„Wenn ich deine Mutter noch ein einziges Mal um sechs in der Früh in unserem Schlafzimmer erwische, schmeiß ich sie hinaus — und dich gleich mit!“ schrie Anna, die nach Barbaras sechstem nächtlichen Eindringen endgültig die Geduld verlor

Diese heimliche Kontrolle ist respektlos und zutiefst demütigend.
Geschichten

Anna hat Lukas nur kurz angesehen. In ihrem Blick ist deutlich gestanden: Siehst du jetzt, was ich meine?

Barbara ist ohne weitere Umstände in die Küche marschiert, ein prall gefülltes Sackerl in der Hand.

— Lukaserl, ich hab dir daheim frischen Borschtsch gekocht und mitgebracht. Und Erdäpfel mit Fleisch auch. Du hast meine Erdäpfel doch immer am liebsten gegessen. — Ihr Blick ist dabei wie zufällig über Anna geglitten. — Manche verlernen ja das Kochen ganz schnell.

Anna hat gespürt, wie ihr die Hitze ins Gesicht gestiegen ist. Jeder Besuch der Schwiegermutter ist mit solchen scheinbar fürsorglichen Seitenhieben verbunden gewesen.

— Danke, Barbara, aber ich koche für meinen Mann selbst, — hat sie ruhig erwidert.

— Gewiss, gewiss, — hat Barbara abgewunken. — Aber das Essen von der eigenen Mutter ist halt doch das Beste. Nicht wahr, Lukas?

Lukas ist dagestanden wie auf Nadeln. Die Spannung zwischen den beiden Frauen ist beinahe greifbar gewesen, und er hat sichtlich nicht gewusst, wie er reagieren soll.

— Mama, danke dir, aber du hättest dir wirklich nicht extra die Mühe machen müssen …

— Ach was, das ist doch keine Mühe! Ich wohn eh ums Eck. — Sie hat sich bereits umgesehen. — Übrigens, Anna, im Bad löst sich eine Fliese. Das sollte Lukas am Wochenende reparieren.

Anna hat unwillkürlich die Hände geballt. Barbara ist also nicht nur mit Essen gekommen — sie hat die ganze Wohnung inspiziert.

— Barbara, wann genau ist Ihnen denn diese Fliese aufgefallen?

— Na ja … heute in der Früh. Ich hab nur kurz nach dem Rechten schauen wollen. Lukas hat gestern so müde ausgeschaut. Da hab ich eben ins Bad hineingeschaut, auf dem Weg.

— Auf welchem Weg?

Für einen Moment ist Barbara verstummt.

— Ach, das ist doch nebensächlich. Wichtig ist nur, dass es gemacht gehört.

Anna ist aufgestanden. Jetzt war der Punkt erreicht.

— Finden Sie es nicht merkwürdig, dass Sie am Morgen in unsere Wohnung kommen und jeden Raum kontrollieren?

— In welche Wohnung denn? — hat Barbara empört aufgerufen. — Das ist die Wohnung meines Sohnes!

— Es ist die Wohnung Ihres Sohnes und seiner Frau. Und wir haben ein Recht auf Privatsphäre.

— Anna! — hat Lukas versucht einzugreifen.

Doch sie hat sich nicht mehr bremsen lassen.

— Nein, Lukas. Es reicht. — Sie hat Barbara direkt angesehen. — Ich bitte Sie: Geben Sie uns die Wohnungsschlüssel zurück.

Die Luft im Raum ist erstarrt. Barbara ist erst bleich geworden, dann rot.

— Wie bitte? Ihr verlangt von mir, dass ich die Schlüssel zur Wohnung meines eigenen Kindes abgebe?

— Ich verlange nur Respekt vor unseren Grenzen. Wenn Sie kommen möchten, rufen Sie vorher an. Das ist in jeder Familie selbstverständlich.

— Vielleicht in anderen Familien! — Barbara hat sich zu Lukas gedreht. — Und du? Lässt du zu, dass diese … diese Schwiegertochter deine Mutter aus deinem eigenen Zuhause vertreibt?

Alle Blicke haben sich auf Lukas gerichtet. Er ist mit gesenktem Kopf dagestanden. Noch nie in seinem Leben hat er sich so zerrissen gefühlt. Auf der einen Seite seine Mutter, die ihn nach der Scheidung allein großgezogen hat. Auf der anderen Seite seine Frau, die er liebt — und die mit ihrer Forderung nicht unrecht hat.

— Mama … — hat er leise begonnen. — Vielleicht hat Anna recht. Vielleicht brauchen wir tatsächlich mehr Abstand. Mehr eigenen Raum.

Barbara hat ihn angestarrt, als hätte er sie verraten.

— Du stellst dich also auf ihre Seite?

— Ich stelle mich auf keine Seite. Ich finde nur, dass ein Ehepaar sein Leben selbst gestalten sollte.

Langsam hat sich Barbara gesetzt. Tränen sind ihr über die Wangen gelaufen.

— Also braucht ihr mich nicht mehr. Ich bin euch wohl lästig geworden. Fremd bin ich euch.

Anna hat einen Stich im Herzen gespürt. Sie wollte die ältere Frau nicht verletzen. Aber zurück konnte sie jetzt nicht mehr.

— Barbara, Sie sind nicht fremd. Sie sind Lukas’ Mutter. Doch jeder Mensch braucht seinen eigenen Platz und klare Grenzen.

— Welche Grenzen denn? — hat Barbara unter Schluchzen gefragt. — E

Hedis Stube