„Deine Eltern werden halt schauen, wo sie bleiben, aber meine Mama braucht es bequem“ sagte Tobias und schlug den Kofferraum zu

Herzlos, egoistisch und unfair: eine schmutzige Entscheidung.
Geschichten

„Deine Eltern werden halt schauen, wo sie bleiben, aber meine Mama braucht es bequem“, hat Tobias gesagt und den Kofferraum zugeschlagen.

Wir sind am Parkplatz beim Interspar gestanden. Hinten im Auto lagen zwei Säcke Kohle, ein Gartenschlauch, eine Dose Farbe für den Zaun und meine Paprikapflänzchen in einer Bananenschachtel. Zwei Autos weiter hat ein Mann versucht, ein Kinderfahrrad in seinen Dacia zu zwängen. Es hat nicht hineingepasst, und er hat nur ganz leise geflucht, weil daneben ein Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, gestanden ist und an einer Waffel geknabbert hat.

„Was heißt das, sie werden schauen, wo sie bleiben?“, hab ich gefragt.

„Genau das heißt es. Meine Mama zieht für den ganzen Sommer ins Wochenendhaus. Ins untere Zimmer. Ich hab das schon entschieden.“

„Und wo sollen meine Eltern hin?“

„Nach oben. Oder sie bleiben halt heuer einmal in der Stadt, daran gehen sie auch nicht zugrunde. Anna, bitte, denk doch vernünftig. Sie sind zu zweit, denen passt es überall, solang sie beisammen sind. Meine Mutter sitzt allein im fünften Stock ohne Lift. Den ganzen Winter ist sie viermal vor die Tür gekommen.“

Er hat nicht „zusammenrücken“ gesagt. Nein, ich beschönige es gerade. Er hat wirklich gesagt, sie würden schon schauen, wo sie bleiben. An diesem Satz hab ich dann eine Woche lang herumgekaut.

„Nein“, hab ich gesagt. „Tobias, nein. Unten wohnen meine Eltern. Papa ist achtundsiebzig, der kommt nicht in die Mansarde hinauf, die Stiege dort ist steil wie eine Leiter.“

„Er kommt schon hinauf, wenn er will.“

„Er will aber nicht. Und ich will es auch nicht. Das ist immerhin sein Haus.“

„Aha. Da haben wir’s wieder.“ Tobias hat sogar die Arme ausgebreitet. „Sein Haus. Und wer hat die Sauna hingestellt? Zwei Sommer lang, jedes Wochenende, hab ich allein die Balken geschleppt. Und der Brunnen? Seit zwanzig Jahren steck ich Arbeit und Geld in dieses Grundstück, aber es bleibt natürlich immer Papas Haus.“

Das muss ich erklären, sonst versteht man es nicht. Den Grund in der Kleingartensiedlung „Vogelbeerweg“ haben meine Eltern noch über Papas Werk bekommen. Das Häuschen hat Papa eigenhändig gebaut; als Kind hab ich ihm die Nägel gereicht. Vor zwölf Jahren hat er es dann auf mich überschrieben, als Schenkung. Wir sind gemeinsam zum Notar gefahren, ich hab unterschrieben, und er hat gesagt: Mit dem ganzen Papierkram tu ich mir schon schwer, es soll dir gehören, und deine Mutter und ich verbringen dort die Sommer, solange es halt geht. Genau so ist es seitdem gewesen. Von Mai bis September haben sie unten gewohnt, dort, wo der Ofen steht und ein ordentliches Bett. Tobias und ich sind an den Wochenenden hinausgefahren und haben oben in der Mansarde geschlafen.

Dass Tobias dort wirklich viel gemacht hat, stimmt. Das hab ich nie bestritten, auch nicht auf diesem Parkplatz.

„Dann machen wir es anders“, hab ich gesagt. „Theresa kann ja kommen, ich hab nichts dagegen. In der Sauna gibt es den Ruheraum, dort steht ein ausziehbares Sofa, ein Heizstrahler, ein eigener Wasserkocher, und das Fenster geht zum Apfelbaum hinaus. Oder sie wohnt im Juli unten, und meine Eltern fahren für diesen Monat in die Stadt zurück. Wir reden uns das aus.“

„Meine Mutter wird nicht in der Sauna wohnen.“

„Warum nicht?“

„Weil es eine Sauna ist. Bitte, Anna, denk einmal mit. Die Frau ist sechsundsiebzig.“

„Und mein Vater achtundsiebzig.“

Darauf hat er nichts mehr gesagt, sondern sich hinters Lenkrad gesetzt. Ich bin noch einen Moment stehen geblieben und hab aus irgendeinem Grund zugeschaut, wie der Mann schließlich das Vorderrad vom Kinderfahrrad abmontiert hat. Dann bin ich auch eingestiegen. Heimwärts sind wir schweigend gefahren; nur die Kohlesäcke im Kofferraum haben in den Kurven geraschelt.

Am Abend hab ich meine Eltern angerufen. Eigentlich wollte ich nur sagen, sie sollen alles wie jedes Jahr vorbereiten. Meine Mutter zieht bis zu den Feiertagen Anfang Mai immer ihre Setzlinge vor, das ganze Fensterbrett steht dann voll mit alten Sauerrahmbechern, allein von den Paradeisern sind es über sechzig Pflanzen.

Papa hat abgehoben.

„Wir fahren heuer nicht hinaus, Tochter“, hat er gleich gesagt, noch bevor ich überhaupt den Mund aufgemacht hab. „Dein Tobias hat schon am Mittwoch angerufen. Er hat gemeint, es sei dieses Jahr eng, weil er seine Mutter hinausbringt. Da haben deine Mutter und ich beschlossen, wir bleiben daheim.“

Am Mittwoch. Mir hat er es erst am Samstag gesagt, irgendwo zwischen Kohle und Gartenschlauch.

„Papa, er hatte kein Recht, dich anzurufen, ohne mit mir zu reden.“

„Wieso kein Recht? Er ist dein Mann.“

„Das ist dein Haus.“

„Deines“, hat Papa mich verbessert. „Ich hab es dir gegeben, also entscheidet ihr. Aber dorthin, wo man mich schon als Störfaktor mitzählt, fahr ich nicht.“

So ist er. Einundvierzig Jahre hat er im Werk als Einrichter gearbeitet, nie ein unnötiges Wort zu viel, aber wenn er gekränkt ist, dann bleibt das lange liegen, wie ein harter Winter. Später hat mir Mama erzählt, dass er nach Tobias’ Anruf einen halben Tag am Balkon bei seinen Angelsachen gesessen ist. Er hat die Blinker auf Zeitungspapier ausgelegt, sie angeschaut, wieder in die Schachtel geräumt und dann von vorn begonnen.

„Papa, ihr fahrt hinaus“, hab ich gesagt. „Packt zusammen wie immer. Ich kümmere mich darum.“

„Streitet euch nicht wegen uns.“

„Ich streite nicht wegen euch. Ich streite wegen mir.“

Er ist kurz still gewesen und hat dann Mama den Hörer gegeben. Sie hat mich gefragt, ob sie heuer wieder die Sorte ‚Ochsenherz‘ setzen soll oder ob die Paradeiser dann ohnehin wieder aufplatzen. Fast zehn Minuten haben wir über Paradeiser geredet.

Tobias hat währenddessen Eishockey geschaut. Ich bin ins Wohnzimmer gegangen und hab mich direkt vor den Fernseher gestellt.

„Warum hast du meinen Vater hinter meinem Rücken angerufen?“

„Damit es keinen Krach gibt. Wir haben von Mann zu Mann geredet, er hat es verstanden.“

„Er hat verstanden, dass er hinausgedrängt wird.“

„Niemand drängt irgendwen hinaus. Anna, geh bitte weg, da kommen die Penaltys.“

Ich bin nicht weggegangen. Ich hab gesagt, dass ich am Sonntag selbst die ersten Setzlinge meiner Mutter ins Wochenendhaus bringe und dass wir zu den Feiertagen Anfang Mai meine Eltern wie jedes Jahr ins untere Zimmer holen. Dass Theresa gern mitkommen kann und wir schon einen Platz für sie finden. Und dass ich das kein zweites Mal sagen werde.

„Schauen wir einmal“, hat Tobias gemeint und sich seitlich vorbeigebeugt, damit er den Bildschirm sehen konnte.

Ich arbeite als Zahntechnikerin, sitze den ganzen Tag über fremden Kiefern aus Gips, und Geduld habe ich ja eigentlich mehr als genug.

Hedis Stube