Er hatte das Nahtmaterial hervorgeholt und mit einer Konzentration gearbeitet, die ihn selbst überrascht hat.
„Du … nähst das?“ hat sie kaum hörbar gehaucht.
„Ja“, hat er knapp geantwortet. „Und glaub mir, angenehm wird’s nicht.“
Ein heiseres, fast tonloses Lachen ist ihr entwischt, doch im selben Moment hat sie vor Schmerz scharf die Luft eingezogen.
Der Regen ist unaufhörlich auf sie niedergegangen, während Lukas im Schein der Taschenlampe weitergearbeitet hat. Seine Finger sind ruhig geblieben, obwohl die Kälte längst in seine Gelenke gekrochen ist. Die Nässe, das Blut, das seine Hände bedeckt hat – all das hat er ausgeblendet.
Es hat nur eine einzige Gewissheit gegeben:
Wenn er jetzt nachlässt, stirbt sie.
Die Zeit hat jede Bedeutung verloren. Sekunden haben sich gedehnt, Minuten sind zäh verronnen.
Irgendwann ist ihr Atem gleichmäßiger geworden.
Das Bluten hat merklich nachgelassen.
Aus der Ferne haben sich endlich Sirenen durch das Prasseln des Regens geschoben.
Erleichterung ist in ihm aufgestiegen – bis Anna ihn fixiert hat, ihr Blick wachsam trotz der Erschöpfung.
„Wer … hat dir das beigebracht?“, hat sie gefragt.
Lukas ist einen Schritt zurückgewichen, sein Herz hat heftig gegen die Brust gehämmert.
Denn wenn sie lange genug am Leben bleibt, um Fragen zu stellen –
dann wird das, was er tief vergraben hat, wieder an die Oberfläche kommen.
Und noch vor dem Morgengrauen würde man im ganzen Revier dieselbe Frage hören:
Wer hat diese Wunde vernäht?
Anna ist unter grellem Licht und dem gleichmäßigen Piepsen eines Monitors im Spital aufgewacht.
Der Schmerz in ihrer Seite ist stechend gewesen, unerbittlich – aber sie hat gelebt.
Allein das hat sich unwirklich angefühlt.
Ärztinnen und Ärzte sind um ihr Bett beschäftigt gewesen, leise Stimmen, routinierte Handgriffe. Doch eine Frage ist immer wieder gefallen.
„Wer hat Sie am Unfallort versorgt?“
Anna hat in ihren Erinnerungen gesucht.
Regen.
Dunkelheit.
Hände, die kein einziges Mal gezittert haben.
„Ein Mann“, hat sie schließlich gesagt. „Ein Wagen ist stehen geblieben. Er hat mich zugenäht.“
Im Raum ist es still geworden.
„Zugenäht?“, hat der Chirurg nachgehakt. „Am Straßenrand?“
„Ja. Saubere Nähte. Exakter Abstand. Er hat die innere Blutung lange genug unter Kontrolle gebracht, damit ich es hierher schaffe.“
Noch vor Mittag hat sich die Geschichte im ganzen Revier verbreitet.
Am Abend hat bereits der Polizeichef persönlich nachgehakt.
Denn was Anna geschildert hat, war keine gewöhnliche Erste Hilfe.
Es ist Versorgung gewesen, wie man sie aus einem Einsatzgebiet kennt.
Lukas hat davon nichts geahnt.
Er ist daheim in der Küche gestanden und hat für seine achtjährige Tochter Sophie Suppe aufgewärmt, als ein harter, bestimmter Schlag gegen die Wohnungstür gedonnert hat – offiziell, unmissverständlich.
Zwei Polizisten sind vor der Tür gestanden.
„Herr Lukas?“, hat einer gefragt. „Wir hätten ein paar Fragen.“
Sophie ist erstarrt.
Lukas hat den Blick ruhig erwidert. „Darf ich meiner Tochter zuerst das Abendessen fertig machen?“
Sie haben gewartet.
Auf der Wache hat Lukas sachlich geschildert, was geschehen ist – präzise, ohne auszuschmücken. Er hat erklärt, was er getan hat, jedoch nicht, weshalb er genau gewusst hat, wie.
Aber die Ermittler haben bereits genug in Erfahrung gebracht.
Die Akten …
