— Spiel dich hier nicht als Hausherrin auf! Das Wochenendhaus gehört meinem Sohn! — hat Waltraud streng verkündet, die Hände in die üppigen Hüften gestemmt, während sie bedrohlich über meinem sorgsam gezüchteten Hortensienstrauch aufragte. — Daniel ist hier der Herr im Haus, und damit sind wir hier auch keine Fremden. Also, Katharina, lass diese städtischen Extrawürste. Die Verwandtschaft ist da, benimm dich entsprechend.
Ich bin mit der Gartenschere in der Hand auf der Veranda gestanden und habe diese Besucherin wortlos angeschaut, die plötzlich gefühlt den halben Hof ausgefüllt hat. Waltraud musterte meinen perfekt gemähten Rasen mit einem derart herrischen Zusammenkneifen der Augen, als wäre sie eine Schuldirektorin mit dreißig Jahren Dienstzeit, der man unerwartet die alleinige Leitung eines kleinen, aber vielversprechenden Gutshofes übertragen hätte. Hinter ihr, beim offenen Kofferraum eines alten Taxis, trat meine Schwägerin Claudia unsicher von einem Fuß auf den anderen. Und auf meiner geliebten Gartenschaukel hatte es sich bereits Claudias Sohn Severin breitgemacht — ein vierzehnjähriger Teenager, der dort mit unerschütterlicher Selbstverständlichkeit herumlungerte, als wäre er nicht ein mittelmäßiger Schüler mit chronischer Arbeitsallergie, sondern mindestens ein flüssiger Terminator, der erfolgreich eine strategisch wichtige Anhöhe eingenommen hatte.
Unter der Veranda kam langsam und mit der Würde eines englischen Lords, in dessen Anwesen gerade eine Wandertruppe eingebrochen ist, Graf hervor. Zwölf Kilo reinrassiger Maine-Coon-Kater. Er setzte sich neben mich, legte den buschigen Schweif um die Pfoten und fixierte die ungebetenen Gäste mit einem schweren, unbewegten Blick. Graf hat Hektik grundsätzlich nicht gemocht. Waltraud aber verachtete er tief und sehr bewusst — seit jenem Tag, an dem sie versucht hatte, ihm billige Wurst aus dem Diskonter unterzujubeln.
— Mama, — kam hinter mir die ruhige Stimme meines Mannes. Daniel trat aus dem Haus und wischte sich im Gehen die nassen Hände an einem alten T-Shirt ab. — Ich glaube, du hast dich in der Adresse geirrt. Das ist Katharinas Haus. Sie hat es vor unserer Ehe gekauft, vom Geld aus dem Verkauf der Wohnung ihrer Tante. Mir gehört hier nur der Zaun, den ich selbst aufgestellt habe, und die Gartenlaube.
— Ach, Daniel, fang jetzt nicht mit dieser Buchhaltung an! — winkte meine Schwiegermutter ab, ohne auch nur einen Hauch verlegen zu werden. — In einer Familie gehört alles allen. Wenn sie deine Frau ist, dann ist das Haus auch unseres, ein Familienhaus eben. Claudia und ich haben beschlossen, zwei Wochen bei euch zu bleiben. Die Luft hier ist gut. Severin muss vor der Schule noch ordentlich durchatmen. Und Barbara mit Karl kommen am Wochenende auch dazu, die wollten schon lange sehen, wie du dich hier eingerichtet hast.

Langsam senkte ich die Gartenschere.
Schon erstaunlich: Das familiäre Gemeinschaftsgefühl in der Verwandtschaft meines Mannes begann ausnahmslos bei meiner Geldbörse und meinem Wohnraum. Ihre eigenen Mittel hingegen wurden jedes Mal sofort zu einem unantastbaren Sondervermögen erklärt.
Dieses Wochenendhaus hatte ich ein halbes Jahr lang gesucht. Gekauft hatte ich schließlich ein verwildertes Grundstück mit einem schiefen Schuppen darauf. Danach habe ich jeden freien Euro hineingesteckt, Handwerker organisiert, mit Vorarbeitern gestritten, Fliesen, Farbe, Holzverkleidung und Setzlinge ausgesucht. Daniel — das muss man ihm lassen — hat genauso geschuftet wie ich. Er hat nie den Besitzer gespielt, sondern immer ehrlich gesagt, dass diese Baustelle mein Revier sei und er nur helfe, wie ein liebender Mann eben hilft. Gemeinsam haben wir uns hier ein kleines Paradies geschaffen. Einen Ort, an den man vor dem Stadtlärm flüchten, auf der Veranda ein Glas Wein trinken und der Stille zuhören konnte.
Und nun stand mitten in meiner Stille Waltraud mit drei karierten Reisetaschen, aus denen irgendwelche alten Hauskleider herausragten, und erklärte mein Grundstück zur Zweigstelle eines kostenlosen Familiensanatoriums.
— Barbara und Karl? — fragte Daniel nach. Seine Stimme wurde auf einmal deutlich härter, an seinen Wangen traten die Kiefermuskeln hervor. Tante Barbara war die leibliche Schwester meiner Schwiegermutter: laut, rücksichtslos und felsenfest davon überzeugt, dass die Welt ihr allein schon wegen ihrer Existenz etwas schulde. Ihr Mann, Onkel Karl, hatte außerdem die Gewohnheit, nach dem dritten Stamperl allen das Leben zu erklären und ausführlich darzulegen, wie man Saunen richtig baut.
— Ja freilich! — verkündete Claudia fröhlich und schnappte sich eine der Taschen. — Wir haben ihnen gesagt, dass Daniel jetzt ein richtiges Anwesen hat. Sie kommen mit den zwei Enkerln. Am Samstag.
— Katharina, zeig uns doch gleich die Zimmer. Ich brauche das auf der Südseite, vom Nordlicht bekomme ich Migräne. Und Mama gibst du bitte das Schlafzimmer im Erdgeschoß, sie kann die Stiegen schlecht gehen. Du und Daniel seid jung, ihr kommt schon oben im Dachgeschoß zurecht. Und übrigens: Wir sind von der Fahrt entsetzlich hungrig. Was gibt es bei uns zu Mittag? Nur diese billige Chemie aus dem Supermarkt vertrage ich nicht, ich esse ausschließlich Produkte direkt vom Bauern. Am besten wäre ein frisch gefangener Fisch zum Überbacken oder Kalbfleisch gedämpft. Mein Organismus nimmt normales Essen einfach nicht an.
Sie sagte das völlig beiläufig, als würde sie in einem mittelmäßigen Restaurant einer Kellnerin ihre Bestellung diktieren.
Ich sah Daniel an. Er war blass geworden, die Kiefer fest zusammengepresst. Diesen Blick kannte ich: Gleich würde mein sonst so gebildeter, beherrschter Mann die Fassung verlieren und so laut werden, dass Severin auf der Schaukel das Handy aus der Hand fällt; danach würden die Koffer wieder ins Taxi fliegen. Doch plötzlich hat in meinem Kopf irgendein Schalter umgelegt.
Einem unverschämten Menschen erklären zu wollen, dass er unverschämt ist, bringt nichts. Er wird nur beleidigt sein, weil man ihm das kostenlose Benützen des eigenen Lebens verweigert. Waltraud liebte Großzügigkeit. Besonders jene wunderbare, völlig unverbindliche Art von Großzügigkeit, bei der man mit dem Gesichtsausdruck einer großen Wohltäterin fremdes Eigentum verteilt, ohne selbst auch nur einen einzigen Euro beigesteuert zu haben.
Ich berührte ganz leicht Daniels Hand und hielt ihn damit zurück. Überrascht sah er zu mir hinüber. Ich schenkte ihm ein sanftes Lächeln.
— Wissen Sie was, Waltraud, Sie haben vollkommen recht, — sagte ich mit der freundlichsten, melodischsten Stimme, die ich zustande brachte, und zog die Worte fast zärtlich in die Länge. — Wirklich, was bilde ich mir eigentlich ein? Eine Ehefrau muss ihren Platz kennen. Es gehört sich nicht, dass eine Frau ihrem Mann auf seinem Besitz hineinredet. Wenn es das Haus des Sohnes ist, dann ist es eben das Haus des Sohnes. Daniel, mein Lieber, empfange deine Gäste. Deine Verwandtschaft, dein Anwesen, deine Regeln. Ich bin hier ja nur auf Besuch, um ein bisserl frische Luft zu schnappen.
Meine Schwiegermutter nickte zufrieden und bemerkte die Falle nicht einmal.
— Na also! Goldene Worte, Katharina. Warum nicht gleich so? Immer dieser Hochmut von dir. Claudia, bring die Sachen hinein.
Sie fielen in meinen Vorraum ein wie eine tatarisch-mongolische Horde, nur eben mit karierten Taschen und Ansprüchen auf bäuerliche Feinkost.
Daniel sah mich völlig fassungslos an.
— Katharina, was soll das? Welches Dachgeschoß? Welcher Karl mit welcher Barbara? Ich stell die jetzt sofort vor den Zaun, dann können sie zu Fuß bis zum Bahnhof hatschen!
— Daniel, — ich zwinkerte ihm verschwörerisch zu. — Du bist doch jetzt unser östlicher Herrscher, oder? Der Besitzer des Anwesens? Dann trag auch die Last der Macht. Deine Mutter wollte Gast beim Hausherrn sein? Das wird sie bekommen. Nur ich arbeite in diesem Gratis-Service für alle, die gerade Lust darauf haben, nicht mit. Ich wasche meine Hände in Unschuld.
Ein paar Sekunden lang schaute mich mein Mann nur an, dann zuckte es um seine Lippen. Er war ein kluger Mann und hatte die Spielregeln sofort begriffen.
— Verstanden und zur Kenntnis genommen. Also bin ich der Hausherr? Na gut, na gut.
Wir gingen ins Haus. Claudia hatte sich bereits in der Küche breitgemacht und öffnete die Türen der Kästen mit einer Miene, als würde sie eine Bestandsaufnahme durchführen.
— Katharina, wo habt ihr denn normalen Tee? Hier sind nur diese … Kräutermischungen. So etwas trinke ich nicht. Ich brauche schwarzen Tee, mit Bergamotte. Und außerdem habe ich im Kühlschrank ein Stück Parmesan und leicht gesalzenen Lachs gesehen. Schneidet das bitte noch nicht an, das esse ich am Abend mit Wein. Jetzt hätten wir gern ein Hühnersupperl.
Ohne ein einziges Wort zu sagen, ging ich zum Kühlschrank.
