Als meine Schwiegermutter vor unserer Haustür gestanden ist und geschrien hat, meine Mutter habe in unserem Haus nichts verloren, hat sie ihren eigenen Schlüssel noch fest in der Hand gehalten. Eine Stunde später hat sie mit genau diesem Schlüssel wieder aufsperren wollen – nur hat das Schloss da schon nicht mehr nachgegeben.
Das Merkwürdigste daran war aber nicht, dass wir sie ausgesperrt haben.
Sondern dass mir mein Mann noch am selben Abend etwas über seine Mutter erzählt hat, das er in elf Jahren Ehe kein einziges Mal auszusprechen gewagt hatte.
Dabei hatte alles mit einem ganz harmlosen Sonntagsessen begonnen.
Ich heiße Anna, bin achtunddreißig Jahre alt und lebe mit meinem Mann Lukas und unserer achtjährigen Tochter Hannah in Graz. Vor sechs Jahren haben wir ein altes, ebenerdiges Haus gekauft und es seither beinahe von Grund auf hergerichtet. Leicht war das nicht. Lukas arbeitet als Elektriker, ich bin in einer Buchhaltungskanzlei in der Stadt angestellt.

In unserem Haus hat jede Fliese, jedes neue Fenster und jede frisch gestrichene Wand ihre eigene Geschichte.
Meine Schwiegermutter Theresa hat allerdings immer so darüber geredet, als wäre das alles nur ihrer Großzügigkeit zu verdanken.
„Wenn ich euch damals nicht unter die Arme gegriffen hätte, würdet ihr heute noch in irgendeiner Mietwohnung sitzen“, hat sie bei fast jedem Familientreffen fallen lassen.
Ja, sie hatte uns beim Kauf Geld gegeben – rund 2.500 Euro. Aber es war kein Geschenk gewesen, sondern ein Darlehen. Wir haben es innerhalb von drei Jahren bis auf den letzten Cent zurückgezahlt.
Trotzdem hat Theresa sich aufgeführt, als würde ihr zumindest die Hälfte des Hauses gehören.
Sie war neunundfünfzig, lebte allein in einer gepflegten Eigentumswohnung, keine zehn Autominuten von uns entfernt. Vor ihrer Pensionierung war sie bei einer Versicherung beschäftigt gewesen, und sie betonte gern, dass sie schon immer alles besser organisieren habe können als andere.
Lukas hat sich lange nicht getraut, ihr klare Grenzen zu setzen.
„Mama ist halt so. Nimm’s dir nicht zu Herzen“, hat er immer wieder gesagt.
Meine Mutter Elisabeth war vom Wesen her das genaue Gegenteil. Mit vierundsechzig arbeitete sie noch drei Tage in der Woche in einem Blumengeschäft in Innsbruck. Seit dem Tod meines Vaters lebte sie allein, und sie wäre niemals ohne Einladung einfach bei uns aufgetaucht.
Wenn sie uns besuchen kam, brachte sie meistens eine Dose selbst gebackenes Salzgebäck mit, setzte sich zu Hannah zum Zeichnen und fragte vor dem Heimgehen jedes Mal, ob sie uns noch bei irgendetwas helfen könne.
Theresa hat das nicht ertragen.
Nicht, weil meine Mutter sich schlecht benommen hätte.
Sondern weil Hannah sie so innig liebte.
An jenem Sonntag war Elisabeth bei uns, weil sie am nächsten Morgen früh nach Wien zu einer augenärztlichen Untersuchung musste. Wir hatten sie gebeten, bei uns zu übernachten, damit sie nicht schon im Morgengrauen von Innsbruck losfahren musste. Ausgemacht war, dass Lukas sie am Montag ins Spital bringt.
Am Vormittag haben wir gemeinsam Rindsuppe und Paprikahendl mit Nockerln gekocht. Hannah hat im Garten ein paar Herbst-Chrysanthemen gepflückt, damit am Esstisch etwas Schönes steht.
Um halb eins hat es an der Gartentür geläutet.
Draußen stand Theresa.
Eingeladen war sie nicht.
„Ich hab mir gedacht, ich schau einmal, was ihr so treibt“, erklärte sie und war schon dabei, hereinzukommen.
Als sie im Vorraum den Mantel meiner Mutter an der Garderobe hängen sah, blieb sie stehen.
„Elisabeth ist auch da?“
„Ja“, sagte ich. „Sie hat morgen einen Arzttermin und schläft heute bei uns.“
Meine Schwiegermutter nahm langsam ihre Sonnenbrille ab.
„Interessant. Mich hat keiner gefragt.“
„Wozu hätten wir dich fragen sollen?“
„Dazu, wann hier fremde Leute einziehen.“
In diesem Moment kam meine Mutter aus der Küche.
„Servus, Theresa. Wir wollten uns gerade zum Essen setzen. Komm, wir legen dir auch ein Gedeck auf.“
Theresa erwiderte ihr Lächeln nicht.
„Ich bin nicht zum Essen gekommen.“
Lukas trat aus dem Wohnzimmer. Schon an seinem Gesicht habe ich gesehen, dass er wusste: Jetzt wird es ungut.
„Mama, was ist denn los?“
„Nichts Besonderes. Ich möchte nur wissen, seit wann dieses Haus hier als Pension geführt wird.“
In den nächsten Minuten ist alles aus dem Ruder gelaufen.
Theresa behauptete, meine Mutter versuche absichtlich, Hannah an sich zu reißen. Sie warf ihr vor, dass Hannah in der Vorwoche für Elisabeth eine Geburtstagskarte gemalt hatte, während sie selbst zum Namenstag nur einen Anruf bekommen hatte.
Als ich sagte, Hannah habe ganz allein entschieden, was sie malen wolle, schlug meine Schwiegermutter mit der Hand auf den Tisch.
„In dieser Familie zählt offenbar überhaupt nichts mehr, was ich alles getan habe!“
Elisabeth sagte vorsichtig:
„Theresa, wir sollten nicht vor dem Kind streiten.“
Da fuhr meine Schwiegermutter zu ihr herum.
„Und du hältst dich da heraus! Das ist nicht dein Haus!“
„Mama!“, sagte Lukas scharf und hob die Stimme.
Aber Theresa war längst nicht mehr aufzuhalten.
„Deine Mutter hat hier kein Recht, ständig ein und aus zu gehen!“, schrie sie, diesmal direkt in meine Richtung. „Sie hat in unserem Haus nichts verloren!“
Für einen Augenblick war es vollkommen still.
Ich konnte sogar das leise Surren der Dunstabzugshaube in der Küche hören.
Dann fragte ich:
„In welchem Haus, Theresa?“
„Stell dich nicht dümmer, als du bist.“
„Das ist Lukas’ und mein Haus. Dein Darlehen haben wir dir vor Jahren vollständig zurückgezahlt.“
Ihr Gesicht wurde dunkelrot.
„Ohne meinen Sohn hättest du überhaupt nichts!“
Da trat Elisabeth an den Tisch und stellte den Teller ab, den sie noch in der Hand hielt.
„Theresa, ich packe jetzt zusammen. Ich möchte nicht, dass ihr meinetwegen streitet.“
Genau das hat mir am meisten wehgetan.
Dass meine Mutter, die niemandem etwas zuleide getan hatte, schon wieder lieber verschwinden wollte, nur damit Frieden herrschte.
„Du gehst nirgendwohin“, sagte ich zu ihr.
Theresa lachte kurz auf, hart und spöttisch.
„Na gut. Dann werde eben ich dafür sorgen, dass ihr endlich begreift, wer in dieser Familie mitzureden hat!“
Sie riss ihre Handtasche an sich und stürmte hinaus.
Die Gartentür fiel hinter ihr so heftig ins Schloss, dass Hannah zusammenzuckte.
Lukas starrte ein paar Sekunden lang zur Tür, dann zog er sein Handy aus der Tasche.
„Ich ruf sie an.“
„Nein“, sagte ich. „Zuerst müssen wir reden.“
Wir setzten uns an den Esstisch. Elisabeth war inzwischen mit Hannah in ihr Zimmer gegangen, damit sie gemeinsam die angefangene Zeichnung fertig machen konnten.
„Lukas, so kann es nicht weitergehen.“
„Ich weiß.“
„Nein. Ich glaube, du weißt es nicht wirklich. Deine Mutter hat einen Schlüssel zu unserem Haus. Sie kommt, wann immer es ihr passt, räumt unsere Küche um, kontrolliert, wen wir einladen, und jetzt will sie sogar meiner Mutter verbieten, hier zu sein.“
Lukas vergrub das Gesicht in beiden Händen.
„Es gibt etwas, das ich dir sagen muss.“
Seine Stimme klang so anders, dass ich sofort verstummte.
„Was denn?“
Lange antwortete er nicht.
Dann sagte er leise:
„Meine Mutter glaubt nicht nur deshalb, dass sie bei diesem Haus mitbestimmen darf, weil sie uns damals Geld gegeben hat.“
„Sondern weshalb?“
Lukas hob den Blick.
„Weil ihr vor Jahren jemand versprochen hat, dass dieses Haus eines Tages auch ihr Zuhause sein wird.“
Mir zog sich der Magen zusammen.
„Wer hat ihr so etwas versprochen?“
Mein Mann antwortete nicht gleich. Er stand nur auf und ging langsam hinüber zu dem Kasten in unserem Arbeitszimmer.
