Was dann folgte, klang wie ein schlechter Scherz. Lukas ließ über seinen Anwalt beantragen, ihm die Hälfte der Wohnung zuzuerkennen – mit der Begründung, er habe während der Ehe „wesentliche, untrennbare Verbesserungen“ vorgenommen, die den Wert der Immobilie deutlich gesteigert hätten.
Die Aufzählung dieser angeblichen Investitionen sorgte selbst im Saal für leises Stirnrunzeln: das Regal im Badezimmer, der Austausch des Küchenhahns, das Ausmalen der Wohnzimmerwand und – als Krönung – die Behauptung, er habe regelmäßig die Betriebskosten beglichen und damit „zum Erhalt des Objekts“ beigetragen.
Nachdem der Anwalt geendet hatte, hob die Richterin – eine ältere Dame mit müdem, aber wachem Blick – den Kopf und sah Anna direkt an.
„Wie lautet Ihre Stellungnahme?“
Anna erhob sich. Sie sprach nicht von enttäuschten Hoffnungen, nicht von Betrug oder verletztem Vertrauen. Sie wählte die Sprache, die sie beherrschte: die der Fakten.
„Hohes Gericht“, begann sie ruhig, mit fester Stimme, „die Forderung meines Ex‑Mannes entbehrt jeder rechtlichen Grundlage. Die Wohnung befindet sich seit vor unserer Eheschließung in meinem Alleineigentum. Das belegt der Grundbuchsauszug.“
Sie legte das Dokument vor.
„Zu den sogenannten untrennbaren Verbesserungen.“ Ein weiterer Stapel Unterlagen folgte. „Hier ist die Rechnung für das erwähnte Badezimmerregal. Kaufpreis: 800 Rubel.“ Sie machte eine kurze Pause. „Hier die Honorarnote des Installateurs. Ich musste ihn rufen, nachdem mein Ex‑Mann eigenmächtig den Wasserhahn ‚reparieren‘ wollte und dabei die darunterliegende Wohnung unter Wasser gesetzt hat. Der entstandene Schaden belief sich auf 50.000 Rubel – beglichen aus meinem Gehalt.“
Ein Rascheln ging durch den Saal.
„Und hier Fotos der Wohnzimmerwand, die er gestrichen hat.“ Die Bilder wanderten nach vorne. „Deutliche Streifen, Farbspritzer am Parkett. In der Folge war eine Fachfirma notwendig, um den Raum vollständig zu sanieren.“
Ein Beleg nach dem anderen fand seinen Platz auf dem Richtertisch.
„Was die Betriebskosten betrifft …“ Ein kaum merkliches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Hier meine Zahlungsnachweise der letzten zehn Jahre. Rund neunzig Prozent der Vorschreibungen wurden von mir überwiesen. Und hier die Kontoauszüge meines Ex‑Mannes im selben Zeitraum.“
Sie blätterte um. „Wie ersichtlich, investierte er äußerst engagiert in hochwertige Angelruten, Ausflüge zum Fischen und diverse technische Spielereien.“
Als sie geendet hatte, lag eine dichte Stille im Raum. Der Anwalt warf Lukas einen scharfen Blick zu. Lukas selbst war blass geworden. Sein Plan einer „fairen“ Teilung zerfiel sichtbar.
Anna wandte sich noch einmal an die Richterin. „Vor diesem Hintergrund sehe ich keinerlei Anspruch meines Ex‑Mannes auf irgendeinen Anteil an meiner Wohnung. Im Gegenteil – würde man genau rechnen, ergäbe sich über die Jahre eine beträchtliche Summe, die er mir schuldet, da er auf meine Kosten gelebt hat. Doch anders als er werde ich der Vergangenheit keine Rechnung stellen. Ich ersuche lediglich um eine Entscheidung im Sinne des geltenden Rechts.“
Die Richterin zog sich kurz zur Beratung zurück. Keine fünf Minuten später war sie wieder da.
Der Antrag von Lukas wurde in allen Punkten abgewiesen.
Am Gang holte er Anna ein.
„Du…“, zischte er, „du hast mich ruiniert. Mich bloßgestellt.“
Anna sah ihn ein letztes Mal an. Kein Zorn lag in ihrem Blick, keine Bitterkeit – nur kühle, ferne Klarheit.
„Nein, Lukas“, sagte sie leise. „Das hast du selbst getan. In dem Moment, als du beschlossen hast, meine Liebe und mein Zuhause wie eine Ware zu behandeln, die man aufteilen kann.“
Ohne ein weiteres Wort wandte sie sich ab und ging den langen, hallenden Korridor entlang. Ihre Schritte klangen fest auf dem Boden. Sie drehte sich nicht mehr um.
Vor ihr lag ein neues Leben – frei, selbstbestimmt. In einem Zuhause, das sie sich bewahrt hatte. Und in diesem Leben würde es keinen Platz mehr geben für Menschen, die nur darauf warten, ihren „Anteil“ zu kassieren.
