewesen, dass ich erst zum Essen gekommen bin, als die anderen schon beim Kaffee gesessen sind.
Wenn Florian mich gefragt hatte, ob er mir helfen solle, hatte ich meistens nur den Kopf geschüttelt.
Ich wollte nicht als mühsam gelten. Und vor allem wollte ich seiner Mutter keinen Anlass geben, mich genau so zu nennen.
Jetzt saß ich mit einem Neugeborenen auf dem Schoß da und konnte kaum aufrecht stehen.
Und trotzdem war mein erster Gedanke gewesen, mich für den Streit zu entschuldigen, der gleich losbrechen würde.
Ich wartete, bis Hannah sich beruhigt hatte, und legte sie vorsichtig in ihr Bettchen.
Dann richtete ich mich auf.
Im Vorzimmer kam mir Florian entgegen, ein Glas Wasser in der Hand.
„Was brauchst du?“, fragte er sofort.
„Dass sie mir zuhören.“
Er stellte das Glas zur Seite und ging neben mir her.
Claudia hob den Blick, als ich im Esszimmer auftauchte.
