Theresa, die seit dem Tod meines Schwiegervaters seit fünf Jahren allein gelebt hat, begann nach und nach, ihren ganzen Tagesablauf nach diesen Nachrichten auszurichten.
Irgendwann erzählte ihr der Mann, er müsse an ein Erspartes im Ausland herankommen, doch sein Konto sei vorübergehend gesperrt worden. Zuerst bat er um fünfundsiebzig Euro, angeblich für irgendwelche Bearbeitungsgebühren.
Dann wollte er noch einmal hundert.
Später weitere hundertfünfundsiebzig.
Theresa überwies das Geld.
Als ihre eigenen Reserven aufgebraucht waren, fing sie an, sich etwas auszuborgen.
– Wie viel hast du ihm insgesamt geschickt? – fragte Florian.
Meine Schwiegermutter knetete ihre Finger.
– Fünfhundertfünfundzwanzig Euro.
Katharina lehnte sich langsam zurück.
– Mama, warum hast du uns das nicht gesagt?
– Weil ich geglaubt habe, er zahlt es zurück!
Doch damit war noch nicht alles gesagt.
Meine Schwiegermutter hatte nicht nur ihr eigenes Erspartes und das Geld weitergegeben, das sie uns herausgelockt hatte.
Drei Wochen zuvor hatte sie die jährliche Rückvergütung für die Versicherung ihrer Eigentumswohnung bekommen, dazu noch eine kleinere Abrechnung, auf die sie schon lange gewartet hatte. Auch diesen Betrag hatte sie dem Mann überwiesen.
Auf ihrem Konto war nun kaum noch etwas übrig.
– Darum wolltest du unsere Lebensmittel mitnehmen? – fragte ich.
Sie nickte.
– Wenn ich sage, es ist für Katharina und die Kinder, dann fragt ihr nicht weiter nach.
– Aber Katharina hat diesen Einkauf gar nicht gebraucht.
– Ich weiß.
Gerade dieses eine Wort hat alles noch schmerzhafter gemacht.
Sie hatte ihre drei Enkel als Vorwand benutzt, weil sie genau gewusst hat, dass wir ihnen schwerer etwas abschlagen würden.
Und sie hatte ebenso damit gerechnet, dass sie bei mir besonders leicht Schuldgefühle wecken konnte, weil ich selbst keine Kinder hatte.
Florian stand auf, ging hinaus auf den Balkon und blieb ein paar Minuten in der kühlen Oktoberluft stehen.
Katharina saß neben mir und weinte leise.
Nicht, weil ihre Mutter Geld verloren hatte.
Sondern weil diese seit Wochen in der Familie über sie geredet hatte, als wäre sie nicht imstande, ihre eigenen Kinder durchzubringen.
Am nächsten Tag gingen Florian und Theresa gemeinsam zu ihrer Bank und meldeten die verdächtigen Überweisungen. Theresa brach den Kontakt zu dem Mann ab, außerdem wurde Anzeige bei der Polizei erstattet. Die Bank prüfte, ob sich von dem Geld noch etwas zurückholen ließ, aber eine verlässliche Zusage bekamen sie nicht.
In den Tagen danach ging es trotzdem nicht hauptsächlich ums Geld.
Es ging vielmehr um jene Sätze, die man manchmal so beiläufig ausspricht, dass man gar nicht begreift, wie tiefe Wunden sie hinterlassen.
Am Sonntag kam Katharina mit den Kindern zu uns. Ich machte ein großes Blech Erdäpfelauflauf, Lukas half beim Tischdecken, und Lena zeigte mir ihre Zeichnungen aus der Schule.
Nach dem Essen stellte sich Katharina in der Küche neben mich.
– Anna, ich möchte etwas klarstellen.
– Sag nur.
– Ich weiß, dass Mama euch oft in meinem Namen um Geld gebeten hat. Auch im Namen der Kinder. Aber von der Hälfte davon habe ich nichts gewusst.
Sie erzählte mir, Theresa habe ihr im Frühjahr eingeredet, Florian und ich steckten gerade in einer besonders schwierigen finanziellen Lage, deshalb dürfe sie uns auf keinen Fall um Hilfe bitten.
Sogar behauptet habe sie, ich hätte mich über Katharina beschwert.
– Ich dachte, du bist böse auf mich – gab Katharina zu. – Darum habe ich dich nicht angerufen, als ich wirklich jemanden gebraucht hätte.
Ich war überrascht.
– Wofür hättest du mich gebraucht?
Sie holte einen zusammengefalteten Brief aus ihrer Tasche.
Es ging nicht um Geld.
Der Brief war von einer Ambulatoriumsverwaltung in Wels gekommen. Katharina hatte sich für eine Ausbildung zur medizinischen Verwaltungsassistentin beworben und musste dafür eine Praxisstelle finden.
Sie wusste, dass ich in einer Zahnarztordination arbeitete, traute sich aber nicht, mich zu bitten, ihr bei der Bewerbung weiterzuhelfen.
– Mama hat gesagt, ich soll dich nicht belästigen, weil du auf Leute herabschaust, die nicht studiert haben.
Ich war dermaßen fassungslos, dass ich im ersten Moment kein Wort herausbrachte.
Ich selbst hatte nie studiert. Nach der Matura hatte ich zu arbeiten begonnen und erst später einen Kurs für Gesundheitsverwaltung abgeschlossen.
Katharina hatte davon keine Ahnung gehabt.
In der darauffolgenden Woche gingen wir gemeinsam die Unterlagen zur Ausbildung durch, und ich half ihr, ihren Lebenslauf zusammenzustellen. Ich versprach ihr nicht, ihr eine Stelle zu besorgen, denn das lag nicht in meiner Hand. Aber ich stellte ihr eine Bekannte vor, die eine ähnliche Ausbildung bereits gemacht hatte und ihr erklären konnte, worauf sie sich einstellen musste.
Mit Theresa setzten wir die regelmäßigen Besuche vorerst aus.
Florian sagte ihr sehr deutlich, dass sie künftig keine Geldbitten mehr im Namen anderer Familienmitglieder an uns herantragen dürfe. Wenn jemand Unterstützung brauche, würden wir direkt mit dieser Person sprechen.
Außerdem machte er ihr klar, dass sie seine Frau nie wieder wegen des Kinderkriegens verletzen dürfe.
– Anna schuldet dir keine Erklärung – sagte er. – Nicht dafür, warum wir keine Kinder haben, und auch nicht dafür, wofür wir unser Gehalt ausgeben.
Theresa entschuldigte sich damals nicht.
Sie weinte nur und sagte, alle hätten sich gegen sie verschworen.
Anfang November geschah jedoch etwas, womit ich nicht gerechnet hatte.
An einem Freitagnachmittag rief Katharina an.
– Anna, Mama möchte dich treffen. Nicht bei euch daheim. Irgendwo anders.
– Weshalb?
– Sie sagt, sie möchte dir etwas zurückgeben.
Ich hatte keine besondere Lust darauf, stimmte am Ende aber doch zu.
Wir trafen uns in einer Konditorei in der Innenstadt. Theresa war schon vor mir da. Vor ihr stand eine Tasse Tee, daneben lag ein kleiner, abgenutzter Umschlag.
Als ich mich setzte, schob sie ihn zu mir hinüber.
– Das gehört dir.
In dem Umschlag waren fünfundsiebzig Euro.
– Was soll das sein?
– Die erste Rate.
– Wovon denn?
– Ich habe meine goldenen Ohrringe verkauft. Und eine alte Halskette.
Ich wollte ihr das Geld sofort zurückgeben.
– Theresa, ich will doch nicht Ihren Schmuck.
– Ich weiß – antwortete sie. – Aber irgendwo muss ich anfangen.
Dann zog sie ein weiteres Blatt Papier hervor.
Es war eine handschriftliche Abrechnung, mit Daten, Beträgen und Namen.
