„Deine Eltern werden halt schauen, wo sie bleiben, aber meine Mama braucht es bequem“ sagte Tobias und schlug den Kofferraum zu

Herzlos, egoistisch und unfair: eine schmutzige Entscheidung.
Geschichten

Ich bin mit dem ersten Regionalbus heimgefahren. Von der Stadt aus habe ich bei einer kleinen Rechtskanzlei beim Markt angerufen. Dort hat man mir gesagt, vor Ende der Feiertage gebe es keine Termine mehr, und mich für Mittwoch eingetragen.

Was der Jurist zur Sauna gesagt hat

Die Kanzlei lag im Souterrain, an der Tür hing ein Schild: „Rechtsberatung. Kopien.“ Der Jurist war ein Mann um die vierzig, mit Strickgilet über dem Hemd. Auf seinem Fensterbrett stand ein Aquarium ohne Fische; nur eine einzelne Schnecke klebte an der Scheibe.

Ich habe ihm die Schenkungsurkunde und den frischen Grundbuchsauszug hingelegt. Den Auszug hatte ich am Vortag über das digitale Amtsportal bestellt; er war schneller da gewesen, als bei mir daheim das Wasser im Wasserkocher gekocht hat.

Er blätterte alles durch und sagte:

„Das Grundstück samt Haus ist Ihnen geschenkt worden. Damit ist es Ihr persönliches Eigentum, kein gemeinsames Ehevermögen. Ihr Mann ist hier nicht Eigentümer. Wer im Sommer dort wohnt, bestimmen Sie.“

„Und ihn selbst darf ich aussperren?“

„Rein formal: ja. Es ist ein Wochenendhaus, niemand ist dort gemeldet. Das Schloss dürfen Sie austauschen, die Liegenschaft gehört Ihnen. Aber.“ Er tippte mit dem Kugelschreiber auf den Tisch. „Die Sauna ist während der Ehe gebaut worden?“

„Ja. Vor ungefähr neun Jahren.“

„Mit gemeinsamem Geld und mit seiner Arbeit. Der Brunnen ebenso. Damit könnte er vor Gericht gehen. Er könnte eine Entschädigung verlangen, und wenn er nachweist, dass diese Investitionen den Wert der ganzen Liegenschaft deutlich erhöht haben, unter Umständen sogar einen Anteil. Beweisen müsste er das allerdings selbst, mit Gutachter, Rechnungen und allem Drum und Dran. Das wäre keine schnelle Sache. Aber versprechen, dass er damit sicher abblitzt, kann ich Ihnen nicht.“

„Und die Sachen seiner Mutter?“

„Unbeschädigt zurückgeben. Machen Sie eine Liste, am besten mit Zeugen. Ein Nachbar, jemand Außenstehender. Lassen Sie unterschreiben. Und werfen Sie nichts weg, nicht einmal Hausschuhe.“

„Und die achthundertfünfzig Euro, die meine Schwiegermutter für den Brunnen beigesteuert hat?“

„Gibt es eine schriftliche Bestätigung?“

„Was für eine Bestätigung, sie ist doch seine Mutter.“

„Dann gilt das rechtlich eher als Zuwendung an die Familie. Das Geld über den Klagsweg zurückzubekommen, wird für sie schwierig. Was das Gewissen betrifft, müssen Sie selbst entscheiden. Da bin ich nicht Ihr Ratgeber.“

Hinter der Wand hat die ganze Zeit ein Kopierer gebrummt. Eine Frau hat einen dicken Stoß Belege kopiert und sie laut mitgezählt.

Zum Schluss nahm der Jurist die Brille ab und sagte, nun nicht mehr so amtlich, solche Geschichten gingen selten friedlich aus; ich solle mir gut überlegen, ob ich mir das antun wolle. Ich sagte, ich würde darüber nachdenken. Dann zahlte ich siebzehn Euro. Die Schnecke war inzwischen von einer Aquarienwand zur anderen gekrochen.

Draußen am Markt kaufte ich aus irgendeinem Grund Radieschen, obwohl daheim noch welche lagen.

Nachgedacht habe ich bis zum Abend. Dann rief ich Tobias an. Er wohnte noch immer mit seiner Mutter im Haus draußen und fuhr von dort in die Arbeit.

„Tobias, ich schlage es dir ein letztes Mal vor. Juni und August unten gehören meinen Eltern. Im Juli ist deine Mutter dran. Oder sie nimmt die Sauna den ganzen Sommer, ich kauf ihr einen Teppich hinein und hänge Vorhänge auf.“

„Das haben wir schon besprochen.“

„Nein. Besprochen haben wir gar nichts. Du hast es mir nur verkündet.“

Er schwieg lange. Ich hörte, wie bei ihm draußen das Gartentor im Wind quietschte.

„Anna.“ Seine Stimme klang plötzlich anders, so hatte ich ihn schon ewig nicht mehr gehört. „Mein Vater hat mich doch immer gebeten: Fahr mich noch einmal hinaus, fahr mich ins Haus. Und ich hab immer gesagt: später. Einmal hatte ich Dienst, dann war das Auto in der Werkstatt. Am Ende hab ich ihn nie hingebracht. Lass uns vernünftig sein. Wie soll ich jetzt zu meiner Mutter sagen: Geh in die Sauna?“

Ich sagte nichts und drehte den Ring an meinem Finger. Noch ein bisschen, und ich hätte gesagt: gut, dann soll sie eben unten wohnen. Ehrlich. Ich hatte den Mund schon offen.

„Und meine Eltern?“, fragte ich.

„Deine werden es schon aushalten. Die sind zu zweit, denen wird nicht fad.“

Wieder dieses Wort. Zum zweiten Mal. Und diesmal nicht im Zorn auf einem Parkplatz, sondern ruhig, nach reiflicher Überlegung.

„Dann machen wir es so“, sagte ich. „Bis Samstag ist das Zimmer frei. Sonst erledige ich es auf meine Art.“

„Und wie soll das ausschauen?“

„Das wirst du sehen.“

„Drohen brauchst du mir nicht“, sagte er müde. „Am Donnerstag nehm ich meine Mutter mit in die Stadt. Sie muss zur Post wegen der Pension und ihre Blumen gießen. Am Samstag bring ich sie wieder hinaus. Und bitte ohne Theater.“

Einen Handwerker fand ich auf willhaben in vielleicht zwanzig Minuten. Meinen Dienst tauschte ich mit Barbara; sie schuldete mir ohnehin noch etwas wegen ihrer ganzen Krankenstände. Mama sagte ich am Telefon nur kurz: Am Freitag hol ich euch mit dem Taxi, pack die Setzlinge zusammen. Sie fragte, ob Tobias Bescheid wisse. Ich sagte, er werde es schon erfahren.

Am Donnerstag gegen Mittag trafen der Handwerker und ich uns vor dem Tor der Gartensiedlung „Vogelbeerbaum“. Er war vielleicht fünfundzwanzig, kam mit einem gelben alten Kleinwagen und zog dauernd die Nase hoch, obwohl es draußen schon richtig mild war. Er wechselte das Schloss am Gartentor und den Zylinder in der Haustür. Für Arbeit und Material zahlte ich sechsundvierzig Euro fünfzig.

Danach begann ich zu packen. Langsam, fast drei Stunden lang. Für Theresa wurden es vier Taschen und ein Fernseher, den ich in eine Decke einwickelte. Die Tasse mit dem goldenen Rand schlug ich in ein Handtuch und legte sie ganz obenauf. Auf die Kommode hatte meine Schwiegermutter inzwischen ein gerahmtes Foto ihres Mannes gestellt, jenes, auf dem er mit Kappe vor der Garage stand. Den Rahmen wickelte ich in mein Tuch, damit das Glas nicht zerbrach. Danach saß ich noch zwei Minuten auf dem Bett und rührte mich nicht.

Tobias’ Sachen legte ich gesondert zusammen: Rasierer, Trainingsanzug, zwei Pullover, Handy-Ladegerät. Sein Werkzeug im Schuppen ließ ich unangetastet.

Die Liste füllte zwei handgeschriebene Seiten. Claudia unterschrieb, presste dabei aber die Lippen zusammen.

„Ach, Anna“, sagte sie. „Er wird dir diese Sauna nicht verzeihen.“

Hedis Stube