„Spiel dich hier nicht als Hausherrin auf!“ hat Waltraud streng verkündet und die Hände in die üppigen Hüften gestemmt

Diese überhebliche Dreistigkeit war zutiefst unerträglich.
Geschichten

Ich nahm den leicht gesalzenen Lachs heraus, dazu den Parmesan, ein Glas Oliven, eine Stange luftgetrocknete Wurst, zwei Rindersteaks und eine Schale mit besonders schönen Erdbeeren. Alles zusammen wanderte in ein großes Sackerl.

— Was wird denn das jetzt? — Claudia runzelte die Stirn.

— Das sind meine privaten Lebensmittel, — erwiderte ich ganz ruhig. — Gekauft von meinem Geld, für mich. Und da ich hier, wie eure Frau Mama ja so treffend festgestellt hat, nicht die Hausherrin bin, sondern lediglich die Ehefrau des Hausherrn, bin ich für die kulinarische Versorgung der Festgesellschaft nicht zuständig. Daniels Kühlschrank befindet sich übrigens dort unten.

Im unteren Fach lagen ein halber Krautkopf, ein traurig wirkendes Glas Essiggurkerln, eine Dose billige Rollgerste mit Schweineschmalz, ein steinharter Würfel trockene Erbsensuppe, den Daniel irgendwann fürs Fischen gekauft hatte, und ein Packerl Kefir.

Claudia klappte empört den Mund auf, doch in diesem Augenblick schob sich Waltraud mit der Sicherheit einer Feldherrin in die Küche.

— Katharina! Was führst du da für neue Hausregeln ein? Warum versteckst du das Essen?

— Aber geh, Waltraud, — sagte ich und blinzelte unschuldig. — Ich verstecke doch nichts. Ich bringe bloß meine Sachen zu mir hinauf in die Mansarde. Sie haben ja selber gesagt: Daniel ist der Herr im Haus, also soll er auch seine Gäste bewirten. In Männerangelegenheiten misch ich mich nicht ein. Daniel! — rief ich in den Gang hinaus. — Deine Familie hat Hunger! Bitte kümmer dich darum!

Ich packte das Sackerl fester, rief Graf, der gerade mit sichtlichem Ekel Claudias Turnschuhe beschnupperte, und ging hinauf in den ersten Stock.

Die nächsten paar Stunden habe ich ausgesprochen angenehm verbracht. Ich räumte meine Vorräte in den kleinen Minikühlschrank, den ich mir seinerzeit sehr vorausschauend genau für die Mansarde gekauft hatte, schenkte mir ein Glas Wein ein, schnitt Käse auf und schlug einen Krimi auf. Graf machte es sich breit auf der Fensterbank bequem und drehte nur ab und zu die Ohren in Richtung Stiege, von wo gedämpfte, aber äußerst gefühlsbetonte Stimmen heraufdrangen.

Von unten war Daniels Bass zu hören:

— Claudia, Suppe gibt’s keine. Meine Frau hat nichts gekocht, und ich kann’s nicht. Wärm dir halt die Rollgerste mit Schmalz in der Pfanne auf. Oder knabbert an dem Erbsensuppenwürfel.

— Welche Rollgerste?! Welches Schmalz?! — kreischte meine Schwägerin. — Ich mach eine Bauernhof-Diät! Mein Magen ist empfindlich! Daniel, sag Katharina, sie soll runterkommen und den Lachs ordentlich zubereiten!

— Katharina ruht sich aus, — schnitt Daniel die Diskussion streng ab. — Sie war diese Woche müde genug. Und ich bin hier der Hausherr, wie Mama gesagt hat. Mein Haus, meine Regeln. Wenn du keine Rollgerste willst: Draußen im Beet wachsen Klette und Brennnesseln. Geh und kau drauf herum. Natur pur, lauter Vitamine.

Bis zum Abend stieg die Spannung in unserem „Landsitz“ spürbar an. Waltraud begriff langsam, dass das Gratisrestaurant auf unbestimmte Zeit geschlossen war, und beschloss, einen Skandal vom Zaun zu brechen. Schwer atmend und am Geländer Halt suchend kam sie zu mir in die Mansarde hinauf.

— Was soll dieser Boykott?! — verkündete sie schon von der Tür aus, während sie zusah, wie ich Erdbeeren aß. — Wir sind Gäste! Wir kommen von unterwegs! Warum lässt du deinen Mann mit dem ganzen Haushalt allein?

— Waltraud, — ich legte mein Buch beiseite. — Ich glaube, Sie haben sich in Ihren eigenen Aussagen ein bissl verheddert. Heute in der Früh haben Sie den juristischen Status dieses Objekts sehr klar definiert: „das Wochenendhaus meines Sohnes“. Ich respektiere Ihre Feststellung. In fremden Häusern drängt man niemandem die eigenen Regeln auf. Ihr Sohn ist erwachsen, zurechnungsfähig und voll handlungsfähig. Sie sind zu ihm gekommen. Also klären Sie mit ihm bitte Menü, Freizeitprogramm und Bettwäsche.

— Er hat uns zusammengeklebte Rollgerste mit Schweineschmalz in die Pfanne gekippt! Und Tee aus Beuteln! Severin ist überhaupt hungrig, so ein Hundefutter isst er nicht!

— Armer Severin, — seufzte ich mit aufrichtiger Anteilnahme. — Vielleicht sollte er zum Dorfgreißler gehen. Das sind ungefähr drei Kilometer durch den Wald, wenn man flott marschiert. Danach hat er bestimmt ordentlich Appetit.

Meine Schwiegermutter presste die Lippen so fest zusammen, dass sie aussahen wie ein dünner Hühnerbürzel, und stapfte wortlos wieder hinunter.

Der nächste Morgen begann mit einem technischen Zusammenbruch.

Denn ein modernes Wochenendhaus ist eben nicht bloß ein Häuschen am Land. Es ist ein kompliziertes System, das dauernd betreut werden will. Bei uns gab es eine autonome Kläranlage, eine teure Wasseraufbereitung, einen Boiler und eine recht heikle Pumpe im Brunnen. Normalerweise hatte ich das alles im Griff. Ich kontrollierte die Filter, gab die Bakterien in die Senkgrube und stellte die Heizmodi um.

Als ich gegen neun Uhr aufwachte, hörte ich aus dem Erdgeschoß Claudias panische Schreie.

Ich ging in meinem seidenen Morgenmantel hinunter, in der Hand ein Häferl frisch aufgebrühten Kaffee aus der French Press, und fand ein Bild vor, das beinahe gemalt hätte werden können. Claudia stand mitten im Bad, den Kopf voller Schaum, in irgendein Stoffstück gewickelt, und starrte entsetzt auf den Wasserhahn, aus dem kein einziger Tropfen kam.

Waltraud riss währenddessen wütend am Spülknopf vom Klo.

— Es gibt kein Wasser! — heulte Claudia, sobald sie mich sah. — Katharina, was ist mit dem Wasser?! Ich hab mir die Haare mit einem sündteuren Shampoo eingeschäumt!

— Keine Ahnung, — sagte ich und zuckte mit den Schultern, während ich einen Schluck Kaffee nahm. — Ich bin ja nicht die Hausherrin. Alle Fragen bitte an den Besitzer des Anwesens. Daniel! — rief ich.

Mein Mann kam aus dem Heizraum, in alten Arbeitshosen, mit einem Schraubenschlüssel in der Hand und dem Gesichtsausdruck eines schwer geprüften Proletariers.

— Daniel, was ist mit dem Wasser? — fuhr ihn seine Mutter an. — Claudia steht komplett im Schaum!

— Schlimme Sache, Mama, — seufzte Daniel und wischte sich geräuschvoll den Schweiß von der Stirn. — Die Brunnenpumpe ist ausgestiegen. Da ist eine komplizierte Automatik dran, sonst hat sich Katharina immer darum gekümmert, sie hat auch die Anleitung. Ich bin halt männlich-praktisch drangegangen, hab da ein bissl herumgedreht … Kurz gesagt: Die Sicherung ist durchgebrannt.

— Dann reparier es! — empörte sich Waltraud.

— Geht nicht, — Daniel hob die Hände. — Ich brauch ein Ersatzteil. Dafür müsste ich in die Stadt fahren. Aber ich kann nicht weg, ich muss den Zaun streichen. Ihr seid ja schließlich in mein Haus gekommen, da muss ich mich als tüchtiger Hausherr beweisen.

— Und wie sollen wir spülen?! — jaulte Claudia.

— Hinter der Sauna gibt’s den alten Brunnen, — erklärte Daniel hilfreich. — Verzinkte Kübel stehen im Schuppen. Hingehen, Kurbel drehen, Wasser heraufholen und ins Haus tragen. Gleichzeitig Fitness an der frischen Luft. Da kann keine Bauernhof-Diät mithalten.

Zu sehen, wie meine Schwägerin mit eingeschäumtem Kopf, in Stoff gewickelt, einen Zehn-Liter-Kübel quer über das Grundstück schleppte, war unbezahlbar. Severin wollte die Szene zuerst mit dem Handy filmen, bekam von seiner Mutter aber einen nassen Fetzen ins Gesicht und wurde umgehend zum Wassertragen fürs Klo eingezogen.

Zu Mittag waren unsere Gäste gereizt, erschöpft und schmutzig. Waltraud saß auf der Veranda und fächelte sich mit einer Zeitung Luft zu.

Da läutete ihr Handy.

— Ja, Barbaralein! — Ihre Stimme verwandelte sich augenblicklich, wurde sirupsüß und gleichzeitig falsch majestätisch. — Ja, wir sind schon da. Ach, wir erholen uns großartig! Die Luft ist ein Traum. Der Daniel verwöhnt uns, du glaubst es nicht! Natürlich kommt ihr morgen, wie ausgemacht. Grillerei? Selbstverständlich! Ich sag dem Daniel, er organisiert alles. Er kauft Lamm, Gemüse, alles, was dazugehört. Wir freuen uns, meine Lieben, wir freuen uns!

Sie beendete das Gespräch und warf mir einen siegessicheren Blick zu. Ich war in diesem Moment gerade dabei, mit einer kleinen Gießkanne meine Orchideen am Fenster zu gießen.

— Daniel! — kommandierte meine Schwiegermutter. — Morgen kommt Tante Barbara mit ihrer Familie. Vier Personen! Bis zum Abend soll ein richtig schöner Tisch dastehen. Fahr zum Geschäft, kauf ordentliches Fleisch, nicht deine Würstel, sondern Filet. Gemüse, guten Wein, Kräuter. Und Obst für die Kinder.

Daniel kam hinter der Ecke hervor, mit Notizblock und Kugelschreiber.

— Ist notiert, Mama. Lamm, Gemüse, Wein, Obst. Das wird ein wunderbarer Empfang! — Er trat zu ihr hin und hielt ihr die offene Hand hin.

— Was soll das? — Waltraud verstand nicht.

— Na was wohl? Geld, — antwortete mein Mann völlig ungerührt.

Hedis Stube