„Bitte … lass mich hier nicht sterben.“ flehte die blutüberströmte Polizistin, Lukas steht wie festgenagelt im Regen neben dem Wrack

Selbstlosigkeit bewundernswert, aber tödlich leichtsinnig.
Geschichten

„Bitte … lass mich hier nicht sterben.“

Eigentlich bin ich bloß ein allein­erziehender Vater gewesen, der nach der Schicht heimfahren wollte – bis ich sie entdeckt habe: eine verletzte Polizistin, blutüberströmt, allein in der Finsternis.

„Es kommt keiner mehr …“

Der Wind hat ihre Worte fast davongetragen, und doch haben sie Lukas wie festgenagelt stehen lassen.

Der Regen hat auf die Windschutzscheibe seines Pick-ups eingepeitscht, während er die verlassene Landstraße entlanggefahren ist. Seine Finger haben das Lenkrad so fest umklammert, dass die Knöchel weiß hervorgetreten sind.

Die Nachtschichten im Sägewerk haben zwar mehr Geld gebracht, aber sie haben auch Einsamkeit bedeutet – Strecken, auf denen um diese Uhrzeit kein Mensch unterwegs ist, Gegenden, in denen Hilfe Stunden entfernt sein kann.

Und dann hat er es gesehen.

Ein Streifenwagen, seitlich gegen die Leitplanke gedrückt, das Blech zerknittert, die Scheinwerfer dunkel. Aus der Motorhaube ist noch schwach Dampf aufgestiegen, den der Regen sofort wieder niedergedrückt hat.

Lukas hat den Fuß vom Gas genommen.

Sein Schuh hat über dem Bremspedal geschwebt.

Misch dich nicht ein, hat eine vertraute Stimme in ihm gemahnt – dieselbe, die ihn seit Jahren begleitet.

Daheim hat seine Tochter geschlafen.

Ein ruhiges Leben, das er sich mühsam wieder zusammengesetzt hat, Stück für Stück.

Der Welt war er nichts mehr schuldig.

Doch im Schein seiner Lichter hat sich etwas im Wrack bewegt.

Er hat rechts rangefahren und angehalten.

Die Fahrertür ist nach innen eingedrückt gewesen.

Drinnen ist eine Polizistin zusammengesackt im Sitz gehangen, ihre Uniform vom Blut dunkel durchtränkt.

Ein Arm ist kraftlos herabgefallen, ihr Atem ist flach und abgehackt gegangen.

„Gnädige Frau“, hat Lukas gesagt und sich gezwungen, ruhig zu klingen. „Hören Sie mich?“

Ihre Lider haben gezittert, dann haben sich die Augen geöffnet.

„Funk ist tot“, hat sie gehaucht. „Ich hab’s versucht … Verstärkung kommt nicht.“

Sein Blick ist über die Straße gewandert.

Kein Empfang.

Keine Lichter in der Ferne.

Nur Regen, der auf Asphalt trommelt, und Schwärze in alle Richtungen.

„Rettung?“ hat sie kaum hörbar gefragt.

Lukas hat schwer geschluckt.

Er war kein Sanitäter.

Kein Polizist.

Aber Blut kannte er.

Vor Jahren hat er gelernt, wie man es stoppt – an Orten, die schlimmer gewesen sind als dieser nasse Asphaltstreifen.

„Ich heiß Lukas“, hat er gesagt. „Ich bleib bei Ihnen. Aber Sie dürfen nicht wegkippen.“

Er hat seine Jacke ausgezogen und fest auf die Wunde an ihrer Seite gedrückt.

Binnen Sekunden ist der Stoff durchtränkt gewesen.

„Schussverletzung“, hat sie mühsam gemurmelt. „Der Verdächtige … ist geflohen.“

Jetzt haben sich seine Hände wie von selbst bewegt – ruhig, präzise, entschlossen.

Er hat den Erste-Hilfe-Kasten aus seinem Wagen gerissen und begonnen, alles Nötige herauszusuchen, während der Regen unerbittlich weiter auf sie niedergegangen ist.

Hedis Stube