…die Klageforderung zu verlesen.
Was dann folgte, ließ Anna innerlich den Kopf schütteln. Die Ansprüche waren an Absurdität kaum zu überbieten. Lukas beantragte allen Ernstes, ihm die Hälfte der Wohnung zuzusprechen – mit der Begründung, er habe während der Ehe „untrennbare Investitionen“ vorgenommen, die den Wert der Immobilie erheblich gesteigert hätten.
Die Aufzählung dieser angeblichen Wertsteigerungen klang wie eine schlechte Satire: das Wandregal im Badezimmer, der Austausch der Küchenarmatur, das Ausmalen der Wohnzimmerwand. Sogar die regelmäßige Bezahlung der Betriebskosten führte er als Beitrag zur „Erhaltung des Objekts“ ins Treffen.
Als sein Anwalt geendet hatte, hob die Richterin – eine ältere Dame mit müden Augen, die wohl schon zu viele solcher Dramen erlebt hatte – den Blick und wandte sich Anna zu.
„Wie lautet Ihre Stellungnahme?“
Anna erhob sich ruhig. Kein Wort über enttäuschte Gefühle, kein Vorwurf, kein Hinweis auf Betrug. Sie sprach in der Sprache, die sie beherrschte: sachlich, präzise, faktenbasiert.
„Hohes Gericht“, begann sie mit fester Stimme, „die Forderung meines geschiedenen Ehemannes entbehrt jeder rechtlichen Grundlage. Die Wohnung steht in meinem Alleineigentum. Sie wurde vor der Eheschließung erworben – der Grundbuchsauszug liegt hier vor.“
Sie legte das Dokument auf den Richtertisch.
„Zu den angeblich untrennbaren Investitionen: Ich darf Belege vorlegen.“
Ein weiteres Schriftstück folgte. „Hier die Rechnung für das erwähnte Badezimmerregal. Kaufpreis: umgerechnet keine nennenswerte Summe. Und hier die Honorarnote des Installateurs. Er musste kommen, nachdem mein Ex-Gatte versucht hatte, die Armatur eigenhändig zu reparieren – was damit endete, dass die darunterliegende Wohnung unter Wasser stand. Der entstandene Schaden war beträchtlich und wurde ausschließlich von mir beglichen.“
Man hörte das Rascheln von Papier, während sie weitere Unterlagen vorlegte.
„Was die Ausmalerei im Wohnzimmer betrifft: Fotos dokumentieren das Ergebnis – Farbstreifen an der Wand, Lackflecken am Parkett. Ich war gezwungen, eine Fachfirma mit der vollständigen Sanierung des Raumes zu beauftragen. Auch diese Kosten habe ich allein getragen.“
Ein Dokument nach dem anderen wanderte auf den Tisch.
„Und hinsichtlich der Betriebskosten“, fuhr sie fort, ein kaum merkliches Lächeln um die Lippen, „hier finden Sie die Zahlungsübersicht der letzten zehn Jahre. Rund neunzig Prozent der Überweisungen stammen von meinem Konto.“
Sie hielt kurz inne. „Im Gegensatz dazu belegen die Kontoauszüge meines Ex-Mannes eine bemerkenswerte Investitionsfreude – allerdings in Angelruten, Wochenendausflüge zum Fischen und diverse technische Spielereien.“
Stille breitete sich im Saal aus. Lukas’ Anwalt warf ihm einen missbilligenden Blick zu. Lukas selbst war blass geworden. Sein Plan einer „fairen“ Teilung zerfiel gerade öffentlich in seine Einzelteile.
Anna schloss ruhig: „Unter diesen Umständen sehe ich keinerlei Anspruch meines ehemaligen Ehepartners auf einen Anteil an meiner Wohnung. Rein rechnerisch bestünde vielmehr eine offene Forderung meinerseits für die Jahre, in denen ich seinen Lebensstil mitfinanziert habe. Doch im Gegensatz zu ihm beabsichtige ich nicht, die Vergangenheit in Rechnung zu stellen. Ich ersuche das Gericht lediglich, nach geltendem Recht zu entscheiden.“
Die Richterin zog sich kurz zur Beratung zurück. Keine fünf Minuten später war sie wieder da.
Die Klage wurde vollumfänglich abgewiesen.
Auf dem Gang holten die Schritte wider. Lukas eilte ihr nach.
„Du…“, presste er zwischen den Zähnen hervor. „Du hast mich ruiniert. Mich lächerlich gemacht.“
Anna sah ihn ein letztes Mal an. Ohne Zorn. Ohne Bitterkeit. Nur mit einer kühlen, fast fernen Klarheit.
„Nein, Lukas. Das hast du selbst getan. In dem Moment, in dem du beschlossen hast, meine Liebe und mein Zuhause wie eine Ware zu behandeln, die man aufteilen kann.“
Sie drehte sich um und ging den langen, hallenden Korridor entlang. Ihre Schritte klangen fest, beinahe leicht. Kein einziges Mal blickte sie zurück.
Vor ihr lag ein neues Leben – frei, selbstbestimmt, in den eigenen vier Wänden, die sie sich zurückerobert hatte. Und in diesem Leben würde es keinen Platz mehr geben für Menschen, die alles nur danach bemessen, welchen Anteil sie davon bekommen könnten.
