— Wenn ich deine Mutter noch ein einziges Mal um sechs in der Früh in unserem Schlafzimmer erwische, schmeiß ich sie hinaus — und dich gleich mit! — schrie Anna, als sie gemerkt hat, dass ihre Geduld endgültig am Ende war.
Lukas war gerade von der Nachtschicht aus der Fabrik heimgekommen. Er war völlig erledigt, der Kopf noch voll vom Dröhnen der Maschinen, und er hat sich nichts sehnlicher gewünscht als ein bisserl Ruhe. Stattdessen ist er in ein Gefühlsgewitter hineingeplatzt, das seine gewohnte Ordnung mit einem Schlag ins Wanken gebracht hat.
Auslöser war wieder einmal Barbara gewesen. Bereits zum sechsten Mal in diesem Monat hatte sie ihren Reserveschlüssel benutzt. Anna ist aufgewacht, weil sie gespürt hat, dass noch jemand im Raum war. Als sie die Augen aufgemacht hat, hat sie die Silhouette ihrer Schwiegermutter neben dem Bett stehen sehen. Barbara hat sich über ihren schlafenden Sohn gebeugt und ihn aufmerksam gemustert, als würde sie prüfen, ob er eh ordentlich zugedeckt ist.
„Ist sie noch ganz bei Trost?“, hat Anna leise vor sich hin gemurmelt, nachdem Barbara lautlos aus dem Schlafzimmer verschwunden war.
Beim Frühstück hat die Schwiegermutter dann erklärt, sie habe sich nur vergewissern wollen, dass Lukas nach der harten Arbeit auch wirklich tief und fest schläft. Ein Mutterherz kenne schließlich keine Pause. Anna hat geschwiegen, doch innerlich hat es in ihr gebrodelt.

Jetzt, wo Lukas zur Tür hereingekommen ist, ist alles aus ihr herausgebrochen.
— Kapierst du eigentlich, was deine Mutter da aufführt? — Anna ist in der Küche auf und ab gegangen, die Hände in der Luft. — Sie spaziert in unser Schlafzimmer, als wäre es ihr eigenes! Sie kontrolliert, wie du schläfst! Ich bin dreißig, Lukas, und komm mir vor wie ein unmündiger Teenager unter Aufsicht!
Lukas hat sich schwer auf einen Sessel fallen lassen. Sein Schädel hat noch immer vom Lärm der Produktionshalle gedröhnt, und Annas laute Stimme hat es nicht besser gemacht.
— Anna, bitte, red nicht so laut. Mama sorgt sich halt. Sie meint es nicht böse.
Diese Worte sind wie ein Funke ins Pulverfass gefallen. Anna hat sich abrupt zu ihm umgedreht. In ihren Augen lag etwas Neues. Nicht bloß Zorn — sondern eine kühle Entschlossenheit.
— Sie meint es nicht böse? Hörst du dir eigentlich selber zu? Deine Mutter behandelt unsere Wohnung wie einen öffentlichen Durchgang! Sie hat zu jedem Raum einen Schlüssel, kommt, wann es ihr passt, und geht herum, wo sie will! Und du verteidigst das auch noch!
— Das ist doch kein Unsinn — hat Lukas matt widersprochen. — Sie ist allein, sie macht sich Sorgen …
— Allein? — Anna hat bitter aufgelacht. — Das ist keine Einsamkeit, das ist Kontrolle! Sie will unser Leben lenken. Und das Schlimmste daran: Sie schafft es, weil du sie lässt!
Lukas hat sich gefühlt, als würde man ihn in die Zange nehmen. Auf der einen Seite seine Frau, die sichtlich unter diesem Verhalten leidet. Auf der anderen Seite seine Mutter, die tatsächlich allein war und für die er der Mittelpunkt ihres Daseins geblieben ist.
— Anna, lass uns vernünftig bleiben. Ich geh zu Mama und red noch einmal mit ihr …
— Noch einmal reden? — Sie ist direkt vor ihm stehen geblieben. — Du hast schon hundertmal „mit ihr geredet“. Und was hat’s gebracht? Sie taucht immer öfter auf! Früher hat man nur die Schlüssel im Vorzimmer klimpern gehört. Jetzt schleicht sie durch die Wohnung wie ein Gespenst!
Anna ist zum Fenster gegangen und hat hinaus in den Hof geschaut. Unten, auf der Bank direkt unter ihrem Fenster, ist Barbara gesessen. Eine Zeitung hat sie in der Hand gehalten, doch immer wieder hat sie den Blick gehoben und zu ihren Fenstern hinaufgesehen.
— Schau doch, Lukas. Da sitzt sie. Beobachtet unsere Fenster wie ein Wachposten. Wie eine… wie eine Stalkerin!
Lukas ist neben sie getreten und hat ebenfalls hinausgeschaut. Tatsächlich, seine Mutter ist unten im Hof gesessen. Eigentlich nichts Ungewöhnliches — sie ist gern draußen an der frischen Luft. Aber nach Annas Worten hat das Bild plötzlich einen anderen Beigeschmack bekommen.
— Sie sitzt doch nur da. Was soll daran so außergewöh…
