– Dann rufe ich ihn eben sofort an – habe ich zurückgegeben.
Als Florian gehört hat, was seine Mutter da behauptet hatte, ist er am anderen Ende der Leitung kurz still geworden. Dann hat er nur gefragt:
– Anna, ist meine Mutter noch bei dir?
– Ja.
– Lass sie nicht gehen. In zehn Minuten bin ich daheim.
Nach einer kleinen Pause hat er noch nachgeschoben:
– Und frag sie gleich, wo das Geld ist, das ich ihr am Dienstag gegeben habe.
Theresa hat den Satz über den Lautsprecher mitgehört.
Ich habe gesehen, wie ihre Hand ganz langsam nach unten gesunken ist.
– Welches Geld? – habe ich gefragt.
Meine Schwiegermutter hat mich nicht angeschaut. Ihr Blick ist in Richtung Stiegenhaus gewandert.
– Das geht euch überhaupt nichts an – hat sie gesagt und wollte an mir vorbei.
Ich habe sie nicht festgehalten. Ich habe mich nur aus dem Türrahmen genommen.
– Theresa, Florian möchte mit dir reden.
– Ich rufe ihn später an!
– Gut. Dann bleiben die Einkäufe aber hier.
Da ist sie stehen geblieben. Der Blick, den sie den Sackerln zugeworfen hat, war so verzweifelt, dass ich ihn ihr bis dahin nie zugetraut hätte.
– Du verstehst das nicht, Anna.
– Dann erklär es mir.
Aber sie hat kein Wort mehr gesagt.
Florian ist zwölf Minuten später gekommen. Er hatte noch die Arbeitshose an und hat nicht einmal seine Jacke ausgezogen, als er in die Wohnung getreten ist.
– Mama, wir reden jetzt.
Theresa hat die Arme vor der Brust verschränkt.
– Deine Frau hat mich vor dem ganzen Haus bloßgestellt.
– Ich habe dir am Dienstag hundertfünfzig Euro gegeben – hat Florian gesagt. – Du hast gesagt, Katharina braucht dringend Geld für Lebensmittel. Und du hast behauptet, Anna wüsste Bescheid und ihr hättet das längst miteinander ausgemacht.
Mir ist gewesen, als hätte mir jemand eiskaltes Wasser über den Rücken geschüttet.
– Du hast deiner Mutter hundertfünfzig Euro gegeben?
– Von meinem eigenen Ersparten. Ich habe es dir nur deshalb noch nicht erzählt, weil ich geglaubt habe, ihr habt darüber gesprochen.
– Ich habe von gar nichts gewusst.
Florian hat sich wieder seiner Mutter zugewandt.
– Warum hast du das dann gesagt?
Theresa hat sich auf die kleine Bank im Vorzimmer gesetzt. Auf einmal hat sie viel älter gewirkt.
– Weil du es mir sonst nicht gegeben hättest.
– Und wo ist das Geld jetzt?
– Weg.
– Wofür?
– Für Sachen.
– Mama!
Zum ersten Mal habe ich in seiner Stimme echten Zorn gehört.
– Ich muss euch doch nicht über jeden Cent Rechenschaft ablegen!
Florian hat sein Handy aus der Tasche gezogen.
– Dann rufe ich Katharina an.
– Nein! – ist es aus Theresa herausgefahren.
Dieses eine Wort hat uns beide zusammenzucken lassen.
– Warum nicht? – habe ich gefragt.
– Weil meine Tochter ohnehin schon genug Sorgen hat!
Florian hat trotzdem gewählt. Beim dritten Läuten hat Katharina abgehoben.
– Servus, großer Bruder. Was ist los?
– Mama ist bei uns. Ich wollte dich fragen, ob du von ihr die hundertfünfzig Euro bekommen hast, die ich ihr am Dienstag für deinen Einkauf gegeben habe.
Am anderen Ende der Leitung haben wir gehört, wie Katharina eine Tür zugemacht hat.
– Welche hundertfünfzig Euro?
Florian hat die Augen geschlossen.
– Sie hat gesagt, ihr hättet kein Geld mehr fürs Essen.
– Florian, ich habe sie seit drei Wochen um nichts gebeten. Im Gegenteil, gestern habe ich ihr noch ein Mittagessen vorbeigebracht.
Theresa ist aufgestanden.
– Jetzt verhört ihr schon eure eigene Mutter?
Katharinas Stimme ist plötzlich anders geworden.
– Mama ist dort? Dann fragt sie bitte gleich, warum sie am Donnerstag nicht zu dem vereinbarten Termin gekommen ist.
Niemand hat sofort etwas gesagt.
– Was für ein Termin? – hat Florian schließlich gefragt.
– Ich weiß nicht, ob ich das erzählen darf – hat Katharina verunsichert gemeint. – Ich dachte, ihr beide wisst davon.
In dem Moment hat Theresa nach ihrer Handtasche gegriffen.
– Mir reicht es jetzt!
Florian hat die Stimme aber nicht erhoben.
– Mama, du setzt dich jetzt hin und sagst uns, was hier los ist.
Am Ende haben wir es trotzdem nicht von ihr erfahren.
Zwanzig Minuten später ist Katharina bei uns aufgetaucht. Lena und Felix hatte sie bei einer Nachbarin gelassen, Lukas war bei einem Schulfreund.
Schon als sie hereingekommen ist, habe ich gemerkt, dass vor mir keineswegs jene verantwortungslose, leichtsinnige Frau stand, als die meine Schwiegermutter sie immer dargestellt hatte.
Katharina war erschöpft. Der Reißverschluss ihrer Jacke war kaputt, in der Hand hielt sie eine zerknitterte Mappe mit Unterlagen, und in ihren Augen lag eine Müdigkeit, die sich nicht mit ein paar schlechten Nächten erklären ließ.
– Mama, wie lange willst du das noch weitermachen? – hat sie gefragt.
Theresa hat auf den Küchentisch gestarrt.
– Ich wollte doch nur helfen.
– Mir? Oder dir selbst?
Katharina hat sich gesetzt und die Papiere langsam aus der Mappe genommen.
Dabei ist herausgekommen, dass sie seit Juli beinahe durchgehend nach einem zweiten Job gesucht hatte. In der Drogerie war sie für dreißig Stunden pro Woche angemeldet, und seit September putzte sie zusätzlich an den Wochenenden in einem kleineren Bürogebäude. Mit den Kindern war das alles schwer unter einen Hut zu bringen, aber sie hatte sich ausgerechnet, dass sie bis November die offenen Rechnungen wieder in den Griff bekommen könnte.
Theresa hatte davon gewusst.
Mehr noch: Sie selbst hatte angeboten, donnerstagnachmittags auf Felix aufzupassen, damit Katharina zu Bewerbungsgesprächen gehen oder Amtswege erledigen konnte.
Nur hatte sich in den letzten Wochen etwas verändert.
Zuerst sagte meine Schwiegermutter die Kinderbetreuung ab. Dann bat sie Katharina um Geld für die Stromrechnung. Später erzählte sie, sie habe ihre Ersparnisse einem alten Bekannten geborgt und könne nun ihre Medikamente nicht aus der Apotheke holen.
– Letzten Freitag habe ich ihr fünfzig Euro gegeben – sagte Katharina. – Nicht, weil ich Geld übrig hätte, sondern weil ich Angst hatte, dass sie wirklich in Schwierigkeiten steckt.
Florian schaute seine Mutter an.
– Und mir hast du am Dienstag erzählt, Katharina und die Kinder hätten nichts mehr zu essen.
Theresas Augen füllten sich mit Tränen.
– Ihr habt keine Ahnung, in was für eine Lage ich geraten bin.
– Dann hilf uns, es zu verstehen – habe ich leise gesagt.
Lange hat Theresa geschwiegen.
Schließlich brachte sie hervor, dass sie im August jemanden im Internet kennengelernt hatte.
Nicht auf einer Partnerplattform, sondern in einer lokalen Facebook-Gruppe für Gartenfreunde. Am Anfang hatte der Mann mit ihr über Paradeiserpflanzen und Balkonblumen geschrieben. Er gab sich als Witwer aus, achtundsechzig Jahre alt, und behauptete, in Klagenfurt zu wohnen.
Wochenlang haben sie einander Nachrichten geschickt.
Der Mann war aufmerksam. Er fragte, wie ihr Tag gewesen war. Er erinnerte sich an ihren Geburtstag. In der Früh schickte er ihr Fotos von seinem Kaffee.
