„Zu uns!“ — Theresa rief fröhlich vom fahrenden Auto, ich erwiderte leise, ich sei nicht im Haus

Diese selbstsüchtigen Ansprüche fühlen sich unverschämt an.
Geschichten

Bei Kilometer 45, gleich vor der Abzweigung, steht ein kleines Hotel namens „Gemütlich“. Ich schicke dir gleich den Standort. Die haben dort eine Sauna und einen Grillplatz. Zimmer müssten auch noch frei sein.“

„Ein Hotel?!“ Sie schnappte hörbar nach Luft. „Du willst ernsthaft, dass wir Silvester in irgendeinem Gasthof an der Straße feiern — und das auch noch auf eigene Kosten?“

„Ich nenne dir eine Möglichkeit“, sagte ich ruhig. „Die Gratis-Variante Wochenendhaus gibt es nicht mehr. Und zwar endgültig.“

„Das verzeihe ich dir nie, Anna. Nie. Du bist eine Verräterin. Du hast Florians Andenken für ein paar Euro verkauft!“

„Ich habe ein Haus verkauft, das mir jahrelang die letzte Kraft ausgesaugt hat, Theresa. Florians Andenken trage ich nicht in morschen Brettern herum, sondern in mir. Und ja, das Geld aus dem Verkauf ist meine Absicherung. Übrigens genau jene Absicherung, die du und Lukas uns damals auch nicht zurückgegeben habt, als ihr euch vor fünf Jahren Geld fürs Auto geliehen habt.“

Am anderen Ende der Leitung wurde es plötzlich still. Über diese Schuld ist in der Familie immer „anständig“ geschwiegen worden. Alle haben so getan, als wäre das längst erledigt, als hätte es nie existiert.

„Dann schleich dich“, zischte sie schließlich. „Ruf uns nie wieder an. Mit dir wollen wir nichts mehr zu tun haben.“

„Einen guten Rutsch“, sagte ich nur und tippte auf den roten Knopf.

Danach öffnete ich den Kontakt „Theresa Schwägerin“, ging in die Einstellungen und wählte „Blockieren“. Gleich darauf ist auch Lukas’ Nummer auf meiner Sperrliste gelandet.

Neue Sperren

In der Wohnung breitete sich eine ungewohnte Ruhe aus. Nur die Wanduhr tickte leise, und in meinem Glas prickelte das Mineralwasser.

Ich blieb sitzen und wartete. Eigentlich hätte jetzt doch das schlechte Gewissen kommen müssen. So sind wir ja erzogen worden: „Hilf der Verwandtschaft“, „Familie ist heilig“, „Man lässt seine Leute nicht im Stich“. Ich horchte richtig in mich hinein und suchte nach diesem brennenden Schamgefühl, weil ich die armen „Hinterbliebenen“ angeblich gekränkt hatte.

Aber da war nichts.

Stattdessen spürte ich etwas anderes. Etwas, das ich fast vergessen hatte: Leichtigkeit.

Ich schlug noch einmal die Mappe mit den Unterlagen auf. Der Kontoauszug lag obenauf. Eine Zahl mit sechs Nullen. Das waren nicht bloß Ziffern auf Papier. Das war meine Freiheit.

Damit konnte ich nach Bregenz zur Kur fahren, nicht irgendwann im trüben November über irgendeinen Sozialplatz, sondern im Mai, wenn alles blüht und die Luft schon weich ist. Ich konnte mich endlich um meine Gesundheit kümmern, in einer ordentlichen Klinik, ohne endlose Warteschlangen, ohne Bittstellen und ohne diese demütigenden Zettelwirtschaften.

Vielleicht kaufe ich mir sogar ein kleines Studio am Bodensee. Ich habe schon lange Inserate angeschaut. Dort gibt es Föhren, Uferwege und dieses kühle, klare Wasser, das die Nerven besser beruhigt als jedes Medikament.

Und das Wichtigste: Die Adresse dieses Studios wird niemand erfahren.

Das Handy gab einen kurzen Ton von sich. Ich zuckte zusammen, doch es war nur eine Nachricht von der Bank: „Zinsgutschrift auf Ihr Anlagekonto …“

Ich trat ans Fenster. Draußen fiel der Schnee weiter auf die Stadt und legte sich wie ein frisches, weißes Tuch über die Straßen.

Irgendwo dort draußen, auf der Straße, musste ein Auto gerade wenden und Richtung Hotel fahren. Diesmal würden sie ihren eigenen Feiertag selbst bezahlen müssen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren.

War ich hart gewesen? Vielleicht.

War es gerecht? Ja.

Manchmal muss man, um das eigene Leben zurückzubekommen, einfach die Sperren austauschen. Nicht nur an den Türen eines Hauses, sondern auch in der eigenen Seele.

Ich machte mir heißen Tee mit Zitrone, schaltete die Lichterkette am Christbaum ein und lächelte meinem Spiegelbild in der dunklen Fensterscheibe ehrlich zu.

Dieses Silvester würde still werden.

Und es würde mir gehören.

Hedis Stube