„Und? War’s schön?“
„Ja“, habe ich geantwortet. „Wirklich sehr schön.“
Dass ich den ganzen Abend immer wieder aufs Handy geschaut und auf irgendein Lebenszeichen von ihm gehofft hatte, habe ich nicht gesagt. Nicht einmal ein kurzer Anruf war gekommen.
In den Monaten danach hat sich in mir langsam etwas verschoben. Ich bin nicht kalt geworden, und meine Familie war mir auch weiterhin wichtig. Aber ich habe begonnen, genauer darauf zu achten, wem ich meine Kraft, meine Zeit und meine Verlässlichkeit schenke.
Wenn Theresa mich plötzlich gebeten hat, noch rasch für sie einkaufen zu gehen, habe ich zuerst gefragt, ob sie es nicht selbst schaffen könnte. Wenn Florian stillschweigend angenommen hat, ich würde wie selbstverständlich seine Verwandtenbesuche koordinieren, habe ich ihm diese Aufgabe gelassen.
Und wenn jemand so getan hat, als wären meine eigenen Vorhaben nebensächlich, habe ich sie nicht mehr automatisch über den Haufen geworfen.
Am Anfang waren alle ziemlich verdutzt.
„Du bist in letzter Zeit irgendwie anders“, hat Theresa bei einem gemeinsamen Sonntagsessen bemerkt.
„Vielleicht passe ich einfach besser auf meine Zeit auf“, habe ich ruhig gesagt.
Sie hat gelacht, als hätte ich einen besonders harmlosen Schmäh gemacht.
Kurz darauf hat die Vorbereitung für ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag begonnen.
Theresa hatte schon lange von einem großen Fest gesprochen. Es sollte ein schönes Restaurant sein, ein feines Menü mit mehreren Gängen, frische Blumen auf jedem Tisch und natürlich möglichst viele Gäste. Außerdem bestand sie darauf, dass die Feier an einem Samstag stattfinden musste, damit am nächsten Tag niemand früh in die Arbeit musste.
„Fünfundsiebzig wird man ja schließlich nur ein einziges Mal“, hat sie bei unserem nächsten Besuch erklärt.
„Da hast du recht“, habe ich gesagt.
Sofort hat sie sich an mich gewandt.
„Barbara, du könntest dich doch um die Einladungen kümmern. Für so etwas hast du einfach ein gutes Gespür. Und du weißt ja ohnehin, was mir gefällt.“
Früher hätte ich ohne Nachdenken zugesagt. Diesmal habe ich gefragt: „Wer übernimmt denn grundsätzlich die Organisation?“
Theresa hat irritiert geblinzelt.
„Na ja, wir natürlich.“
„Dann wäre es vielleicht sinnvoll, wenn ihr zuerst ausmacht, wer welchen Teil übernimmt.“
„Wir?“, hat sie wiederholt. „Florian und du, ihr gehört doch zur Familie.“
„Ja“, habe ich gesagt. „Aber ich kann nicht die komplette Planung übernehmen.“
Sie hat mich angeschaut, als hätte ich ihr gerade eröffnet, dass ich nach Vorarlberg auswandern und nie wieder erreichbar sein würde.
Florian hat sich eingemischt. „Mama, wir unterstützen dich schon.“
Ich habe gelächelt. „Das freut mich.“
Und mehr ist von meiner Seite dazu nicht gekommen.
In den folgenden Wochen hat Theresa ihre Feier gemeinsam mit Florian und seiner Schwester Katharina organisiert.
Ich habe ihnen die Kontaktdaten des Restaurants weitergeleitet, ihnen eine Floristin empfohlen und die Nummer einer Konditorei geschickt. Dabei habe ich es belassen.
Eines Abends hat Katharina angerufen.
„Sag einmal, was ist denn mit dir los? Mama ist komplett fertig mit den Nerven. Sie meint, du hältst dich bei allem ziemlich heraus.“
„Ich helfe so weit, wie es für mich machbar ist“, habe ich erwidert.
„Aber deinen eigenen Geburtstag hast du doch auch organisiert.“
„Eben“, habe ich gesagt. „Meinen Geburtstag.“
Am anderen Ende der Leitung ist es für einen Moment still geworden.
„Das ist ja wohl etwas anderes“, hat Katharina schließlich gemeint.
„Wieso?“
Darauf hat sie keine Antwort gehabt.
Die Wochen sind vergangen, und Theresas Geburtstag ist immer näher gerückt. Rund sechzig Gäste hatte sie eingeladen. Es sollte ein richtig großes Familienfest werden, mit Verwandten aus mehreren Städten und mit Freundinnen und Freunden, die sie teilweise schon seit Jahrzehnten kannte.
Natürlich wurde mir immer wieder vor Augen geführt, wie unverzichtbar meine Anwesenheit sei.
„Du kommst doch sicher früher, oder?“, hat Theresa mich bei einem Telefonat gefragt.
„Warum sollte ich früher kommen?“
„Na, damit du mir helfen kannst. Die Gäste treffen gegen fünf ein. Davor müssen noch die Geschenke hergerichtet und die Blumen überprüft werden.“
„Ich komme als Gast.“
„Als Gast?“
Ihre Stimme klang, als hätte ich etwas völlig Ungehöriges gesagt.
„Barbara, du weißt doch, dass ich mich auf dich verlasse.“
„Theresa, ich habe dich unterstützt, soweit ich konnte. Aber diese Feier ist nicht meine Verantwortung.“
Ohne ein weiteres Wort hat sie aufgelegt.
Am Abend habe ich Florian von dem Gespräch erzählt.
„Du hättest ihr wenigstens zusagen können, dass du ein bisschen früher dort bist“, hat er gesagt.
Ich habe das Geschirrtuch zur Seite gelegt.
„Florian, erinnerst du dich noch an meinen fünfzigsten Geburtstag?“
Er hat geschwiegen.
„Deine Mutter hat damals gesagt, niemand würde wegen meines runden Geburtstags seine Pläne ändern.“
Er hat den Blick abgewandt.
„Du hast damals nichts dazu gesagt. Ich habe trotzdem gefeiert. Und jetzt erwartest du von mir, dass ich meine eigenen Pläne wieder verschiebe, damit bei ihrer Feier alles glattläuft.“
„Das kann man doch nicht miteinander vergleichen.“
„Warum nicht?“
Er hat den Mund geöffnet, ihn aber gleich wieder geschlossen.
Mir war klar, dass ihm keine Antwort einfallen würde, die ihn nicht schlecht aussehen ließ.
Zwei Tage vor der Feier hat Johanna angerufen. Sie hatte schon vor einigen Monaten eine kleine Ferienwohnung am Wörthersee gebucht, konnte nun aber wegen eines beruflichen Termins nicht fahren. Sie bot mir an, die Buchung zu übernehmen.
