„Deine Eltern werden halt schauen, wo sie bleiben, aber meine Mama braucht es bequem“ sagte Tobias und schlug den Kofferraum zu

Herzlos, egoistisch und unfair: eine schmutzige Entscheidung.
Geschichten

aber da ist es mir auf einmal zu viel geworden. Ich habe den Fernseher aus der Steckdose gezogen und bin in die Küche gegangen, Erdäpfel schälen.

Die Setzlinge auf der Veranda

Am Sonntag bin ich allein ins Wochenendhaus gefahren, mit dem 114er-Bus. Vier Kisten mit Mamas Paprikapflanzen habe ich mitgenommen und unten aufs Fensterbrett gestellt, dorthin, wo die Sonne hinkommt. Dann habe ich den Ofen eingeheizt und für meine Eltern das Bett frisch überzogen. Tobias ist nicht mitgefahren. Er hat nicht einmal gefragt, wohin ich fahre.

Am Donnerstag darauf hat er sich frei genommen und ist schon in der Früh allein hinaus. Er hat gesagt, er müsse das Wasser aufdrehen und schauen, wie die Leitung den Winter überstanden hat. Ich war in der Arbeit. Vor den Feiertagen ist bei uns immer die Hölle los, alle wollen den Mai mit ordentlichen Zähnen beginnen.

Zu Mittag hat Claudia angerufen, die Nachbarin hinterm Maschendrahtzaun.

„Anna, weißt du das eh? Deiner hat seine Mutter gebracht. Mit zwei Koffern und einem Fernseher. Und aus dem unteren Zimmer schleppt er alles auf die Veranda, ich seh’s ja. Josefs Matratze hat er hinausgetragen, irgendwelche Schachteln auch.“

„Was für Schachteln?“

„Woher soll ich das wissen? Und deine Paprikakisten stehen auch dort, am Boden. Übrigens haben sie für die Nacht Frost angesagt.“

Ich habe meine Schicht fertig abgesessen, zwei Brücken abgegeben und gerade noch den letzten Bus erwischt, zwanzig vor acht. Der Fahrer hat die ganze Strecke Sonnenblumenkerne geknabbert und die Schalen in einen leeren Kaffeebecher gespuckt, ganz sauber, keine einzige daneben.

Auf der Veranda war alles genau so, wie Claudia gesagt hatte. Papas Matratze lehnte zusammengerollt an der Wand, daneben Mamas Schachtel mit den alten Hauskleidern fürs Wochenendhaus, Papas Gummistiefel und die Paprika. Drei Kisten standen gerade, die vierte lag auf der Seite. Erde war herausgefallen, die Hälfte der Becher war zerdrückt. Ob sie jemand fallen gelassen hatte oder absichtlich so hingestellt worden war, habe ich nicht herausgefunden. Gefragt habe ich nicht.

Im unteren Zimmer stand auf der Kommode bereits ein fremder Fernseher. Theresa saß in einer gestrickten Weste auf dem Bett meiner Eltern und trank Tee aus ihrer eigenen Tasse mit Goldrand. Die hatte sie mitgebracht.

„Annerl“, hat sie gesagt, „Tobias hat gemeint, du kommst vor Samstag nicht her.“

„Theresa, das ist das Zimmer meiner Eltern.“

„Ich weiß, mein Kind. Ich habe mich nicht aufgedrängt. Tobias hat selber gesagt: Mama, pack zusammen. Ich kann auch wieder fahren, wenn ich hier im Weg bin.“

Und sie blieb sitzen. Die Tasse stellte sie nicht ab.

„Sie sind nicht im Weg. In der Badehütte steht ein Sofa, dort ist es warm. Ich richte Ihnen selbst alles her.“

„In der Badehütte“, hat sie wiederholt. „Für euren Brunnen habe ich fünfundachtzigtausend Euro von meinem Sparbuch abgehoben. Vielleicht hast du das vergessen.“

„Nein, habe ich nicht.“

„Eure Katharina habe ich bis zur Schule großgezogen, während ihr beide arbeiten wart. Jeden Tag bin ich um acht in der Früh quer durch die Stadt gefahren. Ich halte dir das nicht vor. Ich sage nur: Und jetzt soll ich in die Badehütte, wie ein alter Besen.“

Da ist Tobias vom Hof hereingekommen, mit einem Rollgabelschlüssel in der Hand.

„Was machst du denn da?“

„Die Paprika retten. Bring die Sachen wieder zurück.“

„Anna, jetzt denk doch vernünftig. Wohin soll ich sie denn um die Zeit noch bringen?“

„Nirgends. Sie kann heute hier schlafen. Aber morgen Abend ist dieses Zimmer frei. Dachboden oder Badehütte, wie ihr wollt. Ich habe nichts dagegen, dass deine Mutter hier ist. Ich habe etwas dagegen, dass meine Eltern hier keinen Platz mehr haben.“

„Auf den Dachboden kommt sie nicht hinauf.“

„Mein Papa auch nicht.“

„Dein Papa“, hat Tobias gesagt, „geht immerhin noch fischen.“

Die Paprikakisten habe ich selber hinaufgetragen, in zwei Gängen, über genau diese Stiege.

Geschlafen habe ich oben unterm Dach, unter zwei Decken. Tobias hat sich in der Küche auf die Pritsche gelegt. Unten hat bis Mitternacht der Fernseher vor sich hin gemurmelt, irgendeine Serie über Ermittler.

Und genau da, ich sage es ehrlich, bin ich unsicher geworden. Ich bin gelegen und habe gedacht: Vielleicht bin ich einfach eine sture Gans. Theresa ist keine böse Frau. Ihr Mann ist seit sechs Jahren tot, sie lebt allein in einer Zweizimmerwohnung im fünften Stock und redet mit dem Fernseher. Katharina hat sie tatsächlich großgezogen. Und die Badehütte hat Tobias zwei Sommer lang fast allein gebaut; ich habe ihm Semmeln hinausgetragen und war stolz, was für geschickte Hände mein Mann hat.

Vielleicht hätten meine Eltern wirklich einmal ein Jahr aussetzen können. Papa hatte ja selbst gesagt, er fahre nicht mit.

Bei uns im Labor hat es einmal so einen Fall gegeben. Ein alter Herr hat eine ganz neue Prothese zum Umarbeiten gebracht und gesagt: „Setzen Sie mir, Fräulein, bitte einen gelben Zahn ein, so wie früher diese goldenen. Meine Alte sagt, ich schau sonst nicht aus wie ich.“ Wir haben in der ganzen Schicht gelacht, aber gemacht haben wir es. Na gut, jetzt bin ich abgeschweift.

Zurückgeholt hat mich etwas ganz Einfaches. Ich habe mir Papa am Balkon vorgestellt, mit seinen Blinkern. Vier Monate lang, bis in den September hinein. Und Mama mit ihren Paradeisern, die sie nirgends einsetzen kann.

Man kann sagen, wegen einem einzigen Zimmer so ein Theater. Vielleicht stimmt das sogar. Nur gibt es im Haus eben nur ein Zimmer mit Ofen, und gebaut hat es nicht Tobias.

In der Früh hat er sich am Waschbecken gewaschen und geschnauft wie immer.

„Ich habe nachgedacht“, hat er ins Handtuch hinein gesagt. „Mama bleibt unten. Deinen Leuten habe ich alles erklärt, sie sind nicht beleidigt. Die Sache ist erledigt.“

„Für dich vielleicht.“

„Und wenn wir schon dabei sind: Die Hälfte hier gehört mir. Gesetzlich. Nach siebenundzwanzig Jahren Ehe.“

Von dieser Hälfte hatte ich ihn vorher noch nie reden hören. Gestritten habe ich nicht, weil ich selbst nicht wusste, ob das nun mein Recht war oder seines. Die Schenkungsurkunde lag daheim in der Mappe mit den Unterlagen, und von Gesetzen verstand ich ungefähr so viel wie von Eishockey.

Hedis Stube