„Den PIN her! Sofort die vier Zahlen sagen!“ forderte Hedwig scharf, die mir triumphierend die Gehaltskarte vor die Nase hielt

Diese kalte, rücksichtlose Dreistigkeit ist zutiefst verstörend.
Geschichten

„Den PIN her! Sofort die vier Zahlen sagen!“ Hedwigs Stimme hat so scharf durch den Vorraum geschnitten, als würde sie auf einer Baustelle die Anlieferung von Schotter dirigieren.

Ich bin mit dem schweren Einkaufssackerl in der Hand wie angewurzelt stehen geblieben. Auf der Schwelle meiner eigenen Wohnung stand Hedwig, die Beine breit in wuchtige orthopädische Schuhe gestemmt. Auf ihrem Kopf saß ein smaragdgrünes Barett, das kämpferisch in die Höhe ragte, und in der rechten Hand hielt sie mir triumphierend ein grünes Stück Plastik direkt vor die Nase. Meine Gehaltskarte.

Aus dem Bad, wo der von der Hausverwaltung geschickte Installateur Florian schon seit zwei Stunden an den Leitungen herumwerkelte, kam ein dumpfes Klirren eines heruntergefallenen Rollgabelschlüssels. Gleich darauf meldete sich seine neugierige Stimme:

„Na servas, ein Überfall am helllichten Tag! Frau Hausherrin, soll ich die Polizei rufen, oder wehren Sie sich selber? Falls nötig: Mein Rollgabelschlüssel hat ordentlich Gewicht. Den borg ich Ihnen gern für überzeugendere Argumente.“

„Still jetzt, Wasserleitungsheld!“ fauchte Hedwig Richtung Bad, ohne auch nur den Kopf zu drehen. „Dreh du lieber weiter an deinen Muttern, bevor ich bei der Hausverwaltung eine offizielle Beschwerde über dich einreiche! Und du, Katharina, schau nicht drein, als würde ich dir die letzte Freude im Leben wegnehmen. Sag die Zahlen, wenn ich’s dir anschaffe!“

Langsam stellte ich das Einkaufssackerl auf den kleinen Hocker im Vorzimmer. Hedwigs Gewissen war ungefähr wie ein feines Festtagsservice: Es wurde nur zu ganz besonderen Anlässen aus den Tiefen der Seele hervorgeholt, und auch dann bloß, um vor Gästen Eindruck zu machen. Im Alltag hielt sich meine Schwiegermutter an einen eisernen Grundsatz: Die Älteren in der Familie hatten die Pflicht, die unvernünftigen Jüngeren zu überwachen, sonst würden diese ihr Dasein schnurstracks gegen die Wand fahren.

„Hedwig“, sagte ich, während ich mir den Schal vom Hals zog und mich bemühte, möglichst ruhig zu klingen. In mir drinnen begann allerdings bereits ein riesiger Dampfkessel bedrohlich zu brodeln. „Kann es sein, dass Sie da etwas verwechseln? Das ist meine Bankkarte. Sie war in meiner Geldbörse. Die Geldbörse wiederum lag in meiner geschlossenen Handtasche. Und die hing am Haken im Vorraum.“

„Deine Tasche ist vollkommen unbeaufsichtigt an der Garderobe gehangen!“ konterte Hedwig, ohne die geringste Spur von Verlegenheit. Ihre eiserne Logik vollführte wieder einmal einen waghalsigen Salto und marschierte trotzdem unbeirrt weiter in Richtung fremder Ersparnisse. „Die hat mich ja geradezu herausgefordert! Ich bin gekommen, um nach meinem Sohn zu schauen, und was seh ich? Eine Tasche! Offen genug, dass etwas Wichtiges herausfallen könnte. Was, wenn da Dokumente drinnen gewesen wären? Als fürsorgliche Mutter war ich verpflichtet, den Inhalt zu überprüfen. Ordnung zu schaffen!“

„Und rein zufällig haben Sie ganz hinten im hintersten Fach meiner Geldbörse dieses Stück Plastik ertastet?“

„Werd nicht frech! In der Buchhaltung hat bei mir früher keiner so herumdiskutiert!“ Hedwig wedelte mit der Karte in der Luft. „Ich hab die halbe Nacht kein Auge zugemacht. Mein Blutdruck ist bis hundertachtzig hinaufgeschossen! Ich hab über eure Zukunft nachgedacht. Ihr könnt doch überhaupt nicht wirtschaften! Ihr seid hoffnungslose Verschwender! Gestern hat Sebastian ausgeplaudert, dass du dir neue Stiefel aus Wildleder gekauft hast. Wildleder, Katharina! Bei unserem Gatschwetter! Das ist ein direkter Angriff auf das Familienbudget!“

Sie trat zum Hocker, beugte sich ohne jede Hemmung über mein Einkaufssackerl und inspizierte den Inhalt.

„Aha! Hab ich’s mir doch gedacht!“ Triumphierend zog sie ein Stück Butter heraus. „Zweiundachtzig Komma fünf Prozent Fett! Wozu braucht ihr so eine teure Butter? Margarine hätt’s auch getan, die kostet ein Drittel, und aufs Brot geschmiert merkt kein Mensch den Unterschied! Und was ist das da?“

Mit spitzen Fingern holte sie eine genoppte grüne Frucht hervor und betrachtete sie, als hätte sie ein verdächtiges Fundstück aus einem Tatortbericht in der Hand.

„Eine Avocado?“ empörte sie sich laut. „Was soll denn dieses Krokodilei? Warum schleppt ihr euch exotischen Firlefanz in die Wohnung? Wir haben eigene Erdäpfel, Karotten, Rote Rüben! Und das da? Rohwurst? Katharina, haltet ihr euch neuerdings für Ölscheichs? Wurst macht man selber! Aus Leber, Zwiebelschalen und Grieß! Das ergibt eine nahrhafte Masse, die streicht man aufs Weißbrot, und schon ist man satt und lebt gesund. Ich koch euch heute Abend einen ganzen Topf davon, der reicht locker eine Woche!“

Ruhig zog ich mein Smartphone aus der Manteltasche.

„Und was genau stellen Sie sich jetzt vor?“ fragte ich, während ich die Banking-App öffnete.

„Ich stelle mir nichts vor, ich führe eine neue Lebensordnung ein!“ Hedwig drückte stolz die Brust heraus und sah dabei aus wie eine Taube, die ihren Artgenossen gerade einen ganzen Laib Brot abgerungen hatte. „Ab heute gilt in unserer Familie strenge finanzielle Disziplin. Nein, besser gesagt: finanzielle Diktatur. Ich, als ehemalige Hauptbuchhalterin eines Fleischbetriebs, übernehme eure Einkünfte unter meine persönliche und lückenlose Aufsicht. Eure Gehälter überweist ihr künftig an mich. Ich teile euch dann Bargeld zu. Jeden Montag. Genau berechnet für Öffis, Mittagessen in der Betriebskantine und ein Packerl Kefir. Der Rest wandert in den Fonds für strategische Rücklagen. Also, sag den PIN. Ich lauf gleich zum Bankomaten und heb deinen Vorschuss ab, bevor du ihn für Lippenstifte und sonstigen Unsinn hinauswirfst.“

Auf dem Display öffnete ich das richtige Menü.

„Das heißt, Sie wollen ab jetzt persönlich bestimmen, was ich kaufen darf und was nicht?“ vergewisserte ich mich und tippte auf „Karte sperren“.

„Selbstverständlich! Ihr seid ja wie kleine Kinder. Gibt man euch freie Hand, verprasst ihr das ganze Gehalt für Restaurantessen und Kino. Dabei muss man sparsam leben! Ein Euro zum anderen, so baut man etwas auf. Na los, die vier Zahlen. Ich hab ein professionelles Gedächtnis, ich merk mir das beim ersten Mal.“

Auf dem Handy erschien eine grüne Meldung: Die Karte war erfolgreich gesperrt. Ich steckte das Telefon wieder in die Manteltasche und ging in Richtung Küche.

„Kommen Sie, Hedwig. Trinken wir einen Tee. Dann können wir Ihre neue finanzielle Diktatur gleich in Ruhe besprechen.“

Meine Schwiegermutter kniff misstrauisch die Augen zusammen, schob die Karte aber dennoch in die Tasche ihres unförmigen Wollmantels. Offenbar war sie zu dem Schluss gekommen, ich hätte innerlich kapituliert und würde ihr nun brav die heiß ersehnten vier Ziffern auf einen kleinen Zettel schreiben.

Hedis Stube