„Niemand stellt seine Pläne um, nur weil du einen runden Geburtstag hast“, sagte Theresa in der Küche, Florian schwieg und dieses Schweigen verletzte Barbara mehr als die Worte

Dieses gleichgültige Schweigen war verletzend und feige.
Geschichten

Die Ferienwohnung lag unmittelbar am See. Dazu gehörte ein schmaler Balkon, von dem aus man am Abend zusehen konnte, wie die Sonne hinter dem Wasser verschwand.

Ich habe auf den Kalender geschaut.

Theresas Geburtstag fiel auf den Samstag.

Ursprünglich hatte ich gedacht, erst am Sonntag mit Johanna hinzufahren. Doch während ich die Buchungsbestätigung gelesen habe, ist plötzlich etwas in mir leichter geworden, fast so, als hätte jemand ein Fenster geöffnet.

Warum eigentlich nicht?

Ich habe Johanna zurückgerufen und gefragt, ob es möglich wäre, schon am Freitag anzureisen.

„Aber natürlich!“, hat sie sofort begeistert gesagt. „Ein Wochenende ganz für dich allein hast du wirklich dringend nötig.“

Also habe ich mir eine Zugverbindung herausgesucht, einen kleinen Koffer gepackt und mir zwei Tage vorgestellt, in denen es nur um Spaziergänge am Wasser, gutes Essen und Stille gehen würde.

Florian hat erst am Donnerstagabend davon erfahren.

„Du willst was machen?“, fragte er, als ich ihm die Bestätigung der Buchung unter die Nase hielt.

„Ich fahre morgen an den Wörthersee.“

„Aber am Samstag feiert Mama ihren Geburtstag!“

„Das weiß ich.“

„Du kannst doch nicht einfach jetzt absagen.“

„Ich habe nie zugesagt, dass ich die Organisation übernehme. Ich habe gesagt, dass ich als Gast komme.“

„Du weißt ganz genau, dass sie mit dir rechnet.“

„Florian, ich habe dir gerade gesagt, was ich vorhabe.“

Er ist aufgestanden und im Wohnzimmer hin und her gegangen, als müsste er irgendwo eine Antwort finden.

„Und was soll ich Mama bitte sagen?“

„Die Wahrheit.“

„Sie wird glauben, du machst das nur, um sie zu treffen.“

Ich habe den Reißverschluss meines Koffers zugezogen.

„Dann kann sie ja vielleicht daran denken, was sie mir an meinem Geburtstag gesagt hat.“

Florian hat mich fassungslos angeschaut.

„Wegen dieses einen Satzes ziehst du das jetzt durch?“

„Nein“, habe ich ruhig geantwortet. „Nicht wegen eines einzelnen Satzes. Sondern wegen all der Jahre, in denen du zugeschaut hast, wie deine Mutter meine Zeit, meine Mühe und meine Gefühle als selbstverständlich genommen hat. Dieser Satz war nur der Moment, in dem ich es endlich klar gesehen habe.“

Am nächsten Morgen hat Florian mich nicht zum Bahnhof gebracht. Er meinte, er könne nicht danebenstehen und zusehen, wie ich seine Mutter enttäusche.

Also habe ich mir ein Taxi genommen.

Als der Zug aus dem Bahnhof gerollt ist, hatte ich zuerst ein schlechtes Gewissen. Vor meinem inneren Auge habe ich Theresa gesehen, wie sie ihren Freundinnen erzählte, was für eine undankbare Schwiegertochter ich sei.

Ich meinte sogar, Katharinas empörte Stimme zu hören, und stellte mir Florian vor, wie er zwischen den Gästen stand und nach einer Erklärung suchte, die für alle halbwegs erträglich klang.

Dann habe ich mein Handy neben mich auf den Sitz gelegt und aus dem Fenster geschaut.

Es war nicht meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass eine fünfundsiebzigjährige Frau ihren Geburtstag feiern konnte.

Ich hatte die Feier nicht abgesagt. Ich hatte niemandem verboten, hinzugehen. Ich hatte lediglich beschlossen, dass auch mein eigenes Leben ein Gewicht haben durfte.

Am Samstagvormittag kam die erste Nachricht von Katharina.

„Wo bist du? Mama fragt dauernd nach dir.“

Ich schrieb zurück, ohne etwas zu beschönigen: „Am Wörthersee. Ich wünsche euch eine schöne Feier.“

Ein paar Minuten später läutete mein Telefon. Theresa.

Ich ließ es einfach weiterläuten.

Kurz darauf erschien eine Nachricht.

„Du kannst mich doch nicht ausgerechnet an meinem fünfundsiebzigsten Geburtstag hängenlassen!“

Ich antwortete: „Ich wünsche dir von Herzen alles Gute. Hab einen schönen Tag.“

Mehr schrieb ich nicht.

Erst später habe ich erfahren, wie der Abend tatsächlich verlaufen war.

Die Gäste waren pünktlich erschienen. Florian und Katharina hatten jedoch deutlich unterschätzt, wie viel Arbeit in so einer Feier steckt.

Die Namenskärtchen lagen nicht richtig, manche Gäste saßen neben Personen, mit denen sie sich schon länger nicht mehr verstanden, und der Florist hatte die Blumen viel zu spät gebracht.

Theresa wurde von Minute zu Minute gereizter.

Als eine ihrer Freundinnen wissen wollte, weshalb ich nicht gekommen sei, sagte Theresa, ich hätte mich geweigert, ihr zu helfen.

Da hat Katharina zum ersten Mal offen widersprochen.

„Mama, Barbara hat dir angeboten, dir Dienstleister zu empfehlen. Du wolltest aber, dass sie gleich alles übernimmt.“

Theresa war außer sich.

„Sie ist meine Schwiegertochter!“

„Und du bist ihre Schwiegermutter“, gab Katharina zurück. „Kannst du dich noch an ihren fünfzigsten Geburtstag erinnern?“

Am Tisch wurde es schlagartig still.

Katharina erzählte, wie Theresa damals erklärt hatte, niemand müsse seine eigenen Pläne wegen meines Geburtstages ändern.

Sie sagte auch, dass ich meine Feier damals ohne jede Unterstützung organisiert hatte und Theresa nicht einmal erschienen war.

Einige Gäste sahen einander überrascht an.

Vor allem Florian soll sehr still geworden sein.

Dann legte eine ältere Tante ihr Besteck zur Seite und sagte: „Theresa, wenn du erwartest, dass die Familie für dich da ist, dann musst du auch für die anderen da sein. Das geht nicht nur in eine Richtung.“

Theresa versuchte, das Gespräch rasch auf ein anderes Thema zu lenken, doch so einfach ließ sich niemand mehr abbringen.

Die Feier ging weiter.

Hedis Stube