„Die Sauna steht noch dort, wo sie gestanden ist.“
„Ich red nicht von den Brettern.“
Die Matratze von Papa habe ich wieder aufs Bett gelegt und frisch überzogen. Nur sein alter Empfänger, der „Ozean“, der sein ganzes Leben lang auf dem Fensterbrett gestanden ist, war nirgends aufzutreiben. Nicht auf der Veranda, nicht im Schuppen. Ich habe alles abgesucht.
Samstag beim Gartentor
Meine Eltern habe ich am Freitagabend mit dem Taxi hergebracht. Fünfzehn Euro hat die Fahrt gekostet, Mama hat den ganzen Weg eine Steige mit Paradeisern auf den Knien gehalten. Papa hat sich bis zuletzt gesträubt. Ich habe zu ihm gesagt: Papa, du hast doch selbst gesagt, das Häuschen gehört mir, also lade ich euch jetzt ein. Darauf ist ihm nichts mehr eingefallen.
Sie sind am Samstag gegen zehn gekommen. Nein, eigentlich früher: Mama hatte den Brei noch nicht einmal vom Herd genommen.
Zuerst habe ich den Kombi gehört. Dann, wie Tobias mit dem Schlüssel am Gartentor herumgestochert hat. Gleich darauf hat er mich am Handy angerufen, obwohl ich auf der Veranda gestanden bin und er mich sehr wohl gesehen hat.
Ich bin hingegangen. Aufgesperrt habe ich nicht.
„Was soll das sein?“, hat er durch den Maschendraht gefragt.
„Ein neues Schloss.“
„Mach auf.“
„Nein. Eure Sachen sind zusammengerichtet. Hier ist die Liste, Claudia hat unterschrieben. Ich bring sie euch gleich raus.“
Er hat die erste Seite gelesen, die zweite nicht mehr.
„Du lässt meine Mutter am Zaun stehen?“
„Ich habe sie in die Sauna eingeladen. Und für Juli auch. Du hast gesagt, meine Leute werden es schon überleben.“
„Das hab ich im Zorn gesagt!“
„Du hast es zweimal gesagt, Tobias. Das zweite Mal am Mittwoch, am Telefon.“
Er hat noch einmal am Gartentor gerüttelt, diesmal schon ohne Wut, eher so, wie man prüft, ob das Gas wirklich abgedreht ist. Der Draht hat geklirrt. Auf Claudias Seite hat die Hacke aufgehört zu klopfen.
„Siebenundzwanzig Jahre, Anna.“
„Ich weiß, wie viele es sind.“
Theresa ist aus dem Auto ausgestiegen. In ihrem beigen Mantel, in der Hand ein Sackerl vom Billa. Sie ist nähergekommen, hat erst das neue Schloss angeschaut, dann mich.
„Anna, bin ich dir denn eine Fremde?“
„Nein. Aber in diesem Zimmer wohnt mein Vater.“
Genau in dem Moment ist Papa auf die Veranda hinausgetreten, in seiner ärmellosen Gartenweste.
„Anna, lass sie doch rein. Die Leut schauen ja. Wir gehen mit der Mama hinauf, ich komm schon irgendwie langsam rauf.“
„Papa, geh bitte wieder ins Haus.“
„Tochter.“
„Geh ins Haus, bitte.“
Hättet ihr aufgemacht? Die Sonne hat schon in der Früh ordentlich hingebrannt, meine Schwiegermutter ist im Mantel dagestanden, und in ihrem Sackerl waren ein Wecken Brot und Kefir, das habe ich durch die Folie gesehen. Mein eigener Vater hat mich gebeten. Hinter dem Zaun hat Claudia so getan, als würde sie die Erdbeeren jäten.
Ich habe nicht aufgemacht.
Die Taschen habe ich einzeln hinausgetragen und vor dem Gartentor ins Gras gestellt. Den Fernseher hat Papa hinausgeschleppt, bevor ich ihn aufhalten konnte. Tobias hat ihn ihm abgenommen, und einen Augenblick sind sie so dagestanden, beide mit den Händen an derselben Decke.
„Josef, gegen Sie hab ich nichts.“
„Ich weiß, Tobias“, hat Papa gesagt und ist wieder ins Haus gegangen.
Tobias hat alles ins Auto geladen und ist noch einmal zum Maschendraht zurückgekommen.
„Die Sauna zerlege ich dir. Brett für Brett fahr ich sie weg. Und wegen dem Brunnen geh ich vor Gericht.“
„Dann geh.“
„Anna, jetzt red ma vernünftig. Ich hab’s ja im Guten gewollt.“
„Im Guten hättest du vorher gefragt.“
Theresa hat mich nicht mehr angeschaut. Sie hat nur zu ihrem Sohn gesagt: „Fahr ma, Tobias, sonst wird der Kefir warm.“ Und dann sind sie gefahren.
Jetzt ist Oktober, die Erdäpfel haben wir ohne ihn ausgegraben.
Tobias wohnt bei seiner Mutter. Die Wintersachen hat er im Juni geholt, als ich Dienst gehabt habe; die Wohnungsschlüssel hat er ja noch gehabt. Die Scheidung hat er nicht eingereicht, ich auch nicht. Im August ist ein Schreiben von seinem Anwalt gekommen, eine Forderung. Sauna und Brunnen sind geschätzt worden, von mir wollen sie 4.126 Euro. Auf meinem Konto liegen 1.430. Mein Anwalt mit der Weste sagt, man könne verhandeln, oder man könne vor Gericht gehen; dort würden sie ein eigenes Gutachten bestellen, und was dabei herauskommt, könne einem vorher niemand sagen. Ich habe bis jetzt nicht geantwortet.
Die 850 Euro für den Brunnen habe ich Theresa schon im Juni überwiesen, in zwei Raten, von meinem Urlaubsgeld. Zurücküberwiesen hat sie mir nichts, geschrieben aber auch nicht. Später hat mir Tobias’ Tante ausgerichtet, die Schwiegermutter sei den ganzen Sommer über nicht weiter als bis zur Bank vor dem Haus gekommen. Sie hat es mit so einem Gesicht gesagt, dass ich es mir ja ordentlich zu Herzen nehme.
Die Sauna steht noch immer, niemand hat sie zerlegt. Papa geht nicht hinein. Er wäscht sich in der Küche in einer Schüssel und sagt: „Das ist nicht von mir gebaut worden.“ Wenn ich ehrlich bin, macht mich das zornig. Wegen ihm bin ich mit meinem Mann auseinandergegangen, und er planscht in der Schüssel herum.
Obwohl — nein. Nicht wegen ihm. Ich habe ihm damals ja selbst gesagt, wegen wem.
Katharina hat schon im Mai aus Graz angerufen. „Mama“, hat sie gesagt, „du hast Oma Theresa mit den Taschen vor dem Tor stehen lassen, bist du eigentlich noch normal?“ Sie hat versprochen, im August zu kommen, und ist nicht gekommen. Im Familienchat setzt sie Herzchen nur unter Papas Fotos. Unter meinen Paradeisern kein einziges.
Die „Ochsenherz“ sind übrigens wieder aufgeplatzt. Mama sagt, die Sorte sei halt so.
Claudia grüßt nur jedes zweite Mal, warum auch immer; ich habe ihr nichts getan. Der Empfänger ist bis heute nicht aufgetaucht. Papa fragt nicht danach. Die Nachrichten hört er jetzt übers Handy und hält es ans Ohr wie eine Muschel.
Manchmal in der Nacht gehe ich alles noch einmal durch. Das Schloss. Die Liste. Dieses Sackerl mit dem Kefir. Papas „Tochter“ von der Veranda her. Er hat damals ja nicht gebeten, weil er schwach war. Er hat sich vor den Leuten geschämt. Und für mich auch.
