„Ihr sollt euch um gar nichts kümmern müssen“ sagte Claudia – doch bei unserer Rückkehr saßen bereits acht Erwachsene am Esstisch

Diese Heimkehr fühlte sich schmerzhaft verraten an.
Geschichten

Claudia blieb einen Moment wie angewurzelt stehen, dann setzte sie den Fuß über die Schwelle ins Stiegenhaus.

„Und den Schlüssel hätten wir bitte auch noch“, sagte Florian ruhig hinter ihr.

Langsam wandte sie sich wieder zu ihm um.

„Das meinst du jetzt wirklich ernst?“

Er antwortete nicht mit vielen Worten. Er nickte nur.

Für ein paar Sekunden hat sie gezögert. Dann griff sie in ihre Tasche, legte den Schlüssel auf die Kommode im Vorzimmer und ging hinaus.

Erst als die Tür ins Schloss gefallen war, drang Tobias’ Weinen aus dem Schlafzimmer zu mir durch.

Ich wollte sofort aufstehen, doch Florian legte mir sanft die Hand auf die Schulter.

„Ich geh zu ihm. Du bleibst sitzen.“

Und zum ersten Mal an diesem Tag habe ich nicht widersprochen. Ich habe einfach getan, was mir guttat.

Während ich unseren Sohn gestillt habe, begann Florian schweigend den Esstisch abzuräumen. Das leise Klirren von Geschirr, das mich sonst vielleicht nervös gemacht hätte, klang auf einmal fast tröstlich.

Kurz darauf stellte er mir eine Schüssel Suppe hin. Eine von denen, die ich vor der Geburt portionsweise eingefroren hatte.

„Pass auf, die ist noch heiß.“

Ich nahm den ersten Löffel. Erst beim Hinunterschlucken merkte ich, wie leer mein Magen eigentlich gewesen war.

Florian setzte sich neben mich auf die Couch.

„Ich hätte das viel früher merken müssen“, sagte er leise.

„Heute hast du es gemerkt.“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich rede nicht nur von heute. Ich meine die ganzen letzten Jahre.“

Ich starrte in die Suppe.

„Ich hab ja auch dauernd behauptet, es passt eh alles.“

„Und ich hab es mir zu bequem gemacht und dir geglaubt.“

Danach sagten wir eine Zeit lang gar nichts. Tobias wurde an meiner Schulter schwerer, bis sein Atem ruhig und gleichmäßig ging.

Schließlich nahm Florian mir die leere Schüssel ab.

„Ab jetzt sagen wir beide nur noch Besuch zu, wenn wir vorher miteinander geredet haben.“

Am nächsten Vormittag kam eine Nachricht von Johanna. Sie schrieb, sie hätte etwas zu essen vorbereitet, und fragte, ob sie es einfach vor unserer Tür abstellen dürfe.

Keine Forderung nach Fotos vom Baby. Kein „Ich komm nur ganz kurz rein“. Keine Selbstverständlichkeit, die wieder wie eine Hilfe aussehen sollte.

Eine Stunde später standen zwei Sackerln vor unserer Wohnungstür. Darin waren Brot, Obst und mehrere beschriftete Behälter.

Obenauf lag ein Zettel: „Ihr müsst mir nichts zurückgeben. Sagt einfach Bescheid, wenn ihr wieder etwas braucht.“

Ich habe die Zeilen zweimal gelesen.

Claudia meldete sich erst nach ein paar Tagen wieder. Florian vereinbarte mit ihr einen kurzen Besuch für Samstag und sprach vorher alles mit mir durch.

Diesmal kam sie ohne Begleitung.

In ihrer Tasche hatte sie Lebensmittel und einen Topf Suppe mitgebracht. Im Wohnzimmer blieb sie zunächst unsicher stehen, als müsste sie erst herausfinden, wo ihr Platz war.

„Ich hab euch damals komplett überfahren“, sagte sie.

Ich schwieg und wartete.

„Und ich hätte niemals erwarten dürfen, dass du für alle kochst.“

„Du hast den anderen erzählt, ich hätte sie eingeladen.“

Sie sah zu Boden.

„Ja.“

Es war das erste Mal, dass sie bei einem unangenehmen Satz nicht ausgewichen ist.

„So etwas darf nicht noch einmal passieren“, sagte ich.

„Das wird es nicht.“

Ob ich ihr das schon glauben konnte, wusste ich nicht. Aber ich deutete auf den freien Sessel.

Als Tobias wach wurde, fragte sie zuerst, ob sie ihn halten dürfe.

Später trug sie von sich aus die Häferln in die Küche. Nach einer halben Stunde zog sie ihre Jacke an und verabschiedete sich.

Unsere Wohnung war danach noch immer nicht aufgeräumt.

Auf der Couch lagen Spucktücher, neben dem Bett stapelten sich Windeln, und keiner von uns hatte eine Ahnung, wie viel Schlaf uns die kommende Nacht gönnen würde.

Florian wärmte die Suppe auf, die Claudia mitgebracht hatte.

„Magst noch was?“, fragte er, als meine Schüssel leer war.

Ich hielt sie ihm hin.

„Ja. Gern.“

Diesmal bin ich sitzen geblieben.

Hedis Stube