…liches sein soll?
Anna hat ihn direkt angeschaut. In ihrer Stimme ist Verzweiflung mitgeschwungen.
— Lukas, kapierst du das wirklich nicht? Oder tust du nur so? Sie beobachtet uns! Sie weiß genau, wann wir daheim sind, wann wir weggehen und wann wir zurückkommen. Unseren Tagesablauf kennt sie besser als wir selber! Und du fragst ernsthaft, was daran seltsam sein soll?
In ihm ist Gereiztheit hochgestiegen. Der Arbeitstag ist lang gewesen, er war müde, wollte einfach nur seine Ruhe — und stattdessen wieder diese endlosen Diskussionen über seine Mutter.
— Anna, jetzt reicht’s. Ja, Mama überschreitet manchmal Grenzen. Aber sie meint es nicht böse. Sie sorgt sich halt um mich und will sicher sein, dass bei uns alles passt.
— Sorgen? — Anna hat die Augen schmal gezogen. — Lukas, es geht ihr nicht um dich. Es geht darum, dein Leben zu steuern. Das ist ein Unterschied, und zwar ein gewaltiger.
— Jetzt übertreibst du aber.
— Wirklich? Dann sag mir eines: Wann hast du zuletzt eine Entscheidung für uns getroffen, ohne vorher mit deiner Mutter Rücksprache zu halten?
Er ist abrupt still geworden. Die Frage hat ihn unvorbereitet getroffen.
— Was soll das heißen?
— Die neue Couch — mit ihr abgesprochen. Die Renovierung vom Bad — ebenfalls. Sogar die Tapete im Schlafzimmer haben wir nach ihrer Meinung ausgesucht. Und erinnerst du dich an mein Jobangebot? Die Beförderung, bei der ich in einen anderen Bezirk hätte wechseln sollen? Wer hat dir eingeredet, das wäre keine gute Idee? Wer hat dir gesagt, eine Ehefrau soll gefälligst in der Nähe vom Zuhause arbeiten?
Lukas hat nichts erwidert. Die Erinnerungen sind ihm durch den Kopf gegangen, eine nach der anderen, und das Bild, das sich ergeben hat, war alles andere als angenehm.
— Aber es ist doch normal, dass man seine Eltern um Rat fragt …
— Rat? — Anna hat bitter gelächelt. — Sie gibt keinen Rat, Lukas. Sie verteilt Anweisungen. Und du führst sie aus wie ein braver Bub.
Sie ist zum Tisch gegangen und hat ihr Handy in die Hand genommen.
— Weißt du was? Probieren wir es aus. Ruf sie jetzt an und sag ihr, dass wir die Schlösser austauschen lassen. Keine lange Erklärung. Einfach eine Information.
— Wozu das?
— Weil es unser gutes Recht ist! Das ist unsere Wohnung, Lukas. Wir entscheiden, wer einen Schlüssel hat — und wer nicht.
Er hat sein Telefon genommen, doch seine Finger sind reglos geblieben.
— Das ist meine Mutter. Sie wird gekränkt sein.
— Und ich bin es längst! — Anna hat sich ihm gegenüber hingesetzt. — Gekränkt, weil ich in einer Wohnung lebe, in der ich keinen privaten Raum habe. Wo deine Mutter jederzeit ins Schlafzimmer spazieren kann, während ich schlafe, und alle finden das völlig normal.
Sie hat ihn ernst angesehen.
— Ich verlange nicht, dass du den Kontakt abbrichst. Ich will nur, dass du Grenzen ziehst. Dass du unsere Familie schützt. Unseren Raum. Unsere Beziehung.
— Aber wie soll ich ihr das erklären?
— Gar nicht groß erklären. Sag einfach: „Mama, wir haben die Schlösser wechseln lassen. Wenn du kommen willst, ruf bitte vorher an.“ Mehr braucht es nicht.
Lukas hat das Handy in der Hand gedreht. Er hat gewusst, dass Anna recht hatte. Und doch — seiner Mutter entgegenzutreten, hat ihm Angst gemacht. Barbara konnte beleidigt sein wie keine Zweite. Dann hat sie tagelang geschwiegen, Tränen vergossen, Vorwürfe gemacht — und das hat er kaum ausgehalten.
— Und wenn sie traurig ist?
— Dann ist sie eben traurig! — Anna ist aufgesprungen. — Du bist ein erwachsener Mann. Du hast eine Frau, ein eigenes Leben. Du kannst doch nicht für immer in der Angst leben, deine Mama zu kränken!
In diesem Moment hat sich der Schlüssel im Schloss gedreht. Die Wohnungstür ist aufgegangen, und im Vorraum sind vertraute Schritte erklungen.
— Grüß euch, ihr zwei! Ich bin wieder da! Ich hab euch nicht am Fenster gesehen und mir gedacht, ich schau schnell nach, ob eh alles in Ordnung ist …
