„für das Herumtun mit diesen Säcken jetzt wirklich keine Zeit“ — sagte Lukas und überließ Julia schweigend das Reifenwechseln

Diese vertraute Routine fühlte sich plötzlich schmerzhaft an.
Geschichten

Die Winterreifen hat Julia jedes Jahr selbst gewechselt. Nicht, weil sie niemanden darum bitten hätte können, sondern weil sich im Oktober vor der Reifenwerkstatt in Mödling die Autos bis fast zur Bim-Haltestelle gestaut haben. Außerdem hatte ihre Schwiegermutter in einer Garagenanlage eine eigene Box, und dort lagen hinter einem eisernen Werkzeugkasten Julias Reifen. Vier Stück, in schwarze Säcke verpackt, mit Filzstift beschriftet: „VL“, „VR“, „HL“, „HR“. Angeschrieben hatte sie sie selbst, noch im vergangenen Frühjahr, nachdem Lukas gemeint hatte, er habe „für das Herumtun mit diesen Säcken jetzt wirklich keine Zeit“.

Am Samstag ist sie gegen elf dort gewesen. Der Schlüssel zur Garagenbox hing an ihrem Bund gleich neben dem Postkastenschlüssel und einem kleinen Anhänger in Form einer Plastikerdbeere — ein Geschenk ihrer Tochter, damals war sie sechs gewesen. Das Tor ging quietschend auf, und ihr schlug der Geruch von Motoröl, feuchtem Sperrholz und etwas Säuerlichem entgegen. Theresa lagerte hier offenbar wieder Gläser mit eingelegten Gurken vom Vorjahr.

Julia fuhr den Wagen hinein, zog die Handbremse an und stellte den Motor ab. Der silberne Hyundai, vor zwei Jahren frisch aus dem Autohaus. Noch immer strich sie manchmal, wenn sie sich hinters Lenkrad setzte, mit der Hand über das Armaturenbrett, als müsste sie sich vergewissern, dass dieses Auto wirklich ihr gehörte.

Dann lief alles ab wie immer. Sie schob das alte Nachtkastl zur Seite, auf dem leere Farbkübel standen, rückte das Fahrrad ihres Schwiegervaters ein Stück weg — er war seit vier Jahren tot, aber das Rad hing noch immer am Haken, als würde sein Besitzer jeden Moment zurückkommen und es holen. Danach zwängte sie sich hinter den Kasten, wo in der Ecke die Reifensäcke lagen. Der Kasten stand nicht ganz an der Wand; dazwischen blieb ein Durchgang von vielleicht sechzig Zentimetern. Genau dort ging Julia in die Hocke, um den ersten Sack hervorzuziehen.

Doch der Sack blieb irgendwo hängen. Sie zog fester, aber er rührte sich nicht. Also beugte sie sich hinunter und leuchtete mit dem Handy hinein. Ein rostiger Nagel, der aus einer alten Palette ragte, hatte sich in den Sack gebohrt. Julia fluchte leise und begann, den Stoff vorsichtig zu lösen, damit nichts aufriss.

In genau diesem Augenblick schlug draußen eine Autotür zu. Gleich darauf hörte sie Schritte und eine Stimme, die sie sofort erkannte.

„Offen ist’s. Schau an. Ist sie etwa schon da?“

Das war Theresa. Julia wollte sich schon aufrichten und rufen: „Ich bin hier!“, doch ihre Schwiegermutter sprach weiter, und irgendetwas in diesem Ton ließ Julia erstarren.

„Lang wird die Julia mit dem Auto eh nimmer herumfahren.“

Eine zweite Frauenstimme antwortete, ein wenig heiser. Katharina. Lukas’ jüngere Schwester.

„Mama, leiser. Was, wenn sie irgendwo da ist?“

„Wo soll sie denn da sein? Das Auto steht da, aber von ihr keine Spur. Wahrscheinlich ist sie zum Sepp gegangen, Wasser holen. Sie wäscht sich nach den Reifen doch immer bei ihm die Hände.“

Julia ging tatsächlich jedes Mal zum Garagenwart, um sich nach der Arbeit die Hände zu waschen. Offenbar kannte man ihre Gewohnheiten besser, als ihr lieb war.

„Trotzdem“, sagte Katharina. „Lukas hat doch gesagt, wir sollen ihr nichts sagen, bis die Unterlagen erledigt sind.“

„Sag ich’s ihr vielleicht? Ich red ja mit dir. Schau dir das Auto an! Kein einziger Kratzer. Das ist nicht dein Logan mit der eingedrückten Stoßstange.“

„Den Logan hat Florian zusammengeführt, nicht ich.“

„Eben. Und hier hättest du dann ein ordentliches Auto. Dein eigenes. Du könntest Paul zum Training bringen, aufs Wochenendhaus fahren. Nicht immer wie irgendwelche armen Verwandten mit dem Bus und Umsteigen.“

Julia hockte hinter dem Kasten, in der einen Hand das Handy mit eingeschalteter Taschenlampe, mit der anderen hielt sie den Rand des Reifensacks fest. Die Lampe machte sie aus, ganz automatisch, fast ohne nachzudenken. In den Knien begann es bereits zu ziehen.

„Mama, lässt er sich wirklich scheiden?“, fragte Katharina. „Das erzählt er doch seit zwei Jahren.“

„Diesmal schon. Gestern hat er mir gesagt: noch vor Neujahr. Er hat dort … na, wurscht, was er dort hat. Er ist ein erwachsener Mann, das wird er schon selber regeln.“

„Hat er eine andere?“

„Katharina, misch dich da nicht ein. Wichtig ist etwas anderes. Das Auto ist auf ihn angemeldet. Solange sie verheiratet sind, wird es bei der Trennung geteilt. Wenn er es aber vor der Scheidung verkauft — sagen wir, an mich —, dann gibt’s auch nichts mehr zu teilen.“

„An dich verkaufen? Um wie viel?“

„Um tausend Euro. Wir machen einen Kaufvertrag, ich ‚gebe‘ ihm das Geld — wer soll denn nachprüfen, ob ich es wirklich gegeben hab oder nicht? Und dann gehört der Wagen mir. Dir gebe ich eine Vollmacht, damit du damit fahren kannst. Oder ich schreibe ihn später auf dich um, wenn sich alles beruhigt hat.“

„Und Julia?“

„Was soll mit Julia sein? Julia soll mit der Bim fahren. Sie ist jung, sie hat gesunde Füße.“

Katharina kicherte. Nicht einmal böse, eher unsicher, so wie man lacht, wenn einem etwas unangenehm ist und man trotzdem nicht anders kann.

„Und wenn sie draufkommt?“

„Wie soll sie draufkommen? Lukas unterschreibt den Vertrag, wir fahren zur Zulassungsstelle, melden um — das dauert zwanzig Minuten. Ihr sagt er, er habe das Auto verkauft, weil ein Kredit abbezahlt werden muss. In seine Kredite hat sie sich ja nie eingemischt. Außerdem: Das Auto läuft auf ihn. Er ist der Besitzer. Er kann damit machen, was er will.“

„Mama, aber sie hat doch selbst gezahlt, oder? Lukas hat einmal gesagt, sie hätte da etwas von ihrer Oma bekommen.“

„Hat er gesagt, hat er nicht gesagt. Das Geld ist in die Familie gekommen, also war es Familiengeld. Du musst nur schauen, dass du Florian vorerst nichts erzählst. Der kann den Mund nicht halten.“

Eine Weile standen sie noch da. Theresa ging um den Wagen herum; Julia hörte ihre Stiefel über den Beton scharren und wie sie mit einem Fingernagel gegen die Scheibe tippte.

„Und neue Matten hat sie auch gekauft“, sagte die Schwiegermutter zufrieden. „Erst letzten Monat. Aus Gummi, mit Rand. Eine ordentliche Hausfrau ist sie, das muss man ihr lassen.“

„Gehen wir jetzt?“, fragte Katharina hörbar nervös. „Sie kommt sicher gleich zurück.“

„Ja, ja. Ich nehme nur noch die Gurken mit. Hol du dort das große Glas, das Dreiliterglas.“

Glas klirrte. Schritte entfernten sich. Die kleine Tür im Garagentor fiel zu. Eine Minute später sprang Katharinas Logan an, der im Leerlauf so hustete, dass man ihn noch drei Boxen weiter hören konnte.

Julia blieb noch ungefähr fünf Minuten hinter dem Kasten sitzen. Nicht, weil sie Angst gehabt hätte, die beiden könnten zurückkommen. Ihre Beine gehorchten ihr einfach nicht.

Irgendwann kroch sie doch hervor. Den Sack löste sie vom Nagel; natürlich war er entlang der Naht aufgerissen. Sie holte die übrigen drei Reifen heraus, rollte den Wagenheber heran und nahm das erste Rad ab. Ihre Hände erledigten alles wie von selbst, während in ihrem Kopf immer wieder derselbe Satz kreiste: „Julia soll mit der Bim fahren.“

Als sie fertig war und zum Garagenwart ging, um sich die Hände zu waschen, sagte Sepp, ein Mann um die sechzig mit Matrosenleiberl unter der wattierten Jacke:

„Ah, deine Schwiegermutter war grad da. Mit ihrer Tochter. Haben Gurken geholt.“

„Ich weiß“, sagte Julia. „Ich hab sie gesehen.“

„Und warum hast nicht Grüß Gott gesagt?“

„Bin nicht dazugekommen“, antwortete Julia und seifte ihre Hände so gründlich ein, dass der Schaum bis zu den Ellbogen kroch.

Nach Hause fuhr sie langsam. Bei der Ampel beim Busbahnhof merkte sie plötzlich, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie über die letzten drei Kreuzungen gekommen war.

Die Sache mit dem Auto war eigentlich so klar wie das kleine Einmaleins. Gerade deshalb konnte Julia sie auswendig.

Vor drei Jahren war ihre Großmutter Maria gestorben. Maria hatte in Klagenfurt in einem alten Gemeindebau gewohnt, in einem Zimmer mit achtzehn Quadratmetern, in dem es immer nach Herz­tropfen und Geranien gerochen hatte. Dieses Zimmer hatte sie Julia vermacht — nicht ihrer Tochter, also Julias Mutter, sondern ausdrücklich der Enkelin. Ihre Mutter war nicht beleidigt gewesen. Sie hatte nur gesagt: „Passt schon. Du hast dich ja am meisten um sie gekümmert.“

Julia trat das Erbe an, wartete ein halbes Jahr und verkaufte das Zimmer dann. Heraus kamen zwölftausend Euro. Das Geld landete auf ihrem eigenen Konto, genau auf jenem, auf das ihre Großmutter ihr früher zum Geburtstag immer fünfzig Euro überwiesen hatte.

Damals hatte Lukas gesagt:

„Hör zu, nehmen wir doch endlich ein gescheites Auto. Dein Matiz ist ja schon peinlich. Wir legen von unserem etwas dazu, nehmen einen kleinen Kredit auf, und fertig.“

Julia hatte eingewilligt. Der Wagen kostete neunzehntausend Euro. Zwölftausend überwies sie direkt von ihrem Konto ans Autohaus — ordentlich per Banküberweisung an die Kassa, worüber Lukas noch gelacht hatte, weil sie alles wie eine Buchhalterin über die Bank laufen ließ. Den Rest, siebentausend Euro, zahlten sie gemeinsam: ein Teil aus Ersparnissen, ein Teil als Kredit, den sie danach eineinhalb Jahre miteinander abbezahlt hatten.

Angemeldet wurde der Wagen trotzdem auf Lukas. Er hatte fünfzehn Jahre Fahrpraxis und keinen einzigen Unfall, sie dagegen erst fünf Jahre und einen Kratzer vom Einparken. Die Versicherung kam dadurch fast um die Hälfte billiger. „Was macht das schon, auf wen er läuft“, hatte Lukas damals gesagt. „Wir sind doch eine Familie.“

Genau diese Worte — „wir sind doch eine Familie“ — gingen Julia jetzt durch den Kopf, während sie vor der roten Ampel stand.

Daheim war Lukas nicht da. In der Küche stand im Abwasch sein Häferl mit einem Rest kaltem Kaffee, der Löffel steckte noch darin. So ließ er es immer stehen, obwohl Julia ihn bestimmt schon hundertmal gebeten hatte, es wenigstens auszuspülen.

Hedis Stube