„Ich bin nicht im Haus“, sagte Lena ruhig — Anna verstummte, ihre Stimme wurde hart

Diese unverschämte Selbstverständlichkeit war verletzend und unfair.
Geschichten

— Lena, warum hebst du denn nicht ab? Wir sind schon auf der Bundesstraße! In einer Stunde sind wir da, stell den Wasserkocher auf! — Annas Stimme, die Stimme meiner Schwägerin, klang so schrill durchs Handy, dass ich die Lautstärke hinunterdrehen musste, damit der Lautsprecher nicht schepperte.

Ich warf einen Blick aufs Display. 30. Dezember, 14:15 Uhr. Draußen fiel träge nasser Schnee, der sich auf dem Asphalt sofort in grauen Matsch verwandelte.

In meiner Wohnung roch es nach frisch gemahlenem Kaffee und ein bisserl nach Tannengrün. In der Ecke stand ein kleiner Christbaum, den ich gestern bei einem alten Film geschmückt hatte — schlicht, aber mit Geschmack.

— Anna, — ich nahm einen Schluck und genoss für einen Moment die Stille in meiner Küche. — Wohin genau seid ihr eigentlich unterwegs?

— Na geh, Lena! — Aus dem Hörer kam ein Lachen, dahinter hörte ich Kindergeschrei und eine tiefe Männerstimme. — Ins Haus natürlich! Zu uns! Wir haben beschlossen: Warum in der Stadt versumpern? Die Salate haben wir mit, Tobias hat Feuerwerk gekauft. Du kannst inzwischen schon langsam die Sauna herrichten. Wir kommen ja mit den Kindern, das Haus soll warm sein.

„Zu uns.“

Dieses kleine Wort tat mir seit drei Jahren in den Ohren weh — seit mein Mann, Annas Bruder, nicht mehr da war.

Das Wochenendhaus war solide gebaut, aus Holz, aber es verlangte ständig Pflege. Geerbt hatte ich es von meinen Eltern. Nicht von meinem Mann. Für Anna aber war es unser „Familiensitz“, ein Ort, an dem sie offenbar ein lebenslanges Recht auf Urlaub gebucht hatte.

— Anna, — sagte ich ruhig und spürte dabei, wie sich die Spannung in mir langsam löste. — Ich bin nicht im Haus.

Am anderen Ende wurde es still. Nur das Rauschen der Reifen und leise Musik aus dem Autoradio waren zu hören.

— Wie, nicht dort? — Ihre festliche Fröhlichkeit verschwand; stattdessen bekam ihre Stimme diesen harten Klang, den ich nur zu gut kannte. — Wo bist du denn? Wir haben doch ausgemacht, dass Silvester ein Familienfest ist.

— Wir haben gar nichts ausgemacht, Anna. Du hast mich vor vollendete Tatsachen gestellt. Ich bin daheim. In Wien.

— Aha, — sie dachte hörbar nach und stellte ihre Pläne im Kopf schon um. — Na gut. Blöd ist halt, dass das Haus kalt ist. Aber die Schlüssel liegen doch wie immer unter der Veranda in der Dose, das wissen wir eh. Tobias heizt den Ofen ein, wir sind ja keine kleinen Kinder. Du packst jetzt deine Sachen und nimmst dir ein Taxi oder steigst in den Zug. Wir warten auf dich. Allein daheim sitzen gehört sich nicht.

Sie fragte nicht einmal. Sie gab Anweisungen.

So, wie sie im vergangenen Sommer über meine Zeit verfügt hatte, als sie ihre drei Nichten und Neffen gebracht und zwei Wochen bei mir gelassen hatte. „Lena, du hast dort draußen an der frischen Luft ja sowieso nichts zu tun, und bei mir brennt der Bericht.“

So, wie sie über mein Geld bestimmt hatte, wenn ich nach ihren Winterbesuchen schweigend die Stromrechnungen bezahlt hatte, weil es jedes Mal hieß: „Ups, wir haben vergessen, den Zählerstand aufzuschreiben, wir rechnen das später ab.“

Abgerechnet wurde nie.

Die Grenze ohne Rückweg

— Anna, fahrt nicht weiter, — sagte ich und sah zu, wie eine Schneeflocke an der Fensterscheibe zerfloss. — Dreht bitte um.

— Was ist denn mit dir, Lena? Spinnst du? Wir haben den Kofferraum voller Essen! Die Kinder freuen sich seit Tagen! Tobias ist müde, der kann jetzt nicht wieder zurückfahren. Stell dich nicht so an. Ich verliere gleich den Empfang, wir sind bald da. Die Schlüssel unter der Veranda, ich weiß es noch!

Dann legte sie auf.

Ich legte das Handy zur Seite.

Hedis Stube