„Meine? Was haben denn meine Finanzen damit zu tun?“, brachte Hedwig empört hervor. „Ich bin Pensionistin, und zwar eine, die sich ihre Pension redlich verdient hat! Ich hab mein Leben lang in der Fabrik geschuftet!“
„Genau damit hat es zu tun, Mama“, sagte ich ruhig. „Wenn gespart wird, dann bitte gemeinsam. Wir sind ja eine Familie. Keine Sonderregeln. Also, ich notiere: Ihre Pension beträgt 240 Euro. Dazu überweisen Sebastian und ich Ihnen jeden Monat noch einmal 200 Euro auf die Karte, einfach so, für kleine Freuden, als freiwillige Unterstützung von Ihrem Sohn. Macht zusammen 440 Euro im Monat. Für eine einzelne Person ist das eine recht ordentliche Summe. Und jetzt schauen wir uns Ihre Ausgaben einmal ganz genau an.“
„Das ist mein privates Geld!“, fuhr meine Schwiegermutter auf und legte beide Hände schützend über ihr Heft mit dem Kunstledereinband. „Das hab ich mir ehrlich verdient!“
„Unseres klauben wir auch nicht vom Gehsteig auf“, erwiderte ich und schrieb die erste Zeile auf mein Blatt. „Aber wir haben uns ja auf ein Leben nach dem Prinzip jeder Cent zählt geeinigt. Beginnen wir also mit dem vergangenen Monat. Da haben Sie eine angebliche Wunder-Matratze gegen sämtliche Krankheiten gekauft. Um 190 Euro. Von irgendwelchen Vertretern, die an Wohnungstüren läuten. In dieser Matratze soll, laut deren Aussage, Wolle vom Himalaya-Kamel eingenäht sein.“
„Die ist heilend! Seitdem tut mir der Rücken nicht mehr weh!“, widersprach Hedwig mit Nachdruck.
„Ihr Rücken tut Ihnen nicht mehr weh, weil wir Ihnen in der Klinik eine professionelle Massageserie bezahlt haben“, fuhr ich unbeirrt fort und machte mir eine Notiz. „Und Ihre Matratze hat sich bei näherem Hinschauen als mit billigstem Kunstfaservlies ausgestopft herausgestellt. 190 Euro beim Fenster hinausgeworfen. Ich vermerke: zweckwidrige Mittelverwendung. Weiter. Vor drei Wochen haben Sie über einen Fernsehvertrieb den ‚Talisman des bedingungslosen Reichtums‘ eines berühmten Hellsehers bestellt. 75 Euro plus Zustellung durch den Boten. Das Paket hab ich persönlich entgegengenommen.“
Aus dem Bad klirrte wieder ein Werkzeug. Diesmal sagte Florian gar nichts dazu. Er ließ nur ein lautes, sehr aussagekräftiges Schnauben hören.
„Das war eine Investition in die Energie der Wohnung!“, verteidigte sich meine Schwiegermutter. „Von feinstofflichen Dingen versteht ihr überhaupt nichts! Dieser Talisman zieht Geldströme ins Haus!“
„Dafür, dass Sie heute gekommen sind, um meine Gehaltskarte einzuziehen, arbeitet der Talisman aber mit erheblichen Aussetzern“, bemerkte ich und setzte ein kräftiges Häkchen auf meiner Liste. „Die einzigen Ströme, die er angezogen hat, sind direkt in die Tasche dieses Fernsehmagiers geflossen. Nächster Punkt. Sie haben magnetische Einlagen eines wandernden tibetischen Mönchs gekauft. Um 120 Euro.“
„Die bringen die Aura ins Gleichgewicht!“
„Die bestehen aus festem Karton und Alufolie“, sagte ich trocken. „Weiter. Wöchentliche Besuche bei der Friseurin Rosi. Föhnen, Dauerwelle, violette Tönung. Hedwig, wozu brauchen Sie teure violette Locken? Kaufen Sie sich doch ein Stück Kernseife. Damit waschen Sie sich die Haare, dann werden sie kräftig und dicht. Genau das haben Sie mir vorhin selbst geraten. Eine gewaltige Ersparnis!“
In diesem Augenblick beschloss Barmalej, der die ganze Zeit unter dem Tisch gesessen hatte, seinen Rücken an dem Stuhlbein zu reiben, an dem die riesige Handtasche meiner Schwiegermutter hing. Die Tasche kippte zur Seite, und aus dem Außenfach segelte ein zerknüllter Kassabon auf den Linoleumboden. Ich bückte mich, hob ihn auf und strich ihn auf dem Tisch glatt.
„Na, schau an, wie spannend“, sagte ich und las die Zeilen aufmerksam. „Heutiges Datum. Konditorei ‚Süßes Paradies‘. Mehlspeise ‚Schokoladentrüffel‘: 6 Euro. Ein Häferl Cappuccino mit Mandelmilch: 4 Euro. Zusammen 10 Euro. Hedwig, was ist denn mit dem strengen Sparkurs? Sie haben doch gerade noch behauptet, teure Butter zu kaufen sei Verschwendung.“
Meine Schwiegermutter riss mir den Bon hastig aus der Hand und zerknüllte ihn in ihrer Faust.
„Das hab ich wegen meines Blutdrucks gebraucht!“, fiel ihr ein. „Ich war aufgeregt, der Zucker ist mir abgesackt, der Arzt hat gesagt, ich soll Glukose zu mir nehmen!“
„Der Arzt hat ausdrücklich empfohlen, einen Trüffel um 6 Euro zu essen und ihn mit Mandelmilch hinunterzuspülen?“, fragte ich nach und trug einen weiteren Punkt auf meinem Blatt ein. „Bemerkenswerte Medizin. Und ich wundere mich noch, wohin unsere 200 Euro monatliche Sohneshilfe verschwinden.“
„Wie kannst du nur!“, empörte sie sich. „Ich bin ein älterer Mensch! Ich hab ein Recht auf kleine Freuden! Einmal im Monat fahre ich ins Theater!“
„Da haben wir es ja!“ Ich klopfte mit dem Kugelschreiber auf den Tisch. „Theater. Ins Theater kann man mit dem Obus fahren. Sie aber bestellen jedes Mal ein teures Taxi, weil, ich zitiere: ‚In den billigen Autos hören die Fahrer so schlechte Musik, davon wird mir die Laune verdorben.‘ Hedwig, wenn wir bei meinem Klopapier sparen und den Kater auf billigen Fisch umstellen sollen, dann wird Ihre Laune eine Fahrt mit den Öffis wohl irgendwie überleben. Ein Fahrschein kostet ein paar Euro. Ich notiere: teure Taxifahrten werden ersatzlos gestrichen.“
Genau in diesem Moment waren im Vorzimmer Schritte zu hören. Die Tür ging auf, und Sebastian kam herein. Mein Mann war von der Arbeit zurück, müde und sichtbar durchnässt. Draußen regnete es in Strömen, seine Jacke glänzte vor lauter Wassertropfen.
„Katharina, ich bin daheim!“, rief er, während er sich die Schuhe auszog. „Draußen ist ja die reinste Sintflut. Oh, wir haben Besuch? Mama, servus! Was führt dich denn her?“
Hedwig änderte augenblicklich ihre Taktik. Aus der dreisten Besatzerin wurde innerhalb einer Sekunde ein armes, zutiefst gekränktes Opfer der Umstände. Sie sprang vom Stuhl auf und eilte ins Vorzimmer.
„Mein Bub!“, jammerte sie mit einer Verzweiflung, als hätte ich sie soeben gezwungen, mir ihre Wohnung zu überschreiben. „Sebastian! Beschütz deine Mutter! Deine Frau hat endgültig den Verstand verloren! Sie quält mich! Sie hält mir ein Stück Seife und den Obus vor!“
Sebastian stand mit seiner Arbeitstasche in der Hand da, schaute erst verwundert seine Mutter an und dann mich. Ich kam ruhig aus der Küche, mein vollgeschriebenes Blatt Papier in der Hand.
„Katharina, was ist denn bei euch los?“, fragte mein Mann. „Habt ihr euch schon wieder wegen des Borschtsch-Rezepts gestritten?“
